Dienstag, 11.12.2018

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Der Humboldt-Experte Frank Holl im NZ-Interview

Heute vor 150 Jahren starb Alexander von Humboldt - 06.05.2009

Historiker & Humboldt-Fan: Frank Holl


NZ: Herr Holl, Sie beschäftigen sich seit Jahren mit Alexander von Humboldt. Was genau macht ihn  für Sie zu einer so faszinierenden Figur?

Frank Holl: Es ist die Unabhängigkeit und Freiheit, in der er versucht hat, sein ganzes Leben lang zu bleiben. Es ist der Wunsch, niemals stehen zu bleiben und ständig neue Dinge zu entdecken. Oft sprach er von seinem «Nomadenleben», es war für ihn auch nicht tragisch, wenn er ein Projekt nicht zu Ende bringen konnte oder auch einmal scheiterte, wie bei der Besteigung des Chimborazo. «Ich hielt es für besser, etwas zu leisten, als nichts zu versuchen, weil man nicht alles leisten kann» – das war seine Lebenseinstellung.

NZ: Auch der Wissenschaftler braucht «die blühende Fantasie des Dichters», heißt es einmal bei ihm – sonst könnte er die Schönheit der Natur gar nicht beschreiben . . .

Holl: Literatur und Malerei waren für ihn «Anregungsmittel zum Naturstudium». Es war ihm sehr wichtig, dass sich sein Publikum – und das waren prinzipiell alle Menschen, nicht nur seine Wissenschaftlerkollegen, mit der Natur befasste. Er selbst bezeichnete seine Texte als «Naturgemälde». Wie kaum ein anderer verstand er es, Kunst und Wissenschaft zu einer Einheit zu verbinden.

NZ: Wenn Humboldt die Besteigung des Chimborazo schildert, wird er regelrecht spannend. Sie als Experte mussten sich aber sicher auch durch manch trockene Materie arbeiten . . .

Holl: Wirklich trocken ist Humboldt nie. Aber er hat den Anspruch, wissenschaftlich korrekt zu sein. Und das heißt: er ist manchmal eben auch sehr weitschweifig in seinen Schilderungen. Was ich versucht habe, ist, aus dem gigantischen Textmaterial, das von ihm vorliegt, das ganz Persönliche herauszukristallisieren. Da sieht man, wie sehr er in seiner Jugendzeit unter der strengen Erziehung gelitten hat, später als Student dann unter einem fast nicht beherrschbaren «Getriebensein», man erfährt, wie oft er sich in Gefahr begeben hat mit elektrophysiologischen Experimenten am eigenen Körper oder beim Ausprobieren einer selbst erfundenen Grubenlampe in einem sauerstoffarmen Bergwerksschacht. Später dann auf seiner Expedition durch die lateinamerikanischen Tropen: auf Urwaldflüssen, der Besteigung von unzähligen Vulkanen und in Stürmen auf dem Meer. Humboldt hat diese bewegenden Texte ja meist gar nicht veröffentlicht. Er sah sich als

Wissenschaftler, nicht als Abenteurer.

NZ: In Ihrem neuen Buch nähern Sie sich Humboldt in der ganzen Bandbreite seiner Lebenszeugnisse. Der Güte, die er als Mensch und Menschenfreund ausstrahlt, kann man sich dabei kaum erwehren.

Holl: Humboldt begegnete allen Menschen mit großem Respekt. Das war, denke ich, auch das Geheimnis seines Erfolges. Und dies ist wohl auch die Erklärung dafür, dass er und sein Reisegefährte Aimé Bonpland fünf Jahre lang durch nicht ungefährliche Gebiete gereist sind, ohne auch nur ein einziges Mal einen ernsten Konflikt mit Eingeborenen oder den dort lebenden Weißen bestehen zu müssen. Allen begegnete er auf Augenhöhe. Sein ganzes Leben hat er sich für die Menschenrechte eingesetzt: für die rechtliche Gleichstellung der Indianer und für die Befreiung der Sklaven.  

