Mittwoch, 12.12.2018

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Dramatik um Atombusen und Atombomben

Wie man in London die Gegenwart auf die Opernbühne bringt - 04.03.2009

Supermodel wird Opernheldin: Anna Nicole Smith.


Zwar berühren die Klassiker des Repertoires, etwa «La Traviata«, «Don Giovanni«, «Zauberflöte« oder «Der Ring des Nibelungen«, universell gültige Fragen des menschlichen Daseins. Doch hat unsere Spezies seit Beginn des 20. Jahrhunderts die Welt und das Zusammenleben in einer Weise und in einem Tempo verändert, bei dem die Oper – anders als andere, viel stärker an der Gegenwart orientierte Künste – nicht selten ganz schön alt aussieht.

In London, einem der kreativsten Schmelztiegel unserer globalisierten Zeit, versucht man das jetzt zu ändern. Ausgerechnet das ehrwürdige und vornehme Royal Opera House am Covent Garden will das schrille und wilde Leben eines glamourösen Supermodels auf die Bühne bringen: Die Texanerin Anna Nicole Smith kam nicht mehr aus den Schlagzeilen, seit sie als 26-Jährige den 89-jährigen Milliardär J. Howard Marshall heiratete. Doch hinter dem grellen luxuriösen Jet-Set-Leben, das durch zweifelhafte Filmprojekte, Vaterschaftsstreitigkeiten und den Tod ihres Sohnes Daniel Smith überschattet wurde, verbarg sich eine Frau, die oft einsam und depressiv war und die im Februar 2007 mit nur 39 Jahren an einer Überdosis Medikamente starb.

Das Schicksal Anna Nicole Smiths sei eine Parabel auf unsere Zeit und stelle den perfekten Stoff für ein Theaterstück dar, sagt Elaine Padmore, die Leiterin des Royal Opera House, die das Projekt vorantreibt und dafür den Briten Mark-Anthony Turnage als Komponisten engagiert hat.

Vor den Abgründen des Boulevard hat Padmore dabei keine Scheu: «Nur weil ein Mensch in den Klatschspalten vorkommt, heißt es noch lange nicht, dass man sich nicht seines Lebens annehmen kann«, sagt sie. «Wir wollen mit dem Stück das Klischee der alten und verstaubten Oper brechen.«

Soll im Royal Opera House bald das Drama einer Jet-Set-Queen zum Opernleben erweckt werden, so wagt sich die English National Opera ein paar Straßenzüge weiter, im London Colisseum, derzeit an den entscheidenden Sündenfall der Menschheit im 20. Jahrhundert.

John Adams’ Oper «Doctor Atomic« verdichtet dort die Nacht vor der Zündung der ersten Atombombe auf dem Testgelände in Los Alamos, New Mexico, zu einem dramatischen Crescendo und will den Bomben-Entwickler J. Robert Oppenheimer zu einer Figur von faustischer Tragik steigern. Seit dieser Nacht im Juni 1945 hat die Menschheit die unheilvolle Macht erlangt, Wagners apokalyptische Vision des Weltenbrandes aus der «Götterdämmerung« in die Realität umzusetzen.

Ein Stoff von monströsem Format, doch der US-Komponist Adams (62), der als Spezialist für die Umsetzung jüngster Geschichte in Musiktheater gilt, hat damit weniger Schwierigkeiten als mit seiner Oper «The Death of Klinghoffer.« Die erlebte 1997 im Nürnberger Opernhaus ihre vielbeachtete deutsche Erstaufführung, doch die Geschichte um die Ermordung der Geisel Leon Klinghoffer bei der Entführung des Kreuzfahrtschiffes «Achille Lauro« durch palästinensische Terroristen kam in der Regie von Barbara Beyer nicht über die Statik eines Oratoriums hinaus.

In der Londoner Version von «Doctor Atomic«, einer Koproduktion mit der New Yorker Met, bringt Regisseurin Penny Woolcock zwar auch kaum Bewegung in Peter Sellars faktenlastiges, aus historischen Gesprächsprotokollen konstruiertes Libretto. Aber sie gewinnt der Bomben-Nacht aufschlussreiche, teilweise gerade in ihrer Banalität erschreckende Facetten ab: Oppenheimer (Gerald Finley) wirkt wie ein Biedermann, der sich als Wissenschaftler nicht in die Politik einmischen will. Gleichzeitig plagen ihn Gewissensbisse, die er auch durch die Flucht in die Poesie Baudelaires und die «Holy Sonnets« John Donnes nicht lindern kann.

Kritische Stimmen der Wissenschaftlerkollegen Edwar Teller (Brindley Sheratt) und Robert Wilson (Thomas Glenn) werden weggewischt, sie stören den von politisch-militärischen Vorgaben diktierten Zeitplan der Bombenexplosion.

Adams schafft für diese Unausweichlichkeit eine nervöse, kleinteilige Musik mit lyrischen Ruhepunkten und elektronischen Verfremdungen. Doch erst im großen, an Orffsche Archaik gemahnenden Crescendo des Finales erreicht die von Lawrence Renes dirigierte Musik jene Intensität, die der existenziellen Dimension des Themas gerecht wird: Dann verschmilzt sie mit der Druckwelle der Explosion, die nicht nur in Hiroshima und Nagasaki verheerende Folgen hatte, sondern unsere Welt komplett veränderte. Was für ein Opernstoff – und wie beklemmend aktuell! 

Thomas Heinold

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