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Aus der Welt der Schlagerbranche

Der Roman "Keine Sause ohne Brause" des Thalmässingers Willi Weglehner - 06.09.2017 19:21 Uhr

Willi Weglehner in seinem Garten. © Foto: André Ammer


Wenn Willi Weglehner heute über seine Zeit als Komponist solch, nun ja, wegweisender Titel wie "Palma de Mallorca", gesungen von Chris Wolff, und "Wenn Berge träumen" von den Kastelruther Spatzen erzählt, kann er sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. "Zum Teil war das schon hanebüchen", sagt der 69-Jährige, der froh war, das Texten nach einiger Zeit anderen überlassen zu können. Fast 15 Jahre war er in der Branche erfolgreich, 250 Titel hat der pensionierte Lehrer damals in seinem mit Roland Häring (heute "Streetlife Studios") betriebenen Studio Bär in der Nähe des Nürnberger Friedrich-Ebert-Platzes komponiert und produziert.

Songs wie "Sein kleines Boot heißt Veronika" waren ihm in den 1980er Jahren durchaus auch peinlich. Aber mit 30 Jahren Abstand schaut Willi Weglehner — damaliger Künstlername Leo Garsson — mit einer gewissen gelassenen Milde auf diese Zeit, die er nun in seinem Roman "Keine Sause ohne Brause" verarbeitet.

Ab nach Mallorca

Friedhelm Haberfeld alias Amadeus Brause ist der Held dieses Buches. Eigentlich arbeitet er am Amtsgericht, aber im Nebenberuf erfreut er Hochzeitsgesellschaften, Trauerfeierlichkeiten und andere Ereignisse mit Musik aus der Quetschkommode. Ein durchaus auch frustrierender Job. Freund Knut weiß Rat: Ab nach Mallorca! Und zwar nicht nur zur Entspannung, sondern auch zur weiteren Karriereplanung. Was den beiden auf der Deutschen liebster Insel widerfährt, ist höchst schräg. Amadeus Brause wird tatsächlich entdeckt. Er landet einen Riesen-Hit. Und lernt dieses so merkwürdige wie profitgeile Geschäft von seiner absurdesten und schändlichsten Seite kennen . . .

Auch Willi Weglehner musste sich in der "Sonderwelt der Populären Musik", so der Untertitel seines Buches, mit Ganoven und Neidern herumschlagen. Im Roman ist natürlich vieles stark überzeichnet, aber wie so oft im Leben ist der Scherz das Loch, durch das die Wahrheit pfeift.

Dass er in diesem Paralleluniversum landete, lag auch an einem gerüttelt Maß an Frust. Anfang der 1980er Jahre hatte er ein ambitioniertes Projekt mit türkischen Musikern gestartet, um gegen Ausländerfeindlichkeit zu kämpfen. Ergebnis: "Wir haben bundesweit 19 Kassetten verkauft. Da war ich schon gescheit sauer."

Trotzdem noch kein Grund, sich dem Schlager zuzuwenden. Wollte Weglehner berühmt werden oder reich? "Beides nicht", sagt der Autor. Aber er hoffte, den Lehrer-Beruf, den er zunächst sehr mochte und irgendwann nicht mehr so großartig fand ("nicht wegen der Kinder, sondern wegen der Eltern"), an den Nagel hängen zu können. Gesundheitliche Gründe sorgten dann dafür, dass alles ohnehin etwas anders kam als geplant.

Beim Knabenchor

Das literarische Schreiben wurde ihm danach zur Therapie. Alles begann mit einem Text über seine Zeit beim Windsbacher Knabenchor. Die klassische Musik sei ihm dort vergällt worden. "Das Grab meiner Jugend", sagt Weglehner über die Jahre voller körperlicher und psychischer Gewalt. Ein Freund ermutigte ihn, weiterzumachen mit dem Schreiben.

Seither hat er sich zahlreichen Themen gewidmet, etwa den Gräueln der Nazi-Zeit, etwa in seinem dokumentarischen Roman "Franzl — Keiner weiß wohin" über den Sinto Franz Rosenbach. "Aber jetzt schaue ich mir unsere verkommene Gesellschaft an und frage mich: Wozu macht man das alles?", meint der bekennende 68er resigniert, aber keineswegs verbittert.

Die Welt der Schlager und volkstümlichen Musik sieht der Träger des Elisabeth-Engelhardt-Literaturpreises 2009 des Landkreises Roth heute zwiegespalten. Einerseits werde das Publikum veräppelt, andererseits sei diese Art der einfachen "Urinstinkt-Musik", wie er es nennt, eben auch ein Ventil. Irgendwann war Weglehner sein zweites Leben im Schlager-Universum dann auch nicht mehr peinlich: Der Wendepunkt kam, als ein Freund ihn in den 80er Jahren fragte, warum er sich denn eigentlich schäme, er mache doch so viele Menschen glücklich.

Da ist was dran. Mittlerweile spielt das Musikmachen keine große Rolle mehr im Alltag des Willi Weglehner: "Dafür bin ich zu perfektionistisch." Sein Klavier zuhause sei daher eher "ein Dekorationsstück".

ZWilli Weglehner: Keine Sause ohne Brause. Einbuch Buch- und Literaturverlag Leipzig, 257 Seiten, 13,90 Euro. Zu beziehen über info@einbuch-verlag.de Lesung, aus "Doppel mit Damen" am 14. Oktober, 19.30 Uhr, im Haus des Gastes, Hilpoltstein. 

SUSANNE HELMER

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