Nürnberg ist für Hans Meyer zur zweiten Heimat geworden

2.11.2012, 20:29 Uhr
Hans Meyer scheute auf der Pressekonferenz vor dem Kräftemessen mit dem frisch gekürten Meister aus Stuttgart den Augenkontakt mit dem Objekt der Nürnberger Begierde.

© Peer Grimm Hans Meyer scheute auf der Pressekonferenz vor dem Kräftemessen mit dem frisch gekürten Meister aus Stuttgart den Augenkontakt mit dem Objekt der Nürnberger Begierde.

Im Hintergrund als Präsidiumsmitglied bei Borussia Mönchengladbach – und auf der großen Fußballbühne als gefragter Kommentator oder Gesprächspartner der Medien, die ihn ob seiner oft sarkastischen Sprüche entweder schätzen oder ablehnen.

Wie ist dieser Mann, der heute seinen 70. Geburtstag feiert, wirklich gestrickt? Er ist in jedem Falle, dies bestreiten auch seine Kritiker nicht, eine schillernde Persönlichkeit und ein Fachmann par excellence. Ein belebendes Element in der Fußballwelt, in der den meisten Hauptdarstellern nur noch dröge Aussprüche über die Lippen fließen.

Der erste Eindruck, als ich Hans Meyer kennenlernte, war beeindruckend. Er kam kurz vor der Wende als Trainer des FC Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitzer FC) zum Sportstammtisch „Schleudersitz“ nach Großgründlach. Als Moderator stellte ich mich ihm mit dem Hinweis vor, dass es sich um eine lockere Diskussionsrunde handle. Die Reaktion des bärbeißig wirkenden Gastes aus der DDR? „Dann bin ich hier absolut richtig“, sagte er und hieb mir so kräftig auf die Schulter, dass ich wochenlang Schmerzen hatte.

Meyer war locker wie kaum ein anderer prominenter Gast. Und so waren die Zuhörer bass erstaunt, denn sie hatten einem Trainer aus dem anderen Teil Deutschlands nicht so viel Witz und Schlagfertigkeit zugetraut. Einige Jahre später – er war inzwischen erfolgreicher Trainer des 1.FCN – wurde ich als Moderator einer Talkshow mit ihm und Schauspieldirektor Klaus Kusenberg das Opfer seines Sarkasmus: Er verkündete den staunenden Zuhörern, dass der Diskussionsleiter neben ihm vom Fußball keine Ahnung habe.

„Und das Schlimme ist, dass er darüber auch noch schreibt.“ Mein Konter: Ich erinnerte ihn an einen Fehleinkauf, den er zu verantworten hatte. Und spätestens zu diesem Zeitpunkt dämmerte mir eines: Fußballlehrer Meyer gleicht einem Boxer, der kräftig austeilt, aber auch einstecken kann.

Dies ist ein Fakt, mit dem sich aber der eine oder andere Medienvertreter nicht anfreunden kann. Immerhin schätzten alle seine lockeren Sprüche, zu denen kaum einer seiner Kollegen aus der Trainerzunft fähig war. Einer macht auch heute noch immer wieder die Runde: „Im Fußball baut man dir schnell ein Denkmal, aber genauso schnell pinkelt man es an.“

In der einstigen Fußballhochburg Nürnberg hätten sie ihm 2007 am liebsten auch ein Denkmal gebaut: Der Gewinn des DFB-Pokals und auch die Teilnahme am UFEA-Cup versetzte die Fans nach vielen tristen Jahren in eine kaum noch für möglich gehaltene Jubelstimmung. Doch der Glanz verblasst, wie Meyers erwähnter Spruch verdeutlicht, oft blitzschnell: Als sich der Club in der folgenden Saison auf einem Abstiegsplatz befand, endete die „Ehe“ mit der Scheidung. Doch die Zeit heilt bekanntlich Wunden: Meyer hat längst mit dem Verein seinen Frieden gemacht.

Er besitzt eine Dauerkarte und besucht, wenn er es einrichten kann, auch die Heimspiele. Nürnberg ist dem in Thüringen aufgewachsenen Ex-Trainer längst zur zweiten Heimat geworden. Mit seiner Lebensgefährtin Maren Zimmermann wohnt er unterhalb der Kaiserburg. Von hier aus hat er einen tollen Blick auf die Stadt, die ihm im Prinzip mehr Freude als Ärger bereitet hat.

Die Vita des Trainers Hans-Joachim Meyer ist mit stolzen Erfolgen reichlich bestückt. Begonnen hat seine Laufbahn beim SC Motor Jena. Als damals jüngster Trainer der DDR-Oberliga führte er Carl Zeiss Jena zu einigen Titeln und sogar 1981 zur Finalteilnahme im Europapokal der Pokalsieger. Dass diese mit einem 1:2 gegen Dynamo Tiflis endete, wurmt ihn noch heute: „Das ist die bitterste Niederlage in meiner ganzen Laufbahn, weil sie völlig überflüssig war.“

Egal, wo er auch tätig war, immer schlägt ihm heute noch viel Sympathie entgegen. Die Erfolge beim holländischen Klub FC Twente Enschede („Bis dahin habe ich nicht für Geld, sondern für den Sozialismus gearbeitet“), bei Hertha BSC, Borussia Mönchengladbach und eben beim 1.FCN sind bei den Fans nicht vergessen.

Seine Beliebtheit in der Noris spürt der Jubilar permanent, wenn er durch die Gassen der Altstadt spaziert. Hoch im Kurs steht er nach wie vor in Chemnitz, wo er den FC von 1988 bis 1993 betreut hat: Als er vor zwei Jahren das Pokalspiel gegen den VfB Stuttgart besuchte, ging es auf der Tribüne von Mund zu Mund: „Unser Hans ist da.“

Meyer, der heute von einer vor einem Jahr unternommenen Weltreise („Es gibt noch viele interessante Dinge“) schwärmt, ist zwar nominell Rentner, verdient aber eher den Begriff Unruheständler. Eine andere Formulierung lassen seine vielen Tätigkeiten in Gladbach, als Kommentator, Mitglied der Deutschen Akademie für Fußballkultur, Trainer der Autoren-Nationalmannschaft usw. nicht zu. Langeweile jedenfalls ist für den Theaterfreund ein Fremdwort.

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