Freitag, 24.02. - 06:48 Uhr

|

zum Thema

Nürnberger Filmemacher auf der Berlinale

Julian Radlmaier zeigt seinen Hochschul-Abschlussfilm beim Festival - 16.02.2017 19:19 Uhr

Es geht darin um den ehrgeizigen Nachwuchsregisseur Julian (gespielt von Radlmaier selbst), der Geld braucht für sein neues Projekt, bei allen Förderstellen abblitzt und auf einer Apfelplantage landet, wo er den kommunistischen Filmkünstler mimt. Es ist ein witziger Film geworden, in dem sich der 32-Jährige erneut mit den Widersprüchen von Kapitalismus und Kommunismus befasst.

Bald wird es den krisengeschüttelten Filmemacher Julian (Julian Radlmaier) auf eine Apfelplantage verschlagen. Doch erst mal sucht er im Museum nach der schönen Camille.

Bald wird es den krisengeschüttelten Filmemacher Julian (Julian Radlmaier) auf eine Apfelplantage verschlagen. Doch erst mal sucht er im Museum nach der schönen Camille. © Foto: PR


Ihr erster Spielfilm, "Ein proletarisches Wintermärchen", lief international auf Festivals, gewann Preise in Mexiko und Brasilien. Ist die Einladung zur Berlinale etwas Besonderes?

Julian Radlmaier: Unbedingt. Die anderen Festivals sind auch toll, aber die Resonanz hier ist noch mal eine ganz andere. Wir waren erstaunt, wieviel über meinen neuen Film nach einer Pressevorführung im Januar berichtet wurde. Er ist mit meinen Berliner Freunden in Berlin entstanden, und es ist super, dass der Film hier so wahrgenommen wird und wir das alle teilen können.

 

Wieviel von Ihnen selbst und Ihrer Lebenssituation steckt in dem Film?

Radlmaier: Die Figur ist überhaupt nicht mit mir identisch. Aber sie ist in ähnliche Widersprüche verwickelt. Es gibt das Problem der Filmfinanzierung. Aber wenn man politische Filme macht, fragt man sich auch: Kann ich für das, was ich in meinen Filmen formuliere, persönlich einstehen. Man dreht politische Filme, aber zugleich will man Karriere machen. Das ist schon ein komischer Widerspruch.

Es geht also um Glaubwürdigkeit . . .

Radlmaier: Ja, und um die grundsätzliche Verteilung von Tätigkeiten in der Gesellschaft. Warum darf ich zum Beispiel Filme machen, und ein anderer muss Äpfel pflücken für mein Catering. Das klingt total banal, aber wenn man eine gerechtere Gesellschaft will, dann muss man auch über solche Fragen nachdenken. Das wird im Film auch direkt formuliert. Der Filmemacher, den ich spiele und der sicher auch etwas mit mir zu tun hat, müsste sich eigentlich solidarisieren, aber er ist vor allem um seine Privilegien und seine Aufstiegsmöglichkeiten besorgt. Der will Kommunist nur so lange sein, wie er ein kommunistischer Filmemacher ist, aber kein kommunistischer Apfelpflücker.

 

Einige der Figuren träumen von einem Kommunismus ohne Kommunisten. Was verstehen Sie darunter?

Radlmaier: Den Begriff habe ich in einem Buch von Jacques Rancière gelesen. Die Idee ist: der real existierende Sozialismus ist gescheitert, weil er die Menschen nicht ernst genommen hat und von oben herab ein autoritäres System errichtete. Ein Kommunismus ohne diese Herrschaftsstruktur ist ein urdemokratisches Ideal. Ich glaube schon, dass das möglich ist, dass man zumindest daran arbeiten sollte. Die These meines Films ist, dass Träume von einer veränderten Welt auch in den fiktiven Geschichten scheitern, weil die Leute, die sie erzählen, gar kein ehrliches Interesse daran haben. Ich finde es aber schrecklich, nur noch zynisch auf die Welt zu blicken.

 

Ihre Filme sind zugleich sehr witzig. Wie wichtig ist Humor für Sie?

Radlmaier: Meine Lust, Filme zu machen, rührt daher, dass ich mit gesellschaftlichen Themen spielen und sie ins Absurde steigern kann. Ich will die Welt nicht so tragisch und niederschmetternd abbilden wie sie ist, sondern einen komischen Zugang dazu finden. Ich nehme die Sache schon ernst, aber durch das Lachen erscheinen die Dinge auch wieder gestaltbar.

 

Sie waren Assistent von Werner Schroeter. Sehen Sie sich in einer bestimmten Filmtradition?

Radlmaier: Ich will keine vermessenen Vergleiche anstellen, aber was mich interessiert, ist ganz klar der neue deutsche Film, insbesondere Fassbinder, Alexander Kluge und Schroeter. Über den deutschen Film hinaus gibt es ganz viele Einflüsse. Jean Renoir ist für mich sehr wichtig. Auch Pasolini und die Slapstick-Tradition mit Charlie Chaplin und den Marx Brothers. Mir gefallen Filme, die komplizierte Verhältnisse auf einfache Grundsituationen herunterbrechen und damit wieder greifbar machen.

 

Wie schwierig war es für Sie selbst, diesen Film zu finanzieren?

Radlmaier: Das ging erstaunlich leicht, weil es ein Förderprogramm für Abschlussfilme gibt, bei dem auch die dffb ein Stimmrecht hat. Da es relativ wenig Geld ist, sind die kommerziellen Kriterien, die man erfüllen muss, niedrig. Der Film muss kein Kassenschlager werden. Aber das ist natürlich keine Blaupause für die Zukunft. Die Schwierigkeiten hatte eher mein Produzent. Mit der Förderung kann man den Film irgendwie machen, aber niemanden anständig bezahlen. Knapp Mindestlohn, mehr war nicht möglich. Gerade bei so einem Film ist das auch ein Problem: Man macht einen Film über schlechte Arbeitsbedingungen und beutet die Leute dann selber aus.

 

Arbeiten Sie bereits am nächsten Projekt?

Radlmaier: Ja, ich habe gerade ein Treatment geschrieben und versuche jetzt, die Finanzierung auf den Weg zu bringen. Es wird wieder eine Komödie, wieder politisch, aber diesmal ist es ein historischer Stoff. 

Interview: REGINA URBAN

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Name:

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.