Untrennbar: Der Sport und das Grundgesetz

Hans Böller
Hans Böller

Sportchef der Nürnberger Nachrichten

E-Mail zur Autorenseite

23.5.2019, 12:55 Uhr
Engagement aus der Kurve: Vor sieben Jahren erinnerten die Fans des 1.FC Nürnberg an Jenö Konrad, den von den Nazis verfolgten Trainer. Initiativen gegen Rassismus, Antisemitismus oder Homophobie sieht man beim Sport im ganzen Land.

Engagement aus der Kurve: Vor sieben Jahren erinnerten die Fans des 1.FC Nürnberg an Jenö Konrad, den von den Nazis verfolgten Trainer. Initiativen gegen Rassismus, Antisemitismus oder Homophobie sieht man beim Sport im ganzen Land. © Foto: Daniel Marr/Zink

Es ist erst ein paar Monate her, dass sich der größte Fußball-Betrieb im Land dezidiert auf den Artikel 1 des der Republik berief – weil es "an der Zeit" sei, "dass sich der wichtigste Klub in Deutschland einmal klar positioniert", wie es der Präsident dieses Profifußball- Unternehmens formulierte. Das hätte hochinteressant werden können, geriet aber zu einer Peinlichkeit sondersgleichen. Denn den Passus von der Unantastbarkeit der Menschenwürde führte der FC Bayern München für einen Rundumschlag gegen (mediale) Kritiker an. Selten ist im Profisport eine solche Posse inszeniert worden.

Menschenwürde, Grundrechte und der Sport: Neu ist diese Debatte natürlich ganz und gar nicht, der Geist des Phänomens Sport, das im zwanzigsten Jahrhundert wie kaum ein zweites – vom Kapitalismus einmal abgesehen – die Welt eroberte, beruht auf den Menschenrechtserklärungen, man kann das in der Charta des IOC, des Internationalen Olympischen Komitees, nachlesen.

Jede Form der Diskriminierung ist damit – man muss es sich manchmal in Erinnerung rufen – unvereinbar. Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit, eine völkerverbindende Kraft, das alles gehört zum modernen Sport, zusammengefasst in dessen Grundgesetz, dem Fairplay-Gedanken, auf dem die Idee fußt. Zumindest im Ideal – aber auch in der Lebenswirklichkeit entfaltet der Sport eine besondere Kraft. Überall dort, wo Menschen miteinander spielen.

Das Spielen verbindet Menschen jedweder ethnischer oder soziokultureller Herkunft. Toleranz und Fairness sind dabei selbstverständlich gelebte Werte, das hat fast jeder schon ausprobiert und erfahren – im Urlaub am Strand, auf dem Schulhof, im Verein vor Ort, in Stadien, auf Sportplätzen. Auch im professionellen Hochleistungssport lebt – nebst Manipulationen, Egoismen, Gier und Betrug – der Fairplay-Gedanke. Und: In den meisten Sportarten spielen Herkunft, Hautfarbe oder Lebensweisen keine Rolle für die Aussichten auf Erfolg, in dieser Hinsicht steht Sport tatsächlich für Gleichheit.

Geschäfte mit Despoten

Sport könnte also eine gesellschaftliche Vorbildrolle spielen – wäre es nicht auch ein Geschäft, ein Teil des kapitalistischen Wirtschaftssystems, geworden, mit dem unterschiedliche Interessengruppen viel Geld verdienen. Dazu brauchen sie, das ist die Ironie daran, die Werte der Idee Sport, die sie nutzen, weil sie sich davon Glaubwürdigkeit versprechen. Heraus kommt eine Perversion des Gedankens; bröckelt die Fassade, reagieren nicht nur die Wortführer von Bayern München mit einer Hybris, die entlarvend wäre, hätte man sich nicht daran gewöhnt. Der Präsident des Fußball-Weltverbandes Fifa fordert ernsthaft den Friedensnobelpreis für seine Organisation, der Präsident des IOC behauptet vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen, der Sport habe es anders als die Politik geschafft, eine weltweit gültige Ethik zu etablieren – als ob das Völkerrecht nicht weltweit gelte. Als ob der Sport besser oder etwas anderes wäre als das Leben. Und als ob der Sport Ethik zuverlässig lebte.

Die und das IOC kooperieren – wie sehr viele Profisport-Unternehmen – aus Geschäftsinteresse mit Despoten; Olympische Spiele und Fußballturniere werden in Länder vergeben, in denen die Menschenrechte wenig zählen. Das Bewusstsein für demokratische Werte stärken zu wollen, gerät dann zur geheuchelten Rechtfertigungs-Linie. Nicht nur olympischen Athleten ist es bei Strafe verboten, gesellschaftlich Stellung zu beziehen, und die Behauptung, internationale Spiele mit Teilnehmern und Gästen aus bis zu 200 Nationen würden Länder für Ideen öffnen, hat sich über Jahrzehnte weitgehend als Irrtum erwiesen. Allenfalls steigt die mediale Aufmerksamkeit für die Bedingungen in Russland, China oder Katar (für das sich die Welt ohne die Vergabe der Fußball-WM dorthin nur sehr am Rande interessiert hätte). Der Effekt hält allerdings nie lange an. Für die schöne Fassade von Olympia 2008 durften sich vor allem Pekings Machthaber feiern lassen.

Natürlich: Niemand würde vom Sport verlangen, was auch die Politik nicht schafft, auch das wäre eine Anmaßung. Aber Menschenrechte sind kein Naturphänomen, keine Gegebenheit, sondern eine Idee, eine Phantasie, sogar eine relativ neue und eine von vielen, die es brauchte, um immer größere Menschenverbände zusammenzuhalten: Kommunen, Nationen, später Kontinente, heute die ganze Welt. Man kann miteinander leben, weil es diese Ideen gibt, Werte, Währungen, Verfassungen, Grundrechte, an die man glauben muss (während man an die Photosynthese oder die Schwerkraft nicht glauben muss, weil Zweifel an deren Existenz Unfug wären). Ohne den kollektiven Glauben daran würden Menschenrechte so wenig existieren wie Währungen oder Nationen.

Was Sport kann

Gehen die Ideen verloren, verschwinden die Inhalte. Darin liegt eine besondere Verantwortung gerade für ein Weltereignis wie den Sport, der, um glaubwürdig zu bleiben, für seine Ideen einstehen muss, seine Werte schützen und wenigstens versuchen, seinem humanitären Anspruch zu genügen. Die Wahrung der Menschenrechte ist dabei von zentraler Bedeutung in einer Welt, in der der Konsens darüber und damit der Gemeinsinn verloren zu gehen scheint. Tatsächlich sendet der Sport diese Botschaft auch, sogar immer vernehmlicher: Kampagnen gegen Rassismus, Antisemitismus oder Homophobie sah man nicht nur in den Fankurven großer Fußballstadien, ähnliche Initiativen finden sich überall im Land, und überall im Land sind es auch Sportvereine, in denen aus ihren Heimaten geflüchtete oder sozial isolierte Menschen einen Halt finden können. Auch der kapitalistische, vermarktete Sport, der ein waches, kritisches Publikum manchmal als verdächtig empfindet, sogar als störend, hat eine Verantwortung. Es wäre tatsächlich längst an der Zeit, sich klar zu positionieren.

0 Kommentare