Sonntag, 18.11.2018

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Roman über die Deals der Pharma-Riesen

Philipp Aeby schildert Bereicherungs-Deals globaler Unternehmen - 16.01.2010

Außerordentlich spannend: Der Schweizer Autor Philipp Aeby schildert in «Kolumbianische Scheidung» die rücksichtslosen Bereicherungs-Deals globaler Unternehmen. Symbolbild. © Colourbox.com


Henry Mosquera ist ein junger Schweizer mit brauner Haut. Seine Mutter Eidgenossin, der Vater ein schwarzer Kolumbianer, von dem sich die Mutter trennte. Henry hat ihn seit früher Kindheit nicht mehr gesehen. Jetzt will er heraus aus der Enge der Schweiz und in Kolumbien, wo er gezeugt wurde, eine Firma als Jungunternehmer aufziehen. Eine folgenschwere Entscheidung. In Cali trifft er seinen reservierten Vater, knüpft aber Verbindung zu dessen beiden Töchtern von einer anderen Frau. Es entsteht etwas vage Familiäres. Unweigerlich aber gerät er ins Visier einer von Drogengeldern finanzierten Mafia, die nicht davor zurückschreckt, um der Profitvermehrung willen an Menschen Experimente vorzunehmen, um so neue Medikamente auf ihre Verträglichkeit hin zu testen. Das geschieht illegal und endet für manche mit dem Tod.

In der Pipeline

Rudy, ein ausgebuffter Privatbankier in Zürich, der Geld für Pharmafirmen bereitstellt, erklärt das Geschäft so: «Du kannst dir die Medikamentenentwicklung wie eine Pipeline vorstellen, die von der Forschungsabteilung mit neuen Substanzen gefüllt wird, die dann von der Entwicklungsabteilung nach langjährigen Tests zur Marktreife gebracht werden sollen. Die wenigsten Wirkstoffe schaffen es durch die ganze Pipeline und somit auf den Markt, weil sie unerwünschte Nebenwirkungen zeigen.»

Doch diesmal wollen die US-amerikanischen Hersteller und deren Partnerfirma in der Schweiz das herzbelastende Medikament in den Markt drücken. Sie veranstalten «Kick-off-Meetings», kümmern sich ums «Touch and Feel» einer gefälligen, verharmlosenden Homepage und suchen als junge hungrige Businessleute den Erfolg, Geld und Sex. Als sie die Tests nach Kolumbien verlegen, wollen auch Unternehmer dort mitverdienen. Jeder will ein möglichst großes Stück vom Kuchen. Wer verdienen will, muss schmutzige Geschäfte mitmachen. «So ist das im Big Business, eine Hand wäscht die andere», schreibt Philipp Aeby. Der Autor, 41, hat selbst als Entwicklungshelfer in Kolumbien gelebt und nutzt Erfahrungen für sein Debüt.

Atemberaubender Thriller

Der Schweizer Patrick Bock betreut das «Projekt» Kolumbien. Mit seiner Geliebten Inca, auch sie Schweizerin, bereist er das südamerikanische Land. Weil er nicht weiterkommt, bezieht er Henry in die Verhandlungen ein, der sich wiederum in Inca verguckt.

Die Handlung dieses Thrillers hat Aeby in einer Chronologie atemraubender Spannung aufgebaut. Das Buch ist strukturiert wie ein Drehbuch, an verschiedenen Orten der Welt, in Zürich, New York und bei Cali, agieren Menschen. Schnell kommt heraus, dass die Kolumbianer etwa 30 Landsleute für Tests aus Krankenhäusern holen, teilweise werden sie bewusst in Unfälle verwickelt. Während der Behandlung wird ihnen gnadenlos das Medikament eingeflößt. Henry verschafft sich Prüfbögen, in denen das kriminelle Vorgehen protokolliert ist, er verbündet sich mit Inca und bald werden sie von der Mafia verfolgt.

Das Buch erzählt nicht nur eine verrückte Geschichte, sondern gewährt auch den Blick in die Welt hinter den Kulissen der Pharmaindustrie, in der besessene Kämpfe um Pfründe und Gewinne stattfinden. Wie nahe diese Geschichte an der Wirklichkeit ist, können wir nur ahnen. Der Autor hat jedenfalls gründlich recherchiert. Zugleich ist es eine schöne Liebesgeschichte, als Leser kommt man von der Lektüre nicht mehr los.

Philipp Aeby: Kolumbianische Scheidung. Essencia Verlag, 252 Seiten, 16,90 Euro. 

Roland Mischke

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