Lebenslange Rente

Wie eine Nürnberger Firma die unbekannten Helden von Tschernobyl unterstützt

14.8.2021, 05:55 Uhr
Der Reaktorblock 4 des AKW Tschernobyl nach der Katastrophe.

Der Reaktorblock 4 des AKW Tschernobyl nach der Katastrophe. © imago images/ITAR-TASS, NNZ

Es fing alles damit an, dass Ralph Koczwara eines Abends bei Netflix eine Filmreihe über die Atomkatastrophe von Tschernobyl verfolgte. Er war noch ein Schuljunge, neun Jahre alt, als sich dort am 26. April 1986 das ereignete, was alle stets ausgeschlossen hatten: ein Super-GAU in einem Kernkraftwerk. Viele Jahre später, als die Sendung zu Ende war, saß der heute 44 Jahre alte Nürnberger Unternehmer wie benommen auf seinem Sofa. "Mir war klar geworden: Wenn drei Männer damals nicht selbstlos ihr Leben riskiert hätten, würde ich heute hier nicht sitzen. Dann wären weite Teile Ost- und Mitteleuropas unbewohnbar gewesen, und das für Jahrtausende."

Rückblende: Am Freitag, 25. April 1986 sollte im Block 4 von Tschernobyl getestet werden, ob bei einem Stromausfall und der Abschaltung des Reaktors die Rotationsenergie der Turbinen ausreicht, um Strom für die Kühlwasserpumpen zu liefern, bis die Notstromaggregate angelaufen sind. Doch dieser Test wird unterbrochen, weil aus Kiew Strom angefordert wird. Die Notkühlsysteme bleiben ausgeschaltet.

Leistung fiel rapide ab

Stunden später beginnt der Test erneut, mit anderem Personal. Am 26. April um 0.28 Uhr fällt die Leistung des Reaktors plötzlich rapide ab. Unterhalb von etwa 20 Prozent Leistung müsste er laut Vorschrift eigentlich abgeschaltet werden. Doch die Crew im AKW tut das nicht, fährt stattdessen die Bremsstäbe aus dem Reaktorkern aus, um die Leistung wieder zu steigern. Während dieser ganzen Zeit sind etliche Sicherheitssysteme abgeschaltet, dazu einige Kühlpumpen.

Um 1.23 Uhr steigt die Temperatur des Kühlmittels und damit der Druck, der Schichtleiter initiiert eine Notabschaltung. Aber es ist schon zu spät. Die Katastrophe ist nicht mehr aufzuhalten, letztlich wegen eines Konstruktionsfehlers: Beim Einfahren drücken die Steuerstäbe Graphit-Elemente durch den Reaktorkern, die einsetzende Kettenreaktion wird dadurch beschleunigt und ist unabwendbar. Die Hitze steigt schlagartig, Druckröhren bersten, das Kühlwasser im Reaktor verdampft binnen eines Wimpernschlags. Zwei Explosionen sprengen das Dach des Reaktorgebäudes in die Luft.

Erst gegen 5 Uhr morgens sind die meisten Flammen gelöscht. Im drei Kilometer entfernten 50.000-Einwohner-Städtchen Pripjat hat die Strahlung zu diesem Zeitpunkt bereits das 600.000-Fache des Normalwerts erreicht. Und sie steigt weiter an.

Was Alexey Ananenko und Valery Bespalov in jener Nacht empfunden haben müssen, mag man sich kaum vorstellen. Die beiden gehörten zu einem Team von Ingenieuren, das zum Zeitpunkt der Katastrophe Dienst hatte. Ihnen muss klar gewesen sein, dass sie nach den gewaltigen Explosionen wie alle anderen auf dem Gelände in akuter Lebensgefahr schwebten. Für das, was sich soeben ereignet hatte, gab es keine Dienstvorschrift, keinen Notfallplan, keine Blaupause. Sie wussten, wenn sie nichts unternehmen, könnte es noch schlimmer kommen.

Anatoly Rassolenko vom Nürnberger IT-Unternehmen Hemmersbach sitzt zwischen Valery Bespalov (li.) und Alexey Ananenko (re.) auf einem Sofa in dessen Wohnung. 
 

Anatoly Rassolenko vom Nürnberger IT-Unternehmen Hemmersbach sitzt zwischen Valery Bespalov (li.) und Alexey Ananenko (re.) auf einem Sofa in dessen Wohnung.    © Hemmersbach

Was hierzulande kaum bekannt ist: Unter dem Kernkraftwerk lag ein gewaltiges Wasserreservoir. Hätte sich der schmelzende Atomkern, eine Art hochradioaktive Lava, nach unten durch das Fundament des Gebäudes gefressen und dieses Bassin erreicht, hätte sich eine Explosion ereignet, wie sie die Menschheit zuvor noch nie erlebt hat. Wäre es dazu gekommen, hätten es nach dem GAU von Tschernobyl gut und gerne 20 oder 25 Millionen Tote geben können, schätzen Experten heute. Weil sich die dadurch freigesetzte Radioaktivität über die Atmosphäre in ganz anderem Ausmaß in weiten Teilen Europas ausgebreitet hätte.

