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Das Internet verlangt einen skeptischen Blick

Erster HumanistenTag in Nürnberg unter dem Motto: "Menschen.Berühren" - 13.06.2017 16:00 Uhr

Michael Bauer gehört zum Organisationsteam des HumanistenTags in Nürnberg. © privat


Herr Bauer, wenn man sich das Programm des Humanisten-Tags anschaut, fällt auf, dass es ein wenig vom Kirchentag inspiriert zu sein scheint: Es gibt einen "Markt der Möglichkeiten", verschiedene Themenforen wie "Werte", "Lebenskunst" oder "Aufklärung", und auch eine Sonntagsversammlung mit Gesängen soll das Gemeinschaftsgefühl stärken. Darf man vom "Erzfeind", den Kirchen, einfach klauen?

Michael Bauer:(lacht) Unser Verhältnis zu den Kirchen ist entspannter als Sie denken. Warum sollte man gute Ideen nicht verwenden? Es geht uns schon darum, dass wir Humanisten keineswegs nur Kopfmenschen sind, sondern auch die emotionale Seite des Lebens pflegen. Es soll eine Veranstaltung zum Wohlfühlen, aber keine Wohlfühlveranstaltung werden. Besonders haben wir darauf geachtet, dass wir nicht nur Frontalvorträge bieten, sondern wir wollen kommunikativen Austausch betreiben. Deshalb haben wir viele Diskussionen im Programm. Zum Beispiel wird Sabine Leutheusser-Schnarrenberger mit uns über "Welche Werte braucht unsere Gesellschaft?" debattieren. Und dabei ist dann auch Ali Ertan Toprak, der Vorsitzende der Kurdischen Gemeinde in Deutschland. Ich denke, solche Dialoge versprechen spannend zu werden. Dabei sparen wir auch religiöse Sujets nicht aus. So ist Luther bei uns genauso ein Thema wie das Töten im Namen der Religion.

 

Humanisten plädieren immer stark für die Eigenverantwortung des Menschen. Kann das aber auch in eine Überforderung ausarten?

Bauer: Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Erinnern Sie sich noch an die Debatte um das "Sterbehilfe"-Gesetz? Da gab es fünf Gesetzesentwürfe im Bundestag quer durch die Parteien. Durchgesetzt hat sich jener, der von den kirchenpolitischen Sprechern der Parteien präferiert wurde. Hinsichtlich des assistierten Suizids ist er allerdings der restriktivste. Wir sind der Meinung, wer der Auffassung ist, nicht mehr weiterleben zu können, soll das Recht haben, dieses zu tun. Gerne auch verbunden durch ein verpflichtendes psychologisches Gespräch wie bei einem Schwangerschaftsabbruch. Wer meint, das Leben sei ein Geschenk und er dürfe es nicht eigenverantwortlich verkürzen, soll genauso das Recht dazu haben wie jene, die aus welchen Gründen auch immer, keine Lebensperspektive mehr sehen. Das verstehen wir unter der Freiheit einer offenen Gesellschaft.

 

Zur offenen Gesellschaft gehört auch die Tatsache, dass wir Menschen im digitalen Zeitalter immer gläserner werden und uns auch selbst gläsern machen. Ist das Internet ein Fluch oder ein Segen?

Bauer: Zumindest macht es die Klugen klüger und die Dummer dümmer. Denn es setzt einen enormen kritischen und wachen Verstand voraus, richtig mit den Informationen des Netzes umzugehen. Sich nur von dem treiben zu lassen, was man sehen will, macht einen zum Spielball von Algorithmen, ohne das man wahrnimmt, welche geschäftlichen oder politischen Interessen und Absichten hinter den Inhalten stecken. Ein gesunder Skeptizismus ist also durchaus angebracht. Ich bin gespannt wie das wird, wenn sich erst unsere Autos miteinander unterhalten. . .

 

 

  

Interview: JENS VOSKAMP

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