NZ: Kann man Humboldt, wie es nun getan wird, als Vorreiter von  «Globalisierung»  sehen? Steht er nicht eher für einen  untypischen, weil gleichberechtigten Umgang mit der Welt, der immer noch Utopie ist, vielleicht mehr denn je?

Holl: Die Frage ist, was mit Globalisierung gemeint ist. Falls man darunter eine weltweite kulturelle, wirtschaftliche und politische Vereinheitlichung sehen sollte, ist es sicherlich falsch. Deshalb sage ich lieber, Humboldt hat global gedacht, in großen Zusammenhängen, vor allem auch unter ökologischen Kriterien. Gegen eine kulturelle Gleichmacherei und Unterdrückung von Minderheiten hat er sich immer aufgelehnt. Die Achtung anderer Kulturen war ihm ein tiefes Anliegen.

NZ: Mit seinem Bestseller «Die Vermessung der Welt» hat auch Daniel Kehlmann stark zum Humboldt-Boom beigetragen. Dabei zeichnet er ihn ja stark satirisch, als gescheiterten Weltreisenden. Ist das fair?

Holl: Kehlmann zeichnet eine Forscherkarikatur, die mit der wahren Persönlichkeit Humboldts sehr wenig zu tun hat. Vor allem die politische Dimension wird völlig ausgeklammert. Er sieht, wie er selbst schreibt, in Humboldt eine «Kreuzung aus Don Quixote und Hindenburg». Damit tut er Humboldt in doppeltem Sinne Unrecht. Der war weder ein trauriger Ritter, der die Wirklichkeit mit träumerischen Trugbildern verwechselte, noch war er ein deutscher Militarist. Letzteres stimmt sogar in doppeltem Sinne nicht. Sein Bruder Wilhelm meinte einmal, es täte ihm leid zu sehen, wie Alexander «aufgehört habe, deutsch zu sein und bis in alle Kleinigkeiten pariserisch geworden ist». Und seine Uniform, im Übrigen die eines preußischen Oberbergrats und nicht die eines Militärs, zog er nur bei offiziellen Anlässen an. Er hasste es, sie in der Hitze tragen zu müssen

NZ: Als Humboldt in Berlin starb, war er fast 90 Jahre alt. Berühmt, aber verschuldet. Seine riesige Bibliothek erbte ein Diener, später ist sie verbrannt.  Ein trauriges Ende?

Holl: Im Grunde nicht. Das ist eher typisch für Humboldt. Geld war ihm nie wichtig, und die Bibliothek hat er im Jenseits ja nicht mehr gebraucht.

NZ: Ihre persönliche Meinung: Hatte Humboldt, der Frauenlose und schwärmerische Männerkumpan, auch ein Sexualleben? Die Forscher werden hier gerne ausweichend . . .

Holl: Am besten hat diese Frage Hans Magnus Enzensberger in seinem wunderbaren Gedicht über Humboldt beantwortet: «Vereinsamt und ängstlich gedenkt er der Jünglinge, die ihm gefielen. Meist waren sie sanft und mittellos. Er aber förderte sie und schwieg. Die quälenden Nächte verbrachte er schreibend.»

NZ: Der Humboldt-Kongress in Washington, an dem Sie gerade teilnehmen, hat sicher noch andere kontroverse Themen im Angebot. Worin ist Humboldt diskussionsbedürftig?

Holl: Hier in den USA ist das Interesse an Humboldt immens. Dutzende von Städten, Bergen, sogar eine Biermarke und ein Fluss sind hier nach ihm benannt. Aber die Person und sein Werk kennt man kaum, auch in Deutschland ist das ja leider fast genauso. Man sollte mehr über ihn und vor allem auch von ihm lesen. Danach kann man eigentlich erst beginnen, über ihn zu diskutieren. Hier fasziniert vor allem der Wissenschaftler, der sich politisch verantwortlich fühlt und ein ökologisches, von den Menschenrechten geprägtes Zukunftsbild vermittelt. Das passt zur aktuellen politischen und wirtschaftlichen Situation. Humboldt ist derzeit so modern wie nie. 

Fragen: Wolf Ebersberger

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