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Warum sich der Nürnberger Komm-Bildungsbereich auflöst

"Wir gehen im Zorn": Ehrenamtliche erläuterten Beweggründe für das Aus - 16.03.2018 07:00 Uhr

Eines der letzten Projekte, die der Komm-Bildungsbereich erarbeitet hat: Fotos des Nürnberger Menschenrechtspreisträger Caesar aus Syrien wurden in der Kreis-Galerie präsentiert: Hier zu sehen sind Künstler Thomas May von der Kreis-Galerie, Martina Mittenhuber, Leiterin des Menschenrechtsbüros, Helga Riedl vom Menschenrechtsbüro, Rainer Büschel vom Komm-Bildungsbereich und Uli Obermeier vom „Kreis“-Förderverein (von rechts nach links). © Stefan Hippel


33 Jahre hat der Bildungsbereich im ehemaligen Komm, das jetzt (wieder) Künstlerhaus heißt, ein bildungspolitisches Programm auf die Beine gestellt. Eine schöne Schnapszahl. Doch zum Feiern ist der Gruppe nicht zumute. "Wir haben Hilfestellung und Anerkennung vermisst", sagen Rainer Büschel, Ulli Kuhnle und Wolfgang Kischka. Wobei sie nicht verhehlen, dass es zuletzt auch innerhalb der nicht als Verein organisierten Truppe Ehrenamtlicher zu Unstimmigkeiten gekommen war — die sie aber wiederum auch auf die aus ihrer Sicht massiv verschlechterten Bedingungen im Künstlerhaus zurückführen.

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So bewegt ist die Geschichte des Künstlerhauses

In Nürnberg wird es von vielen immer noch liebevoll "Komm" genannt: Die Ära des Kommunikations- und Jugendzentrums war jedoch nur eine (wenn auch lange) von vielen Epochen in der Geschichte des Künstlerhauses am Königstorgraben. Eine Reise durch bewegte Zeiten in Bildern.


Die nahmen schon damit ihren Anfang, dass im Jahr 2009 die Projektzone, den der Bildungsbereich für Ausstellungen genutzt hatte, zugunsten von Büros wegfiel. Dafür durfte die Gruppe etwa einmal im Jahr – neben kleineren Präsentationen im Glasbau des Hauses — das Kunsthaus im Erdgeschoss des Künstlerhauses nutzen. "Doch dann wurde ein Gremium für die Bespielung des Kunsthauses eingerichtet", so Ulli Kuhnle. Das besteht unter anderem aus Bildenden Künstlern und Akademie-Professoren, hat aber nur beratende Funktion.

Eingeschränkte Autonomie

Fortan musste der Bildungsbereich sich dort mit seinen Ausstellungen "bewerben", mit einem aufwändigen Exposeé und bis zu eineinhalb Jahren Vorlauf. Viel Arbeit für Ehrenamtliche, zumal es keine Garantie gab, dass die Ausstellung wirklich zustande kam. Das Prozedere habe nicht nur die Autonomie, sondern auch die Flexibilität eingeschränkt.

Geärgert hat die Gruppe auch, dass im vergangenen Jahr die Ausstellung mit Kriegsfotos des Syrers Caesar, der den Nürnberger Menschenrechtspreis bekam, von der Hausleitung abgelehnt worden war. Matthias Strobel, Leiter des KunstKulturQuartiers (KuKuQ), zu dem das Künstlerhaus gehört, weist das zurück: Es sei zwar kontrovers diskutiert worden, ob man die schockierenden Aufnahmen zeigen könne, "wir waren aber niemals gegen eine Präsentation und haben im Gegenteil hierfür auch einen Raum angeboten". Den vorgeschlagenen kleinen Seminarraum hielt der Bildungsbereich, der die Fotos ursprünglich im viel größeren Kunsthaus zeigen wollte, aber für ungeeignet und wich in die Kreis–Galerie aus.

Wie auch immer die Auseinandersetzung im Detail verlief: Klar ist, dass sich der Bildungsbereich in einem schleichenden Prozess und durch eine komplexe Gemengelage mehr und mehr eingeengt sah: "Ehrenamtliche Arbeit wird in der Stadt nur in Sonntagsreden gelobt." Im Alltag werde ihr nicht der Stellenwert eingeräumt, den sie benötigt. Rainer Büschel wirft dem KuKuQ außerdem vor, auf gesellschaftskritische Themen immer weniger Wert zu legen. Auch hier widerspricht Strobel, übrigens ein Gründungsmitglied des Bildungsbereichs: "Dem war, ist und wird so nicht sein!"

Aber, so Büschel, auch die große Koalition im Stadtrat, Oberbürgermeister Ulrich Maly und die Kulturreferentin stünden für eine Entpolitisierung der Kunst: "Julia Lehner ist mehr am Marketing interessiert als an politischen Aussagen."

Nische im Kulturleben

Fakt ist, dass nun tatsächlich eine Nische im Kulturleben wegbricht, die so niemand sonst in der Region besetzt. Der Komm-Bildungsbereich, der mit einem städtischen Etat von 13 000 Euro im Jahr ausgestattet war, beschäftigte sich überwiegend mit Themen von gesellschaftlicher Relevanz und Brisanz, gab aber zum Beispiel auch Fotografen aus der Region Präsentationsraum. Die Ausstellung "Der Hesselberg – ein ,heiliger’ Ort der Täter" etwa wurde vielfach verliehen und auch im Bayerischen Landtag gezeigt. Zuletzt war im Kunsthaus eine Ausstellung zu sehen, die darauf aufmerksam machte, dass der wertvolle Rohstoff Sand knapp wird.

Die Ehrenamtlichen sind stolz auf das, was sie in über 30 Jahren erreicht haben, aber eben auch zornig, weil sie sich nicht genug wertgeschätzt fühlen. Auch Strobel ist traurig über das Aus: "Ich hoffe, dass sich wieder eine Gruppe finden wird, die diese wertvolle Arbeit mit neuem Schwung und aktuellen Themen aufnimmt. Raum, Rahmen und breite Unterstützung stehen weiterhin dafür zur Verfügung." 

Susanne Helmer

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