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Zurück in Erlangen: Gorpishin spricht über besonderes Jahr

In Skopje gab's nicht nur sportliche Action - 13.08.2020 06:00 Uhr

„Es war kein verlorenes Jahr“, sagt Sergej Gorpishin über seinen Wechsel vom HC Erlangen zu Vadar Skopje.

© Foto: Daniel Marr/Zink


Spätestens Anfang April kamen bei Sergej Gorpishin dann doch ein paar Zweifel auf, ob es der richtige Schritt war. Als er seine Wohnung in Skopje wegen strenger Ausgangsbeschränkungen kaum noch verlassen durfte. Als Polizisten an den großen Kreuzungen postiert waren, um die Corona-Maßnahmen zu überwachen. Und als die Summe auf seinem Konto immer kleiner wurde. "Es war kein verlorenes Jahr", sagt Gorpishin jetzt im August, nachdem er zurück in Erlangen ist, aber ein bisschen anders hatte er es sich schon vorgestellt.


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Zwei Jahre lang hatte Gorpishin zwischen 2017 und 2019 versucht, sich beim HC Erlangen in der Handball-Bundesliga zu etablieren. Gelungen war ihm das nicht. Sein Arbeitsplatz befand sich nur selten in der großen, modernen Arena in Nürnberg, meistens musste er mit der U23 im Retro-Ambiente der Erlanger Karl-Heinz-Hiersemannhalle ran, für ein halbes Jahr wurde er nach Rimpar in die zweite Liga ausgeliehen. Zu wenig für den gebürtigen Erlanger, dessen Vater Wjatscheslaw mit der russischen Auswahl zweimal Olympiasieger wurde. Und der dann plötzlich ein Angebot des amtierenden Champions-League-Siegers bekam.

"Als 21-Jähriger zu so einem Verein zu wechseln, ist nicht das Schlechteste, was einem passieren kann", hat Sergej Gorpishin Anfang des Jahres in einem Interview mit dieser Zeitung über das Angebot von RK Vadar Skopje gesagt. Da konnte er natürlich noch nicht ahnen, dass sich wenig später nicht nur seine Welt auf den Kopf stellen würde.

Champions League statt Dritter Liga, die nordmazedonische Hauptstadt statt dem beschaulichen Erlangen: Gorpishin wagte den Schritt, auch weil mit Eduard Koksharov in Skopje ein Trainer unter Vertrag stand, der ihn bereits in die russische Nationalmannschaft geholt hatte.

Am Anfang bekam der junge Kreisläufer relativ viel Einsatzzeit, er war zufrieden. Während sich die zweite Mannschaft des Serienmeisters in der nationalen Liga abmühte, reiste er mit den prominenteren Kollegen per Charterflieger durch die Welt: Kiel, Montpellier, Porto, im Rahmen der osteuropäischen SEHA-Liga nach Weißrussland und die Ukraine, einmal beim "Super Globe" sogar nach Saudi-Arabien. "Wir sind um sechs Uhr früh gelandet und es hatte 38 Grad. Dann sind wir in einen Bus gestiegen, der auf acht Grad runtergekühlt war. Verrückt." So erinnert sich Gorpishin an Tage, in denen noch kein kleines Virus das Reisen erschwert hatte, und an denen er den Wechsel nicht einmal im Ansatz angezweifelt hatte. "Man sieht viel von der Welt, wenn auch meistens durch die Scheibe eines Flugzeugs oder Busses", sagt er beim Blick zurück.


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Das mit der Zufriedenheit sollte sich aber bald ändern. "Ich habe viel gelernt", das sagt Gorpishin auch über die Zeit in Skopje – zunächst auf dem Feld, später dann vor allem über ein mitunter recht turbulentes Business.

Bei einem Freundschaftsspiel gegen Argentinien riss ihm der Meniskus im Knie, danach war sein Rhythmus und sein Platz im Aufgebot weg. Der Verein hatte den Trainer ausgetauscht und bald noch viel mehr. Schon vor der Saison hatte sich der langjährige Mäzen zurückgezogen, ein neuer Tochterverein wurde gegründet, die Lizenzen übergeben, ein neuer Sportdirektor versuchte anderes Personal zu installieren, und vor allem: Die Gehälter wurden nicht pünktlich gezahlt. Manchmal mussten Gorpishin und seine Kollegen mehr als drei Monate warten. "Das ist nicht besonders schön", sagt er, "mit 22 Jahren hat man schließlich noch nicht so viel beiseite gelegt."

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Inzwischen ist die Angelegenheit geklärt, aber man kann sich vorstellen, wie sich Sergej Gorpishin im April gefühlt haben dürfte, als die Situation dann auch noch durch die Pandemie verschärft wurde. 1500 Kilometer entfernt von der Heimat, Ebbe auf dem Konto und eine ungewisse Zukunft. "Die Beschränkungen waren härter als in Deutschland", erzählt Gorpishin über den Lockdown in Nordmazedonien. Werktags durften die Menschen nur zwischen 9 und 15 Uhr vor die Tür zum Einkaufen, am Wochenende mussten sie ganz zu Hause bleiben. Wenn er laufen war, um sich fit zu halten, sah er die vielen Polizisten, die sich bereit machten, um die Ausgangssperre zu kontrollieren. Eine dystopische Stimmung. Immerhin wohnten einige Mitspieler im gleichen Gebäude, die Einsamkeit bekämpften die weitgehend beschäftigungslosen Handballer mit gemeinsamen Grillabenden.

Rückkehr in die Heimat, zurück zum HC Erlangen?

Erst Mitte Juni hat Gorpishin seine Sachen gepackt und ist zurück nach Erlangen gefahren, wo er sein Maschinenbaustudium beenden will. Vorher waren die Grenzen geschlossen und unklar, ob ihn sein Klub nicht doch noch brauchen kann. Nach dem Umbruch ist das nicht der Fall, Sergej Gorpishin steht ohne Verein da.

Zu laufenden Verhandlungen will er sich nicht äußern, der HC Erlangen dürfte vorerst aber keine Option sein, er wäre dort auch diesmal nur Ersatz. "Natürlich!" platzt es aus ihm heraus, wenn man fragt, ob er seine Zukunft trotz der jüngsten Erfahrungen weiter im Handball sieht. Die russische Nationalmannschaft befindet sich derzeit im Neuaufbau, auch da wittert er seine Chance. Die Saison mit Skopje fasst er nicht als Rückschritt auf. "Der Weg war beschwerlicher als gedacht, aber man muss lernen, damit umzugehen", sagt er.

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