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Mit der Lupe mitten hinein ins pralle Barock-Leben

Nürnberger Stadtalltag vor 300 Jahren: Ausstellung erinnert an den famosen Kupferstecher Johann Adam Delsenbach - 22.05.2015 12:00 Uhr

Und ewig lockt das Weib: Detail aus einem der „Nürnberger Prospekte“.


So lässt sich’s arbeiten: Das Malerpult unterm Sonnenschirm, der Meister beim Picknick in der Mittagspause von Dienerschaft umsorgt und von seinem Auftraggeber beehrt. Selbstbewusst zeigt sich Johann Adam Delsenbach (1687-1765) auf diesem Blatt in der schönen Landschaft von Artelshofen. Der Ort in der Hersbrucker Schweiz war über Jahrhunderte Sitz der Nürnberger Patrizierfamilien. Sie waren betuchte Kunden des famosen Kupferstechers, der vor 250 Jahren starb, und ließen ihre Besitztümer gerne von ihm verewigen. Mein Schloss, mein Pferd, mein Land. . .

Delsenbach, der aus einfachen Verhältnissen mächtig Karriere machte, arbeitete mit seinen insgesamt 122 „Nürnberger Prospekten“ aber auch für die Masse und am Image der Stadt. Das eine bedingte vielleicht das andere: „Er zeigt die Schokoladenseite, helle Plätze, sauber, gepflegt, elegant“, sagt Birgit Rauschert, die sich für die Präsentation der rund 300 Jahre alten Blätter etwas Pfiffiges einfallen ließ: Mit der Eintrittskarte gibt es (gegen Pfand) eine Lupe für jeden Besucher. Denn ohne entgingen einem wichtige und witzige, skurrile und informative Details in diesen unglaublich akribisch dargestellten Stadt- und Umlandansichten. Natürlich geht es darin auf den ersten Blick um die Architektur und die Landschaft. Aber Delsenbach hätte nicht als der beste unter den rund 30 Nürnberger Kupferstechern seiner Zeit gegolten, wenn er seine Veduten nicht mit Leben gefüllt hätte. Mit Alltagsleben.

Da sieht man etwa den öffentlichen Reitplatz an der Insel Schütt, wo Anfänger ihre Runden auf dem Gaul drehen, während nebenan die Seilmacher ihre Arbeit tun und Kinder unter Blattwerk auf ausgehöhlten Baumstämmen herumhüpfen. Und dann ist da noch der nackte Hintern, den einer beim Verrichten seiner Notdurft dem Betrachter entgegenstreckt — aber ganz dezent am äußersten Blattrand und fast zu übersehen.

Damit das nicht passiert, wurde genau dieses Detail herausgegriffen und — wie unter einer Lupe — vergrößert neben dem Druck reproduziert. Ein Verfahren, das Rauschert bei jedem der 44 ausgestellten Blätter aus Privatbesitz anwendet und den Betrachter so animiert, genau hinzuschauen auf die bewegungsreichen Genreszenen. Man beginnt unweigerlich den Vogelfänger, Fremdenführer, Bettler, Pinkler, Trinker, Pilger, Sargträger, Schlittenfahrer, die schicken Damen, die balzenden Hirsche und drolligen Rehlein auf dem Originalblatt zu suchen — und macht nebenbei eigene Entdeckungen im fränkischen Stadtleben des Barock. Denn klar ist: Es geht hier nicht in erster Linie um Kunst-, sondern um Stadt- und Kulturgeschichte.

Doppelte Premiere

„Ich wollte die soziologischen Aspekte herausarbeiten. Die Blätter verraten eine Fülle an Information über die Zeit“, sagt Rauschert. Sie ist freie Kunsthistorikerin und hat das Projekt im Auftrag des Fördervereins Kulturhistorisches Museum Nürnberg und in Kooperation mit dem Fembohaus gestemmt. Was eine doppelte Premiere ist: Erstmals organisierte der Verein, der beklagt, dass Nürnbergs Kunst(handwerk) in den hiesigen Museen unterrepräsentiert ist, eine Ausstellung eben dort. „Wir fordern nicht nur, wir tun auch was“, betont der Vorsitzende Werner Schultheiß. Neu ist auch, dass Fembohaus-Leiterin Brigitte Korn eine Präsentation in der Dauerausschau einrichtet, um ihr Haus lebendiger zu machen. Das trifft’s in dem Fall wirklich: Mit Delsenbach hinein ins pralle Leben.

Stadtmuseum Fembohaus, Burgstr. 15, bis 12. Juli, Di.-Fr. 10-17, Sa./So. 10-18 Uhr. Führungen mit Birgit Rauschert So.,11 Uhr. 

BIRGIT RUF

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