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Schwarz und selbstbewusst: Anne Chebu im Interview

Die TV-Journalistin über alltäglichen Rassismus - 06.11.2014 15:24 Uhr

Die aus Nürnberg stammende TV-Journalistin und Moderatorin Anne Chebu hat eine „Anleitung zum Schwarz sein“ geschrieben. © Noel Richter


Frau Chebu, wären Sie gern mal Nürnberger Christkind geworden?

Anne Chebu: Ja, natürlich, wie alle Mädchen. (lacht) Ich bin ja sozusagen ein Burgfräulein. Meine Eltern haben sich als Nachbarn im Burgviertel kennengelernt – und ich bin dort auch groß geworden. Ich mag Nürnberg sehr.

Nervt Sie die Frage: „Woher kommen Sie denn?“

Chebu: Die Frage an sich ist harmlos. Es kommt aber immer drauf an, was dahinter steckt. Wenn man nicht typisch deutsch aussieht, wird man immer weiter gefragt. Das empfinde ich manchmal als Grenzüberschreitung. Ich kenne zum Beispiel einen Deutschen mit schwarzer Hautfarbe, dessen Familie seit Generationen in Deutschland lebt, und der wird auch ständig gefragt, woher er denn „eigentlich“ kommt. Das ist doch Blödsinn. Ich kann doch nicht immer meinen Stammbaum dabei haben, um nachzuweisen, woher ich komme. Ich hoffe doch sehr, dass diese Zeiten vorbei sind.

Ist diese Frage rassistisch oder einfach gedankenlos?

Chebu: 99 Prozent der Leute meinen das überhaupt nicht böse. Oft wird auf die Frage nach dem „Woher?“ eine exotische, spannende Geschichte erwartet. Mit der kann ich aber nicht dienen. Dahinter steckt ja auch oft so ein Schubladendenken: man möchte jemanden einsortieren. Oft sind mit der dunklen Hautfarbe Klischees verbunden wie dunkler Kontinent Afrika, schlechte Schulbildung oder schlimmes Schicksal. Das machen sich viele gar nicht bewusst.

Haben die Deutschen in dieser Beziehung noch etwas nachzuholen, zum Beispiel im Vergleich zu den Franzosen?

Chebu: Das Phänomen, dass man die Nationalität an der Hautfarbe festmacht, gibt es überall auf der Welt. Die Franzosen haben sich auf Grund ihrer kolonialen Vergangenheit längst daran gewöhnt, dass es auch schwarze Franzosen gibt. Wenn ich sagen würde, ich komme aus Frankreich oder aus den USA, wäre das für viele Deutsche wahrscheinlich einfacher zu akzeptieren, als wenn ich sage: Ich bin Deutsche. Fertig. Andererseits habe ich nicht das Gefühl, dass ich hierzulande in entscheidenden Punkten benachteiligt werde. Aber ich habe zum Beispiel viele Freunde, die nur auf Grund ihrer Hautfarbe große Probleme hatten, eine Wohnung oder einen Job zu finden.

Sind Vorurteile Ihrer Meinung nach eine Sache der Bildung?

Chebu: Das glaube ich nicht. Ich habe genau gegenteilige Erfahrungen gemacht. Ich habe das Gefühl, je höher der Schulabschluss, desto weniger Verständnis und Empathie ist da. Wenn zum Beispiel ein einfacher Arbeiter „Neger“ zu mir sagt – und das habe ich öfters erlebt –, erkläre ich ihm, dass mir das nicht passt und er mich lieber „Schwarze“ oder „Afro-Deutsche“ nennen soll. Dann ist die Sache meist erledigt, der begreift das. Bei Akademikern ist das leider oft anders. Mir ist es schon passiert, dass mir ein Kieferorthopäde während der Behandlung einfach in die Haare fasst, weil er testen wollte, wie sich das anfühlt. Der hat gar nicht gespürt, wie er mich damit verletzt.

Was war denn der Antrieb zu Ihrem Buch? Es soll ja auch ein Ratgeber für Afro-Deutsche sein . . .

Chebu: Ich möchte jungen Menschen mit dunkler Hautfarbe eine erste Orientierungshilfe geben. Während meiner Kindheit in Nürnberg gab es nicht viele, die aussahen wie ich. Meine Mutter hat immer darauf geachtet, dass ich Kontakt mit anderen afro-deutschen Kindern hatte, damit ich merke, dass ich eigentlich ganz normal bin. (lacht) Aber ich weiß natürlich, wie das ist, wenn man an einer Schule der einzige Schwarze ist. In dem Buch verarbeite ich aber nicht meine persönlichen Probleme. Ich engagiere mich auch in der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland und weiß, dass viele nicht so recht wissen, wohin sie gehören. Denen will ich helfen und eine Stimme geben.

Schwarz ist für Sie ja ein politischer Begriff . . .

Chebu:Ja, wenn es groß geschrieben wird, damit ist nicht nur die Hautfarbe gemeint. Das hat mit dem Selbstverständnis zu tun, wenn man nicht zur weißen Mehrheitsgesellschaft gehört. Es gibt übrigens auch Asiaten und Türken, die sich mit dem Begriff „Schwarz“ identifizieren. Denn natürlich sind nicht alle Schwarzen gleich, das ist eine ganz heterogene Gruppe.

Sind Sie denn von der schwarzen Bürgerrechtsbewegung in den USA beeinflusst?

Chebu: Eigentlich nicht, das kann man ja auch nicht einfach auf Deutschland übertragen. Aber natürlich habe ich mich darüber ausführlich informiert und bekomme auch Gänsehaut, wenn ich Filmdokus zu dem Thema sehe. Und als Obama Präsident wurde, habe ich geweint. Das hat mir sehr viel bedeutet, obwohl ich mit den USA überhaupt nichts am Hut habe.

Was müsste sich in Deutschland Ihrer Meinung nach ändern?

Chebu: Das Wichtigste für mich ist Akzeptanz. Die kann jeder Weiße aufbringen. Das ist ja nichts, was Frau Merkel entscheiden müsste. (lacht) Sprache ist verräterisch. Das fängt bei so banalen Dingen wie „Negerkuss“ an. Man sollte akzeptieren, dass manche Begriffe diskriminierend und verletzend sind, und ich wünsche mir, dass da nicht immer wieder neue Diskussionen anfangen. Ich bin in Deutschland aufgewachsen, Deutsch ist meine Muttersprache und ich fühle mich komplett als Deutsche. Warum muss ich mich deshalb immer wieder rechtfertigen?

 

Anne Chebu: Anleitung zum Schwarz sein. Unrast Verlag, Münster. 116 Seiten, 9,80 Euro. 

Interview: Steffen Radlmaier

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