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Zumikon zeigt vier Künstlerinnen

Wie kostbar sind Kadaver in kahlen Katastrophengebieten? - 21.09.2011 16:36 Uhr

In Meike Lohmanns Malkosmos herrscht „Land unter“. © Harald Sippel


Erinnerung ist so eine Kostbarkeit, da sie verblasst, aber auch verklärt. Und im Zeitalter der Demenz-Phobie selbst als bedrohtes Gut erscheint. Linda Männel überzieht ihre Gemälde mit hellen Wollfäden. Die Malerei schimmert zwar durch, verliert aber den Eindruck der Unmittelbarkeit. Am schönsten gelingt Männel dies mit dem großformatigen „Süßer Vogel Jugend“, einem durchkomponierten Getümmel von schwerelosen Tänzerinnen und Tieren. Kreisförmige Aussparungen im Fadenüberzug lenken den Blick des Betrachters, reizen ihn, hinter das Wollgespinst zu blicken. Erinnerungsarbeit verdichtet sich zur optischen Mühsal.

Kalter Glanz der Silberfolie

Eine Aura kalter Pracht verströmen Birgit Nadraus Aluminiumreliefs. Blanke Folien beritzt, bepunzt und bestichelt Nadrau mit Schriftzügen und Werbegraphiken aus den 50er Jahren; Mangafigürchen, chinesische Schriftzeichen, Glücksdrachen, Ornamente und unübersehbare Preisangaben konzentrieren sich zu einer Warenwelt des kalten Glanzes. Schön und keimfrei wie eine Silberbüste.

Im Gegensatz hierzu steht Meike Lohmann. Die Frau mit den strahlend blauen Augen wälzt sich geradezu im Dreck. Meike liebt Erdfarben und entwirft verlassene Landschaften nach der Schlacht, bedeckt mit Kadavern. Naturkatastrophen und Sintfluten müssen über ihre Szenerien hinweggefegt sein, den Rest hat der Zahn der Zeit zernagt. Wo ist hier das Kostbare? Wer zeigt noch Flagge? Verloren, vorbei, vergangen.

Ganz in Innenwelten versunken präsentieren sich die Bilder von Kathrin Ziegelmaier. Die Malerin greift Fotografien aus Illustrierten auf, vergrößert und verfremdet sie am Drucker, holt immer neue und andere Farbwerte heraus – und übermalt dann diese verfremdeten Ausdrucke mit Acryl. Da entstehen höchst intime Porträts wie „Schlafender Soldat“, aber auch aggressive Verdrängungsalbträume wie „Miss Lee“, die mit totenschädeligem Gesicht unter schwarzer Farbmasse versinkt.

Nach diesem Prinzip mutiert die „Madonna“ aus einer Barockkirche zu einer Mater Dolorosa, einem Phantom in fahlem Gelbgrün vor Nachtschwarz. Der Gegensatz folgt einer religiösen Logik, schon Grünewald und andere Altmeister spickten ihre Madonnenbilder mit Anspielungen auf das spätere Leiden.

Und dann steht man überwältigt vor einer großformatigen Gebirgslandschaft in feinster blauer Schraffur. Keine farbige Radierung ist dies, sondern eine Kugelschreiberzeichnung. Eine kostbare Arbeit, die Kathrin Ziegelmaier in Monaten mit dem billigsten Wegwerfstift des Alltags bewerkstelligte. Ihr Titel: „Heimat“.

Bis 19. November im Zumikon, Großweidenmühlstr. 21; Mi-Fr 14-18 Uhr, Sa 11-15 Uhr.
  

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