Drogen, Schutzgeld, Gewalt

Tödliche Schüsse auf Nürnbergerin: Wie gefährlich ist Mexiko für Touristen?

Tobi Lang
Tobi Lang

Online-Redakteur

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28.10.2021, 12:24 Uhr
Die Bar, in der Jennifer H. ihr Leben verlor, gilt für die Polizei als Tatort. Sie bleibt vorerst geschlossen. 

Die Bar, in der Jennifer H. ihr Leben verlor, gilt für die Polizei als Tatort. Sie bleibt vorerst geschlossen.  © Christian Rojas, dpa

Die Bar "La Malquerida" ist eine, wie es Dutzende in Tulum gibt. Hummerpizza, Margaritas, viele Touristen. Hier, direkt an der beliebten Hauptstraße des Urlaubsortes, entlädt sich normalerweise die Lebensfreude, Party und Alkohol gut 15 Autominuten entfernt von den gesicherten Hotelanlagen und eher mondänen Beach Clubs. Es ist die Nacht des 20. Oktober, als Dealer mit Sturmgewehren auf das eher kleine Restaurant feuern. Mindestens 23 Patronen, so berichten es lokale Medien, zählt die Polizei nach dem Angriff. Scheinbar wahllos geben die Männer Schüsse ab, zwei Touristen werden getötet - unter ihnen Jennifer H., eine junge Frau, die in Nürnberg lebte. Gemeinsam mit ihrem Freund wollte sie den Herbsturlaub an der mexikanischen Karibikküste verbringen. Sie starb im Kugelhagel der Drogenbanden.

Am Tag nach der Schießerei ist die Polizei am Tatort, der Bar

Am Tag nach der Schießerei ist die Polizei am Tatort, der Bar "La Malquerida" im Einsatz.  © Christian Rojas, dpa

Jennifer H. ist Opfer eines Krieges, der nicht ihrer ist. Es geht um Schutzgeld, Drogen, um die Vorherrschaft in der Unterwelt, die auch Mexikos schillernde Riviera Maya im Griff hat. In einem Land, das sich an die Gewalt gewöhnt hat. Jeden Tag werden zwischen Tijuana im Norden und Cancun im Südosten 100 Tötungsdelikte registriert. 88.000 Menschen gelten als spurlos verschwunden. Das Auswärtige Amt etwa warnt Urlauber: Gerade in Raum Tulum und in Playa del Carmen sollen Touristen ihre gesicherten Hotelanlagen nicht verlassen.

"Mit Riesenpartys kommen auch die Drogen"

"Im Prinzip ist es selten, dass Urlauber bei Schießereien zwischen Drogenbanden umkommen oder verletzt werden", sagt Jens Glüsing, der für das Magazin Der Spiegel seit Jahren aus Lateinamerika berichtet. Die Warnung des Auswärtigen Amtes sei sicherlich "kein Quatsch", aber "so gefährlich ist Mexiko dann auch wieder nicht". Zumindest für Touristen aus Europa, die sich gern an den Stränden der Riviera sonnen. Gerade Tulum und Cancun erleben wegen der laxen Einreiseregeln während der Pandemie einen Boom. Hunderte Flugzeuge landen Tag um Tag, unaufhörlich, seit Monaten.

Genau das weckt Begehrlichkeiten bei der Mafia. "Mit den Riesenpartys etwa in Tulum kommen auch die Drogen", erklärt Glüsing. Mit reichen Europäern, die Kokain, Marihuana und synthetische Betäubungsmittel kaufen, lässt sich im armen Mexiko viel Geld verdienen. "Bei den Konflikten zwischen den Banden geht es um die Kontrolle von Verkaufsstellen, also um den lokalen Konsum", sagt der Spiegel-Korrespondent. "Nicht um den internationalen Drogenhandel."

Banden sind ganz anders als in der Serie "Narcos"

Ohnehin hat Mexikos Drogenmafia wenig mit dem zu tun, was Serien wie "Narcos" oder "El Chapo" skizzieren. "Da trifft nicht ein Riesenkartell auf das andere", sagt Glüsing. Meist seien die lokalen Banden versprengt, sie kooperieren lose mit größeren Organisationen, zerstreiten sich - es fallen Schüsse. Wie in Tulum. Das Sicherheitsministerium von Quintana Roo, dem Bundesstaat, zu dem auch der Urlaubsort gehört, geht von sechs kriminellen Organisationen aus, die in der Stadt aktiv sind - darunter das bekannte Sinaloa-Kartell und das Syndikat Cártel Jalisco Nueva Generación.

