Loblied auf das Nichtstun

Stress in der Vorweihnachtszeit: Strategien einer Ergotherapeutin

Martin Schano
Martin Schano

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5.12.2021, 06:01 Uhr
Elisabeth Lottes hat vorgeschlagen, als Bebilderung dieses Interviews eine Fotomontage einer Pflegekraft mit vielen Armen abzudrucken. Unser Bildarchiv entdeckte stattdessen diese verzweifelte Weihnachtsfrau, die sehr gut zum Interviewthema passt.

© Foto: imago images/CSP_sebastiangauert Elisabeth Lottes hat vorgeschlagen, als Bebilderung dieses Interviews eine Fotomontage einer Pflegekraft mit vielen Armen abzudrucken. Unser Bildarchiv entdeckte stattdessen diese verzweifelte Weihnachtsfrau, die sehr gut zum Interviewthema passt.

Frau Lottes, die Ergotherapie steht immer ein wenig im Schatten der Physiotherapie. Müssen Sie oft erklären, was Sie eigentlich machen?

Ja, ich muss es oft erklären. Ergotherapie meint die Unterstützung in allen Lebensbereichen des Alltags, um Patienten – ich spreche lieber von Klienten –, jeden Alters die Selbständigkeit wieder zu ermöglichen oder überhaupt erst herzustellen. Der mögliche Behandlungsbereich ist damit sehr groß und vielseitig.


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Ist das überwiegend Handarbeit?

Nein, nicht nur. Wir arbeiten sehr individuell und alltagsorientiert mit den Klienten. Zwei Menschen mit gleichem Leiden können trotzdem eine unterschiedliche Zielsetzung haben.

Elisabeth Lottes (27) wohnt und arbeitet in Altdorf im Nürnberger Land. Sie ist angestellt in einer Kompetenzpraxis für Handtherapie und als Ergo- und Handtherapeutin auf die Behandlung von Kindern spezialisiert.

Elisabeth Lottes (27) wohnt und arbeitet in Altdorf im Nürnberger Land. Sie ist angestellt in einer Kompetenzpraxis für Handtherapie und als Ergo- und Handtherapeutin auf die Behandlung von Kindern spezialisiert. © Foto: privat

Wie finden Sie das heraus?

Indem wir im Gespräch analysieren: Um welche Bereiche geht es, wo ist der Mensch tätig? Wir unterscheiden drei Betätigungsbereiche: Produktivitität, Selbstversorgung und Freizeit. In der für viele stressigen Vorweihnachtszeit geraten diese Bereiche außer Balance, weil wir viel zu sehr produktiv sein müssen: Die Bude muss glänzen, wir müssen neben unserem Tagesgeschäft Geschenke und das Festessen besorgen, während im Betrieb womöglich der Jahresabschluss erstellt werden muss.

Wie kommen wir da unbeschadet durch?

Es empfiehlt sich, den Alltag genau zu beobachten, welche Tätigkeiten in den genannten Bereichen in welcher Menge vorkommen und welcher der Bereiche gerade zu kurz kommt.

Entspannung bei Gartenarbeit und Kochen

Klar, die Freizeit kommt oft zu kurz.

Ja, häufig. Wichtig ist hier jedoch die individuelle Bewertung: Auch Gartenarbeit oder Kochen kann auf manche Menschen entspannend wirken. Im Rahmen einer Behandlung zum Beispiel könnte ich dem Klienten spiegeln, wie ich seine Betätigungsfelder wahrnehme und ob ich zur Pflicht ein Gegengewicht sehe. Jeder soll in ausreichendem Maße tun, was ihm gut tut. Dazu lasse ich den Klienten selbst Vorschläge machen.

Was kommt da so zurück?

Manche wollen ein brachliegendes Hobby aufleben lassen wie zum Beispiel Stricken. Oder ich gebe kleine Impulse. Meine Lieblingsaufgabe zur Entschleunigung für Eltern, die ihr Kind zur Behandlung bringen, ist: "Machen Sie bewusst einfach mal nichts. Holen Sie sich einen Kaffee, setzen Sie sich hin und beobachten." Ein entspannter Elternteil hilft auch dem Kind, in Alltagssituationen ruhiger zu bleiben.


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Lassen Sie mich raten: Die häufigste Antwort ist: "Sie haben ja Recht, aber das geht alles nicht so, wie Sie das meinen."

Ich lasse niemanden alleine, aber ich appelliere an die eigene Verantwortung. Ich arbeite mit erwachsenen Menschen, es ist deren Stress. Und natürlich gibt es Aufgaben, die sich nicht einfach abgeben lassen.

Wie ändert man Gewohnheiten?

Indem man mit ganz kleinen Schritten beginnt. Wenn es nur eine kleine Tasse Kaffee ist, bei der man sich ausruht. Eine kurze Atemübung oder die Erlaubnis in der Vorweihnachtszeit, Verwandte um Hilfe zu bitten bei der Vorbereitung des Festessens. Mein Rat: Laden Sie doch die Familie an Heiligabend zum gemeinsamen Kochen ein. Aber Vorsicht: Für manche kann es befriedigend sein, den perfekten Gastgeber zu spielen. Das gilt es herauszufinden.

Lottes' Motto: "Alles kann, nichts muss"

Es geht also nicht darum, einen Maßnahmenkatalog für eine stressfreiere Lebensweise abzuarbeiten?

Es funktioniert nicht, uns Regeln aufzuzwängen. Veränderungen benötigen Zeit. Wir sollten auf Signale des Körpers hören. Wenn zum Beispiel das Handgelenk wieder wehtut, wird das Fenster halt mal nicht geputzt. Genau da wollen wir hin. Alles kann, nichts muss.


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Wer in der stressigen Vorweihnachtszeit dieses Interview gelesen hat, ist schon einen ersten Schritt gegangen.

Deshalb bekommt er ein Lob von mir: Sie haben sich Zeit für sich selbst genommen, gut gemacht!

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