Montag, 17.12.2018

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Der rote Faden ist die Sammlung

Interview mit Angelika Nollert, der neuen Direktorin des Neuen Museum Nürnberg - 09.01.2008

Wollen Kunst und Design künftig näher zusammenbringen: Angelika Nollert und Florian Hufnagl im Neuen Museum in Nürnberg. © Horst Linke


Die Neueinrichtung soll bis Mitte des Jahres abgeschlossen sein. Anschließend sind sechs bis acht «Szenenwechsel«, also Neueinrichtungen einzelner Räume, pro Jahr geplant.

Mit besserer Kommunikation nach außen, Ausstellungseröffnungen, die nicht mehr nur für die Museumsförderer, sondern für alle zugänglich sind, einer stärkeren Einbeziehung des Foyers und des Klarissenplatzes will Nollert, die seit Oktober 2007 im Amt ist, das Haus öffnen und jüngeres Publikum anziehen.

Auch im vergangenen Jahr gingen die Publikumszahlen im NMN wieder zurück, diesmal allerdings nur leicht, und liegen nun bei 46194 Besuchern. Bei den Sonderausstellungen setzt Nollert auf eine starke Rückkopplung an die hauseigene Sammlung.

Den Auftakt macht ab Ende April der 45-jährige Berliner Künstler Manfred Pernice, anschließend werden neue Dauerleihgaben aus der Fluxus-Sammlung René Block präsentiert, darunter Werke von Beuys und Nam June Paik. Die erste Design-Sonderschau wird es voraussichtlich erst 2009 geben. Wir sprachen mit Nollert und Hufnagl über ihr Konzept.

Frau Nollert, die Besucherzahlen sinken, bislang dominierte interner Streit die Wahrnehmung des Hauses. Wie wollen Sie das Museum künftig nach vorne bringen?

Angelika Nollert: Indem ich das Potenzial, das heißt die Sammlung, ausschöpfe und stärke. Das Profil des Hauses besteht aus den beiden Standbeinen Kunst und Design. Und das ist in dieser Form in Deutschland und darüberhinaus einzigartig. Wir werden viel Energie auf die Öffentlichkeitsarbeit verwenden. Die regionale und überregionale Präsenz des Hauses muss gestärkt werden.

Noch hat das nicht geklappt. Im aktuellen Kunst-Kompass des Art-Magazins mit den wichtigsten Ausstellungen des ersten Halbjahres 2008 taucht das Neue Museum nicht auf, wohl aber Häuser wie der Kunstverein Ulm oder die städtischen Museen Heilbronn.

Nollert: Das soll sich ab 2009 ändern. Wir werden forciert an die entsprechenden Printmedien aus dem Kunst- und Designbereich herantreten.

Wieviele Besucher trauen Sie dem Haus denn bei guter Führung zu?

Nollert: Das mag ich nicht beantworten, denn dann wird man an dieser Zahl gemessen.

Es gab nach dem Abbau des Designs auch Stimmen in der Stadt, die der Meinung waren, das könnte so bleiben. Argument: Endlich ist Platz für die eigene Kunstsammlung, und für beide Bereiche ist die Ausstellungsfläche zu klein. Ist da was dran?

Nollert: Das Haus hat eine gute Größe für die Besucher. Denn in anderen Häusern wie dem Museum Ludwig in Köln oder der Hamburger Kunsthalle suchen sie sich eher Teile heraus, sie besuchen nie das ganze Haus. Hier ist das anders und das hat Vorteile. Mich haben von Anfang an die beiden Standbeine gereizt. Das hier ist eben nicht das normale Kunstmuseum.

Gab es auch die Überlegung, das Haus abwechslend komplett mit Kunst und Design zu bespielen?

Nollert: Ja, die gab es. Wir wollen aber das, was das Haus im Namen hat, ständig präsent haben.

Wollen Sie die neue Dauerausstellung auch neu vermitteln, etwa durch Audioguides?

Nollert: Audioguides finde ich prinzipiell gut. Für die Größe des Hauses ist das Medium aber fast zu aufwändig. Sobald man auch nur einen Raum ändert, muss man den Guide neu besprechen.

Thema Sonderausstellungen: Warum beginnen Sie Ihre Austellungstätigkeit nicht mit einem Besuchermagnten, also mit einem bekannten Künstler oder einer pfiffigen Themenschau?

Nollert: Ich wehre mich gar nicht gegen populäre Positionen, wenn sie auch in Bezug auf unsere Sammlung Sinn machen. Es wird immer mal wieder Ausstellungen von bekannteren Namen geben. Ich glaube aber, dass man auch «Insiderpositionen« populär aufbereiten kann. Manfred Pernice, dessen Werk wir ab April zeigen, beobachte ich seit elf Jahren und war immer fasziniert von seinen installativen Arbeiten.

Und die populären Namen die in der Sammlung sind, zum Beispiel Baselitz und Botero, Gerhard Richter und Jean Tinguely oder die Fotografen Thomas Ruff und Andreas Gursky, werden Sie auch zeigen?