Für Bilder wie dieses ist Tulum berühmt - kristallklares Meer, weiße Strände, imposante Maya-Ruinen. 

Für Bilder wie dieses ist Tulum berühmt - kristallklares Meer, weiße Strände, imposante Maya-Ruinen.  © Michael Juhran, dpa-tmn

Lokale Medien berichten, dass mindestens ein Täter der Schießerei von Tulum der Bande "Los Pelones" angehöre. Sie gilt als Arm des Sinaloa-Kartells, dem Syndikat, das viele Jahre unter der Führung von Joaquín "El Chapo" Guzmán stand. Nur Tage nach der Bluttat brachten "Los Pelones" ein Transparent im Zentrum der Stadt an. "Das ist eine Warnung, wir meinen es ernst", stand auf dem Laken. "Wenn ihr nicht macht, was wir wollen, schießen wir weiter und Restaurants machen dicht. Wir kontrollieren die Stadt." Eine Botschaft, gerichtet an alle Unternehmer Tulums: Zahlt Schutzgeld. Oder wir zerstören euer Geschäft.

"Das lockt alle möglichen Unterweltgestalten an"

"Barbesitzer und Clubbetreiber dort haben Angst, das ist ein Riesenproblem", sagt Glüsing vom Spiegel. "Der Tourismus ist für Mexiko der Devisenbringer schlechthin." Offenbar, erklärt der Korrespondent, können Gastronomen in Tulum und Playa del Carmen kaum noch Restaurants betreiben, ohne an die Mafia zu zahlen. "Die haben zwar einen guten Umsatz, aber häufig auch nicht so viel Geld."

Es ist die Glitzerwelt der Karibikküste, die die Kriminellen anzieht. Tulum etwa wuchs relativ unkontrolliert in den letzten 20 Jahren, die offiziellen Einwohnerzahlen explodieren, der Stadtteil "La Veleta" im Westen arbeitet sich immer tiefer in den Dschungel hinein. "Wenn viel Geld zirkuliert, lockt das alle möglichen Unterweltgestalten an", sagt Glüsing. All das trifft auf ein Land, in dem weiter große Armut herrscht, in dem die Korruption allgegenwärtig ist. "Die Tentakeln der Drogenmafia reichen weit bis in Politik und Polizei hinein."

Dieses Foto eines mutmaßlichen Täters veröffentlichte die Generalstaatsanwaltschaft - es zeigt Jose L., einen Verdächtigen im Fall der Schießerei. 

Dieses Foto eines mutmaßlichen Täters veröffentlichte die Generalstaatsanwaltschaft - es zeigt Jose L., einen Verdächtigen im Fall der Schießerei.  © GeneralstaatsanwaltschaftQuintana Roo

Im Fall der getöteten Nürnbergerin Jennifer H. demonstriert die Regierung zumindest öffentlich Entschlossenheit. Mittlerweile ist auch das Militär im Einsatz. "Die Präsenz der Nationalgarde an der gesamten Riviera Maya soll verstärkt werden", sagte Präsident Andrés Manuel López Obrador. Man werde die Täter jagen, die Bluttat aufklären. Ballistiker steckten den Tatort, die Bar "La Malquerida", aufwendig ab - das zeigen Bilder, die die Generalstaatsanwaltschaft des Bundesstaates Quintana Roo am Dienstag auf Twitter veröffentlichte. Immerhin einen Verdächtigen konnte die Polizei nach den Schüssen in einem Krankenhaus stellen. José L. wird Mord, versuchter Mord und Körperverletzung vorgeworfen. Von den weiteren Tätern - mindestens zwei sollen es sein - fehlt jede Spur.

Ein Einzelfall sei Jennifer H., sagen Experten, sie sei zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. Das tröstet die Angehörigen aber nicht. Sie ist das Opfer eines Krieges, der nicht ihrer ist.