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Bissiges Politkabarett mit Lisa Catena im Burgtheater

Uraufführung in Nürnberg: Scharfer Blick statt Cellulitis-Witz - 25.09.2016 12:28 Uhr

Lisa Catena erklärt aus Schweizer Sicht die Welt - und das unterhaltsam. © PR


Da geht doch noch was mit der deutschen Willkommenskultur, erkennt die langhaarige Brünette in ihrer Lederjacke sofort: Beifall, wenn eine Ausländerin auf die Bühne kommt. Und zur Beruhigung etwaiger AfD-Fans im Publikum schiebt Catena hinterher: „Keine Sorge, bin morgen wieder weg.“

Unser Umgang mit den Fremden ist eines ihrer Themen im ersten für Deutschland entwickelten Programm. Nach der Karriere mit einer Punkband entschied sich die 36-Jährige für das ernste Fach Politkabarett. Sie mochte es einfach nicht mehr mit ansehen, wieviele Frauen auf den Brettl-Bühnen sich Themen wie Cellulitis oder Staubsaugerqualität begnügen. Da zeigt sie uns lieber, wie die Schweizer ticken und erklärt Mentalitäts-Unterschiede anhand eines Schyzer „Bierli“ und einer bayerischen Maß.

 Waldorf-Heile-Welt-Erziehung

Catenas Blick auf die Welt ist der einer rebellischen Frau, die im behüteten Elternhaus mit Spät-Hippieträumen und Waldorf-Pädagogik groß wurde („Zwei und zwei ist vier, aber nur wenn es für dich auch passt“). Und die jetzt erkennt, dass die Welt doch nicht so gut ist, wie Papa und Mama versprochen haben. Die Welt ist manchmal, siehe Syrien-Krieg, sogar ausgesprochen unübersichtlich. Ihren eigenen Weitblick nimmt die strahlende Schweizerin aus der Gewissheit, dass es keine Gewissheiten gibt, aber doch eine Moral: Dass wir es doch bitteschön miteinander aushalten sollten – auch wenn wir verschieden sind.

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In der Schweiz klappt das schon ganz gut, sagt sie, weil man sowieso unterschiedliche Sprachen spricht und sich kaum versteht. Und die Ossis, die als Kellner in Bern schneller das Essen bringen als der einheimische Gast seine Bestellung formuliert hat, die werde man auch noch integrieren. Denn nach Sachsen kann man sie ja nicht mehr abschieben: Angesichts Pegida kein sicheres Herkunftsland.

Manchmal auch ganz brav

Neben griffigen Pointen hat Lisa Catena auch manche brave Nummer im Gepäck - etwa über Kirche und Fußball. Spannend und klug analysiert sie hingegen den Vormarsch von Dummheit und Lüge bei Facebook-Kommentatoren und US-Präsidentschaftskandidaten. Früher war der einsame Spinner, der am Berner Bahnhof mit dem Schild „Elvis ist jetzt bei der CIA“ herumlief, eben der einsame Spinner. Heute hat er Tausende Follower – und wird oft noch von einem zunehmend unkritischen und unterfinanzierten Journalismus gehypt. Aus solch schlauen Beobachtungen lassen sich noch mehr Funken schlagen. Die schlanke Lisa Catena könnte ein Schwergewicht des deutschsprachigen Kabaretts werden.

  

WALTER GRZESIEK

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