Aber dazu kam es nicht. Weil Ananenko, Bespalov und ein dritter Mann, Boris Baranow, trotz all dem Chaos und der Panik um sie herum erkannten, dass das Wasserbassin unter dem Kraftwerk unter allen Umständen abgelassen werden musste. Und das möglichst rasch – obwohl ihnen sehr bewusst war, dass die Chancen, dieses Unterfangen zu überleben, äußerst gering waren.

"Um das zu tun, mussten sie da runter, gewisse Schleusen öffnen und an ein paar Rädern drehen", erläutert Koczwara. Dazu brauchte man das nötige Knowhow, das die Drei mitbrachten. Und so sind sie unter dem schwelenden Atomreaktor durchs Wasser gewatet, um ihren Job zu machen, ohne größere Schutzausrüstung. "Das wird in einigen Filmbeiträgen fälschlich dargestellt", sagt Koczwara, "da ist ein bisschen Hollywood mit reingekommen." Dabei hätte es einer Steigerung der Dramatik nicht bedurft.

Irgendwo zwischen Entsetzen und Dankbarkeit

"Als ich davon erfahren habe, was diese drei in jener Nacht geleistet haben, habe ich eine Mischung aus Entsetzen und Dankbarkeit empfunden", erinnert sich Koczwara. Dieses Gefühl wollte er in Handlung umsetzen. Dazu muss man wissen: Der Nürnberger ist Chef der Firma Hemmersbach, einem global agierenden IT-Dienstleister mit mehreren tausend Angestellten. Das bedeutet: Er hat gewisse Ressourcen. Diese setzt er seit Jahren unter anderem dafür ein, dass Wilderer in Afrika daran gehindert werden, vom Aussterben bedrohte Nashörner zu erlegen.

Zudem betreibt seine Firma Waisenheime in Polen oder schafft über Projektarbeit bessere Lebensbedingungen für Straßenkinder in Indien. Koczwara fing an zu recherchieren und entdeckte einen Beitrag in der britischen Zeitung The Sun, in dem stand, dass zwei der drei Ingenieure noch lebten – und dass es das Leben danach mit ihnen nicht besonders gut gemeint hatte. Sie lebten in Armut, mit 300 Dollar Rente, und hatten große gesundheitliche Probleme.

Ananenko war 2019 zwar der Titel "Held der Ukraine" verliehen worden, seine Rente wurde damit verdoppelt. Doch das Geld reicht dennoch bei weitem nicht aus, um seine Krankenhausrechnungen zu bezahlen. "Solch eine Ungerechtigkeit wollte ich nicht auf sich beruhen lassen", so Koczwara. Er griff zum Hörer und rief Anatoly Rassolenko an, seinen Country-Manager in Russland. "Bitte finde diese Männer für mich", lautete sein Auftrag. Und so machte sich Rassolenko von St. Petersburg auf in die Ukraine. Wenige Tage später konnte er Erfolg melden: Er hatte Ananenko und Bespalov in einem Vorort von Kiew entdeckt. Baranow, der dritte Mann, der damals mit unter den Reaktor gegangen war, um den Fortgang des GAU zu verhindern, war bereits 2005 verstorben.

Ananenko ging es sehr schlecht: Er hatte drei Jahre vor dem unerwarteten Besuch aus St. Petersburg einen schweren Autounfall, lag über 30 Tage im Koma und musste danach alles neu lernen: sprechen, laufen, essen. "Zudem wird bei ihm Krebs vermutet, er hatte auch einen schweren Covid-Verlauf", schildert Koczwara. "Dass so jemand existenzielle Nöte hat, ist für mich inakzeptabel." Der zweite Held von Tschernobyl, Bespalov, arbeitet hingegen heute immer noch im Energiebereich. Das rührte den 44-Jährigen sehr an, und er beschloss, dass Ananenko und Bespalov bis an ihr Lebensende eine Rente in Höhe von je 1000 Dollar netto im Monat bekommen, aus der Kasse von Hemmersbach. Darüber hinaus erfüllt er den beiden und deren Familien einen lange gehegten Wunsch: Sobald die Corona-Situation es zulässt, bezahlt Koczwara ihnen einen Urlaub am Mittelmeer, "und zwar so lange sie wollen".

"Die Überschrift über dem Ganzen lautet für mich ,Dankbarkeit‘", begründet der IT-Unternehmer seine Motivation. "Dankbarkeit dafür, dass diese Männer uns alle hier vor einem Desaster unvorstellbaren Ausmaßes bewahrt haben." Die Ingenieure sind äußerst dankbar für diese Geste, bleiben aber extrem bescheiden: Bespalov hat bereits erklärt, dass er das Geld nicht für sich selbst behalten will. Er reicht es weiter an Kollegen aus früheren Tagen, damit sie ihre Krebstherapie bezahlen können.

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