Kommentar zum 1. Mai: Warum wir so an der Arbeit hängen

Alexander Jungkunz
Alexander Jungkunz

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1.5.2021, 08:51 Uhr
Tag der Arbeit: Die traditionellen Kundgebungen fallen pandemiebedingt aus. Nur virtuell ruft der DGB zu Aktionen auf.

© picture alliance / dpa Tag der Arbeit: Die traditionellen Kundgebungen fallen pandemiebedingt aus. Nur virtuell ruft der DGB zu Aktionen auf.

Kennen Sie Ihr Büro noch? Wann haben Sie zuletzt Ihre Lieblings-Kollegen gesehen?

Viele sind im Homeoffice, mit gemischten Gefühlen. Viele dürfen gar nicht arbeiten im Lockdown. Für viele hat sich wenig verändert – in der Industrie, in der Pflege, überall da, wo weiter, ja oft mehr gearbeitet wird und Homeoffice nicht geht.

Mehr als nur Lohn

So oder so: Fast alle merken mehr als früher, welche Rolle die Arbeit in ihrem Leben spielt. Und wie die allermeisten an dieser Arbeit hängen. Arbeit ist mehr als nur Lohn – der für zu viele zu einem guten Leben nicht reicht. Dennoch ist Arbeit auch für Geringverdiener extrem wichtig.

Weil sie Struktur schafft – fürs Leben, fürs Jahr, für die Woche, den Tag. Und vor allem, das besagen alle Umfragen, weil sie Begegnungen ermöglicht, Austausch, Kontakte. Exakt das, was seit über einem Jahr viele vermissen: den Smalltalk beim Kaffeeholen, die gute Idee, die entsteht während des Essens mit Kollegen etc.

Gewaltige Aufgaben

Doch das Homeoffice wird bleiben. In welchem Umfang und zu welchen Bedingungen, das ist zu regeln. Eine der Gestaltungsaufgaben nach Corona, beileibe nicht die einzige, was die Arbeitswelt von morgen angeht.

Es muss nämlich sehr viel gestaltet und verändert werden, damit auch künftig möglichst viele weiter an ihrer Arbeit hängen und von ihrer Arbeit leben können. Und da hat Deutschland Nachholbedarf – den laut Umfragen nur wenige in seiner Dringlichkeit erkennen.

"Covid hat uns zehn Jahre in die digitale Zukunft katapultiert", sagte kürzlich ein Arbeitsmarktexperte. Das bedeutet: Es gab und gibt einen gewaltigen Innovationsschub, der Fahrt aufnimmt – und vieles verändert, mit Chancen und Risiken.

Wenn KI Jobs übernimmt

Etliche Tätigkeiten können von Künstlicher Intelligenz übernommen werden – Routinen bei Abrechnungen oder bürokratischen Abläufen. Das autonome Fahren gefährdet den aktuell gefragten Job als Fernfahrer – nur ein paar Beispiele für die Umwälzungen, die anstehen.

Die Deutschen sehen diesen Umbrüchen gelassener entgegen als andere Nationen. Das kann eine gute oder eine schlechte Nachricht sein – gut, weil es da offenbar mal keine "German Angst" gibt. Schlecht, weil – siehe den digitalen Rückstand der Republik – zu wenig getan wird, um den Wandel zu gestalten.

Ende der Arbeit? Von wegen

Sprich: Wer auch künftig keine Sorge um die Arbeit haben will, an der er hängt, muss sich fortbilden (können) und auf jenes lebenslange Lernen einlassen, das für manche eher eine Bedrohung als eine Chance ist. Dabei ist, wie die Geschichte zeigt, Wandel stets eine Chance: Im Gegensatz zu allen Untergangsszenarien vom "Ende der Arbeit" ging die Arbeit bei jedem technischen Schub nicht aus, sondern wurde anders – und anspruchsvoller.

Deshalb gibt es gute Gründe, den Wandel so zu gestalten, dass künftig möglichst viele an ihrer Arbeit hängen und gut von ihr leben.

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