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WM 2022: Für Boykott ist es den lokalen Fußballern zu spät

Die Vergabe an Katar ist für die hiesigen Akteure jedoch ein Skandal - 17.04.2021 10:23 Uhr

Eine Feigenblatt-Aktion oder ein ernsthafter Protest? Auf jeden Fall hat auch die DFB-Nationalmannschaft auf die Probleme mit den Menschenrechten in Katar hingewiesen.
 

06.04.2021 © www.imago-images.de


Die WM 2022 in Katar ist ein dem Fußball unwürdiges Turnier", heißt es im ersten Satz des Aufrufs auf der Seite www.boycott-qatar.de. Die Initiatoren sind keineswegs Fußballgegner; im Gegenteil: Dietrich Schulze-Marmeling und Bernd-M. Beyer arbeiten als Fußball-Publizisten und sind beide Mitglieder der Deutschen Akademie für Fußballkultur in Nürnberg.

Der Boykottaufruf entwickelt laut Beyer "momentan zunehmend Dynamik". Gut 40 Fangruppen, darunter auch der FCN-Fanclub "Heilsbronn-City 99", und rund 1000 Einzelpersonen befinden sich derzeit auf der täglich länger werdenden Liste. "Wir Fußballfans sind keine Träumer. Wir wissen, dass der Fußball seit seinen Pioniertagen kommerziellen Tendenzen und Manipulationen unterliegt", betonen Schulze-Marmeling und Beyer. "Aber es gibt Situationen, in denen eine kritische Kommentierung nicht reicht, sondern ein praktisches Zeichen gesetzt werden muss.

Die WM in Katar ist solch ein Fall, in dem zu viele Grenzen überschritten werden." Noch hätten die FIFA und ihre Mitgliedsverbände die Möglichkeit, ihre Entscheidung pro Katar zurückzuziehen und ein anderes Land mit der Turnieraustragung 2022 zu beauftragen. Das sei aber sehr unwahrscheinlich. Die Initiatoren erwarten nun klare Signale vom Deutschen Fußball-Bund (DFB). Ein Verzicht auf die WM-Teilnahme wäre für sie die sauberste Option. Falls sich der DFB dazu nicht entschließe, fordere man eine ausführliche Erklärung dieser Entscheidung. Dabei sollte der DFB zur Menschenrechtslage in Katar eindeutig Position beziehen, das gelte auch für Spieler und Trainer.


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Deutsche Firmen sollten keine Vermarktungsaktionen im Kontext der WM durchführen, einschlägig lizenzierte Produkte nicht verkaufen und im Fernsehen keine Werbezeiten schalten. Die deutschen Fans sollen ebenfalls ihren Widerstand gegen ein WM-Turnier in Katar demonstrieren – mit dem Man werde die FIFA massenhaft mit Mails und Briefen eindecken, in denen man mitteile, "dass wir keine Produkte mit WM-Logo kaufen, keine Produkte von Firmen kaufen, die im Rahmen der WM aktiv werben, dass wir nicht nach Katar reisen und zu Hause nicht an Public Viewings oder ähnlichem teilnehmen." Ziel, das lukrative Zusammenspiel zwischen Fifa, Sponsoren und autokratischen Regimen zu stören. Es dürfe für sie nicht mehr attraktiv sein, "die WM auf diese pervertierte Art zu präsentieren und den Fußball weiter zu ruinieren".

Was sagen die lokalen Fußballer?

Wie stehen die hiesigen Vereinsfunktionäre und Spieler zu diesem Aufruf und der Idee, die WM zu boykottieren – von Seiten des DFB, aber auch privat? Für den Trainer der TSG 08 Roth, Alberto Mendez, beginnt das Thema Fußball-WM in Katar schon viel früher als jetzt erst ein Jahr davor. Unbegreiflich sei es für ihn vor allem, wie es überhaupt zur Vergabe an den kleinen Wüstenstaat kommen konnte.

