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Der Nürnberger Publizist Hermann Glaser ist tot

Er gilt als Wegbereiter der städtischen Soziokultur - 18.06.2018 16:43 Uhr

Hermann Glaser im Juli 2013 am Rande eines Interviews in seinem Haus in Roßtal. © Daniel Karmann


Neue Ideen und Projekte entwickelte Hermann Glaser nicht nur zu Hause am Schreibtisch, sondern auch gerne im Wirtshaus im Gespräch mit Kollegen und Weggefährten. Glaser war ein geschickter Netzwerker, kein Einzelgänger. Er spielte gerne im Team. In den letzten Jahren war Hermann Glaser auf den Rollstuhl angewiesen – was ihn keineswegs an geistigen Höhenflügen hinderte.

Sein Riesenfundus am Wissen, seine Eloquenz und sein Witz verblüfften das Publikum immer wieder aufs neue. Bis zuletzt war er aktiv und auf vielen Bühnen zu Gast. Noch am letzten Donnerstag konnte man ihn bei einer 1968er Gedenkrevue im Nürnberger Karl-Bröger-Zentrum erleben. Dabei ulkte er: "In meinem Alter sind nur zwei Berufe wichtig: Ärzte und Schnapsbrenner."

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Nürnbergs Vor-Denker der Kultur: Das Leben von Hermann Glaser

Der renommierte Nürnberger Kulturpolitiker und Publizist Hermann Glaser ist im Alter von 89 Jahren gestorben.


Für Schnapsideen wurden seinerzeit viele der innovativen Projekte gehalten, die der Nürnberger Schul- und Kulturreferent zwischen 1964 und 1990 entwickelte. Nicht nur im Stadtrat sorgten seine Vorstöße für lebhafte Debatten mit der CSU. Die prominent besetzten "Nürnberger Gespräche" wurden unter Glasers Leitung zu bundesweit beachteten Diskussionsforen, die die olitische Aufbruchstimmung der 68er Bewegung aufgriffen. Das SPD-Mitglied machte sich für das "Bürgerrecht Kultur" stark, zusammen mit seinem Frankfurter Kollegen Hilmar Hoffmann, der ebenfalls vor kurzem verstorben ist, war er einer der wichtigsten Vordenker einer "Kultur für alle". Ein Begriff, der damals stark umstritten war. Heute ist die Soziokultur – quer durch alle Parteien – längst ein selbstverständlicher Teil der städtischen Kulturlandschaft und kein Feindbild mehr.

Kulturnetz in Nürnberg

In Nürnberg entstand mit der Zeit ein dichtes Netz von Kulturläden und Stadtteilzentren mit einem niederschwelligen Kulturangebot. 1973 war Glaser Mitbegründer des selbst verwalteten Nürnberger Jugendzentrums KOMM im Künstlerhaus, um den aus seiner Sicht gegängelten Jugendlichen mehr Freiraum zu geben. Das KOMM machte 1981 bundesweit Schlagzeilen, als nach einer Hausbesetzer-Demonstration 140 Jugendliche verhaftet wurden. Glaser legte sich öffentlich mit Justiz und Polizei an und lieferte damit ein herausragendes Beispiel für Zivilcourage.

Am Ende wurden sämtliche Verfahren eingestellt. Die Jugend im Hitler-Deutschland und das traumatische Erlebnis der sogenannten Reichskristallnacht 1938 haben den kritischen Denker und melancholischen Skeptiker nachhaltig geprägt. Er studierte Germanistik, Anglistik, Geschichte und Philosophie in Erlangen und Bristol. Nach der Promotion arbeitete er zunächst als Lehrer am Nürnberger Scharrer-Gymnasium.

Als Schul- und Kulturreferent setzte er sich frühzeitig für eine fortschrittliche Pädagogik ein, er stellte die Weichen für die Kunsthalle und entdeckte das Thema Industriekultur für Nürnberg. Daneben leitete Glaser 15 Jahre lang den Kulturausschuss des Deutschen Städtetages und engagierte sich in der Kulturpolitischen Gesellschaft. Als wäre das noch nicht genug, war Glaser Zeit seines Lebens auch publizistisch tätig: Über 80 Bücher unter seinem Namen wurden veröffentlicht, darunter Standardwerke wie die "Kulturgeschichte der Bundesrepublik Deutschland", "Wege der deutschen Literatur", "Spießer-Ideologie" oder "Wiedergewinnung des Ästhetischen", aber auch autobiographische Skizzen und Notizen.

Vor allem bei seiner fränkischen Spurensuche und Familiengeschichte zeigte sich der Intellektuelle von einer ungewohnt persönlichen Seite. Noch im hohen Alter stieß der unermüdliche Geistesarbeiter eine neue Buchreihe an: "BuchFranken" soll die Region in möglichst vielen Facetten zeigen, von der Literatur bis zur Industriegschichte, von der Mundart bis zur Kulinarik. Glaser selbst begriff sein Riesenwerk als kleinen Beitrag zum immerwährenden Projekt Aufklärung, das hartnäckig immer wieder aufs Neue erarbeitet, gegebenenfalls auch erkämpft werden muss. 

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