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Kieler Tatort: Starkes Spiel im Glasscherbenviertel

"Borowski und die Kinder von Gaarden" - eine schmerzhafte Milieustudie - 29.03.2015 21:45 Uhr

Kommissar Borowski (Axel Milberg) ist auf dem Bolzplatz mit den Jungs einer Gang eingesperrt. © NDR/Christine Schroeder


Der Kinderschänder Onno Steinhaus (alt, arbeitslos, alkoholabhängig) wird mit einem Hammer erschlagen in seiner Wohnung in Kiel-Gaarden gefunden, ein Viertel wie Berlin-Neukölln. Hier wohnen die, die keine Arbeit haben oder drei Jobs, um ihre Familien durchzubringen. Ein Wohnort, der wie ein Stigma an seinen Bewohnern klebt.

Onno Steinhaus versammelte die Kinder von Gaarden um sich, die Jugend-Gang machte bei ihm Party, trank Alkohol, verhöhnte ihn, nutzte ihn aus, aber gab ihm, dem von der Gesellschaft Ausgestoßenen auch ein wenig das Gefühl von Macht, in dem er sie um sich scharte.

Als Borowski und Brandt am Tatort ankommen, treffen sie dort auf den Polizeihauptmeister Torsten Rausch (Tom Wlaschiha): "Wieso erfahre ich es als Letzter, wenn in meinem Revier ein Mord passiert?", führt er sich ein. Er kennt das Milieu, er kennt die Kinder und die Menschen von Gaarden, ist fast ein Teil davon und Sarah Brandt kennt ihn, als "Rauschi the legend". Er ist der Schwarm ihrer Jugend, die sie in einem ähnlichen Milieu wie in Kiel-Gaarden verbrachte. Ein Umstand, der es ihr letztlich leichter macht, die Zusammenhänge zu sehen, die zum Mord führten, ihr aber auch kurzfristig die Sinne vernebelt und den Zuschauer immer wieder auf falsche Fährten lockt - ein Umstand, der diesen Tatort durchweg spannend bleiben lässt.

Berauschter Polizist aus dem Problem-Kiez

Als sie ihre rosarot-sentimentale Brille absetzt, erkennt auch Sarah Brandt, dass mit Torsten Rausch nicht alles so ist, wie es aussieht, und auch er eine Verbindung zu Onno Steinhaus hatte. Tom Wlaschiha spielt Rausch stark als einen, der versucht, seine innere Zerissenheit mit Härte und Coolness zu überblenden. Rauschi hat einen sprechenden Namen, Eroberungen und Alkohol sind seine Mittel um sich zu berauschen. Er braucht sie, denn obwohl er es oberflächlich geschafft hat, aus seinem Milieu auszubrechen, hängt er immer noch in der Vergangenheit fest. Kiel-Gaarden klebt an ihm, auch Torsten Rausch ist ein Kind Kiel-Gaardens.

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Die Kinder von Gaarden - das ist die Gang, die schon in die Kleinkriminalität abgerutscht ist. Aber auch der nachdenkliche 15-Jährige Timo, der versucht, etwas aus seinem Leben zu machen, aber auch zu Onno Steinhaus' neuem Opfer wurde und wie sein kleiner Bruder Leon von der Gang drangsaliert wird. Die Gang ist abgebrüht und auch Borowski kommt nicht an sie ran, erst als er zu unkonventionellen Methoden greift und Stärke zeigt, beginnen sie zu reden und zu vertrauen.

Der Fall und besonders die zwei Jungs, Timo und Leon, gehen Borowski nahe, er beschützt und ermutigt sie. Die Mutter ist allein und überfordert mit zwei pubertierenden Jungs und den Rechnungen. Timo steht an einem Scheideweg in seinem Leben. Schafft er es, aus Kiel-Gaarden auszubrechen, das Stigma abzuschütteln? Leon, der aus Verzweiflung lügt, ein Opfer im Spiel der Gang und der Umstände, sein einziger Freund der Hund von Onno  Steinhaus.

Wenn eine Gesellschaft an den unteren Rändern ausfranst

In diesem Tatort steht Sarah Brandt, von Sibel Kekilli mit Präsenz, Nachdenklichkeit und Gefühl gespielt, im Fokus der Kamera. Sie zeigt Brandts inneren Kampf mit sich, mit dem Rausch der Vergangenheit, leise und eindringlich, wie es ihre Art ist. Milbergs Borowski ist diesmal eher in den Hintergrund geschrieben, er ist der, der den Überblick behält und Kurs hält, auch mit unkonventionellen Methoden, der, der gegen den Sumpf des Milieus kämpft, fähig auch in den Bösen einen guten Kern zu sehen.

Dieser Tatort ist kein klassisches Räuber-und-Gendarm-Stück, sondern eine Milieustudie. Es gibt Opfer, die aus Verzweiflung zu Tätern werden, überforderte Menschen, die versuchen, ihr Leben auf Kurs zu halten, und scheitern. Die Kameraführung überzeugt durch eine gute, subjektive Handkamera, die den Darstellern unaufdringlich nahe kommt. Die Bilder sind stark, besonders durch das gekonnte Spiel mit Licht.

Der Film zeigt, wie ein unseliger Kreislauf in Gang kommen kann, wenn die Gesellschaft an den oberen und vor allem den unteren Rändern ausfranst und immer mehr Menschen, vor allem junge Menschen auf der Strecke bleiben. Dieser 25. Borowski-Tatort ist gute Unterhaltung für den Sonntagabend. Ein starker Tatort, wenn man auch schon stärkere gesehen hat, eindringlich aber in jedem Fall.
  

Viola Bernlocher

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