"Das zeigt, wie scheinheilig der Weltfußball mittlerweile geworden ist. Ehrlich wäre es von Vornherein zu sagen, wer am meisten zahlt, bekommt den Zuschlag. Hätten die Entscheidungstäger bei der Fifa von Anfang an im Sinne des Sports und nicht nur für die eigene Tasche gewirtschaftet, dann gäbe es jetzt auch die Diskussion um die Menschenrechtssituation in Katar nicht", spricht Mendez verärgert über seinen Lieblingssport.

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Für eine Absage des Turniers sei es jetzt eindeutig zu spät. "Natürlich wäre das ein gutes Zeichen, aber wenn der DFB das alleine macht, würde das nichts bringen. Es müssten von Grund auf die großen Verbände, also Fifa und Uefa dagegen stimmen, aber das wird nicht passieren", sagt Mendez nüchtern.

Er wird dennoch das ein oder andere Spiel vor dem Fernseher verfolgen. Sein Hoffnung ist, dass die aktuelle Diskussion alle wachrüttelt und auf die Menschenrechtslage in Katar aufmerksam macht. Bereits an der Vergabe stört sich auch Martin Huber, Trainer des FV Dittenheim: "Der Fußball ist für die Fans. Ich sehe es extrem kritisch, die WM in einem Land auszutragen, das mit Fußball nicht viel zu tun hat und dann unter schlechten Bedingungen auf Kosten von Menschenrechten die Stadien erst noch hinzaubert."

Die WM seitens der Nationalmannschaft zu boykottieren fände er prinzipiell gut. "Das hätte zwar schon früher passieren müssen und ich bin mir unsicher, ob dadurch etwas geändert wird, aber besser spät als nie." Dann müssten aber auch viele der größeren Teams und Verbände mitmachen, nur so führt das zu einem Umdenken.

Die Macht der Fans schätzt Huber begrenzt ein: "Ich glaube nicht, dass es jemanden interessiert, ob der Matin Huber aus Dittenheim die WM nun anschaut oder nicht. Auch nicht wenn fünf Millionen weitere Fans die Spiele boykottieren würden." Er werde daher die WM anschauen, denn "da ist das Fußballherz einfach zu groß".

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Dass man die Lage in Katar nicht schönreden kann, weiß auch Fabian Koller, Kapitän beim TSV Greding. Eine Absage der WM durch ganze Teams oder einzelne Spieler ist für ihn dennoch undenkbar.

Spieler haben keine andere Wahl

Sportlich gesehen ist die WM ein Turnier, an dem man als Profi teilnehmen muss. Das ist im Job genauso. Wenn der Chef sagt, ich muss auf einen Termin, dann hab ich keine andere Wahl", spricht Koller aus der Arbeiter-Perspektive.

Für einen Boykott sei es auch aus seiner Sicht viel zu spät. Die einzige Möglichkeit für die Teams ist es, im Vorfeld auf die Verhältnisse aufmerksam zu machen und somit ein Zeichen für die kommenden Vergaben zu setzen. Während der WM sei das dann kontraproduktiv, gibt der Kapitän zu bedenken: "Vor Ort ist es schwieriger, Akzente zu setzen. Dadurch würde man das Match an sich schlecht machen, wofür die Spieler kurze Zeit später auf dem Platz stehen."


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Anderer Ansicht ist da Pascal Schärtel, Spielertrainer beim TSV Absberg: "Ich könnte mir schon vorstellen, dass sich einige Mannschaften vor den WM-Spielen wieder so positionieren wie während der Qualifikation – auch wenn sie dann im Gastgeberland sind. Da würde es auch viel Zustimmung aus den Heimatländern geben."

Ansonsten sieht es der Absberger ähnlich wie die vorherigen Spieler und Trainer: Für einen Boykott sei es schlicht und ergreifend zu spät und dafür müssten auch mehrere Länderteams an einem Strang ziehen.

Holger Peter und Oliver Haas

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