Nollert: Ja, auch. Gerhard Richter zum Beispiel wäre für mich absolut denkbar. Er ist ja in der Sammlung vertreten.

Bisherige Sonderausstellungen im NMN griffen oft kunstgeschichtliche Themen auf, etwa die aktuelle Sonderschau «Wenn Handlungen Form werden«, die sich mit dem neuen Realismus in der Kunst seit den 50er Jahren befasst. Wären auch Themen denkbar, die näher am Leben sind wie sie zum Beispiel die Schirn in Frankfurt zu «Shoppen« oder «Tourismus« macht?

Nollert: Ja, so etwas spricht vielleicht nicht nur das klassische Ausstellungspublikum an. Man darf aber nicht vergessen, dass die Schirn-Kunsthalle keine eigene Sammlung hat.

Warum ist das für Sonderausstellungen relevant?

Nollert: Uns geht es auch um die Frage: Wie können wir die Sammlung ausbauen? Ich möchte es schaffen, aus den Ausstellungen, die an die Sammlung gekoppelt sind, Ankäufe zu tätigen. Bei uns ist der rote Faden nicht nur das Ausstellungsgeschehen, sondern auch die Sammlung. Ansonsten könnten wir ja auch zwei getrennte Häuser haben. Aber wir werden auch Ausstellungen zu solch übergeordneten Themen machen.

Zum Beispiel?

Nollert: Mein großes Wunschthema wäre «Kleidung und Mode«. Das könnte ich mir mittelfristig ebenso wie ein Architekturthema vorstellen.

Nach Jahren der Querelen zwischen Ihrem Vorgänger Lucius Grisebach und Design-Chef Florian Hufnagl demonstrieren Sie jetzt offensive Harmonie. Ist die auch darin begründet, dass die Kompetenzen nun, wie von Grisebach immer wieder gefordert, klipp und klar geregelt sind - und wenn ja, wie?

Nollert: Ich habe die Gesamtverantwortung und arbeite mit Herrn Hufnagl als Kooperationspartner.

Das heißt, wenn es nicht klappt, könnten Sie sich auch einen anderen Design-Partner suchen?

Nollert: Rein theoretisch wäre das denkbar, macht aber in der Praxis wenig Sinn. Wir arbeiten gut zusammen.

Und Sie haben auch kein Problem damit, dass Ihr Kooperationspartner seine erste Design-Sonderschau erst 2009 zeigt?

Nollert: Ich bedauere das. Eventuell klappt es ja aber doch noch 2008.

Hufnagl: Wir wollten Marcello Morandini noch für dieses Jahr haben, aber der Vorlauf war zu kurz. Frau Nollert hat ja erst im Oktober ihr Amt angetreten.

Es ist seit über einem Jahr klar, dass Frau Nollert hier anfängt. Und das Ministerium hat stets betont, dass das Design wieder einziehen soll. Hätte man sich da nicht rechtzeitig verständigen können?

Hufnagl: Ich muss doch meiner Kollegin den Vortritt lassen und das mit ihr abstimmen. Den Dienstantritt von Frau Nollert habe nicht ich festgelegt. Und vorher kann ich nicht verbindlich planen.

Sie sind Chef der weltgrößten Design-Sammlung. Hätten Sie nicht kurzfristig ein anderes Thema bringen können, zum Beispiel die Highlights aus Ihrem Bestand?

Hufnagl: Doch, aber die erste Ausstellung nach dem Wiedereinzug sollte programmatischen Charakter haben.

Frau Nollert, wäre es auch denkbar, nicht nur Design, sondern auch Kunstwerke aus den Münchner Beständen nach Nürnberg zu holen?

Nollert: Ja. Das Angebot aus München ist da, und das werden wir ganz bestimmt auch nutzen. Ich möchte aber vermeiden, dass der Eindruck entsteht, Nürnberg sei der große Bruder und das NMN eine Filiale.

Thema Museumsumfeld: Wer das Haus nicht kennt, wird es in seiner versteckten Lage nur schwer finden. Und wer es findet, kommt über den leeren Klarissenplatz. Sehen Sie Handlungsbedarf, das Entree zu verbessern und wenn ja, wie könnte das geschehen?

Nollert: Wir arbeiten daran. Noch ein weiteres Schild aufzustellen, bringt allerdings wenig. Wir überlegen, ob wir eventuell Wegweiser auf dem Boden anlegen.

Ihr Vorgänger Grisebach hat sich als Museumsbeamter bezeichnet. Verbeamtet werden auch Sie. Wie ist Ihr Selbstverständnis als Chefin des Hauses?

Nollert: Ich würde mich auf jeden Fall nicht als Museumsbeamtin bezeichnen, eher als Kunstvermittlerin.

Frau Nollert, wenn man irgendwo neu anfängt, bekommt man viele gutgemeinte Ratschläge. Welcher hat Ihnen am meisten geholfen?

Nollert: Ich hab gar nicht so viele Ratschläge bekommen, eher Warnungen vor der Mentalität der Franken. 

Interview: BIRGIT RUF

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