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Kunst sucht Unterkunft

Botonds Witwe sorgt sich um Nachlass des Künstlers - 11.04.2012 16:00 Uhr

Lioba Pilgram mit einem Werk von Botond © Distler


Botonds älterer Kollege Oskar Koller (1925–2004) hatte zwei Jahre vor seinem Tod eine Stiftung gegründet, damit sein Lebenswerk „erhalten und der Öffentlichkeit zugänglich bleibt“. Im Kunstmuseum Erlangen richtet die Stiftung seit 2005 regelmäßig zwei Räume mit seinen Werken ein. Der künstlerische Nachlass von Toni Burghart (1928–2008) wird derzeit von der Stadt bearbeitet und archiviert. Anschließend soll — so die Vereinbarung mit den Erben — ein Teil der Werke Burgharts als Dauerleihgabe der „Fränkischen Galerie“ zur Verfügung gestellt werden.
 

In beiden Fällen ist der Nachlass- Erhalt damit gesichert. Doch Botonds Tod kam weit vor der Zeit. Sein riesiges Œuvre ging auf seine Witwe über, die nun allein über das Schicksal seiner Kunst wachen muss und sich vor allem wünscht, „dass der Nachlass lebendig bleibt und würdig aufbewahrt wird“. Schon dessen Archivierung und Dokumentation war eine Herkulesaufgabe.

Hell und aufgeräumt präsentiert sich Botonds Atelier im Souterrain unterhalb der einst gemeinsamen Wohnung in der Nürnberger Hochstraße. Und doch wird gleich offenbar, welch reiches, vielfältiges und im ganz physischen Sinne sperriges Werk der 1979 aus Ungarn nach Nürnberg übergesiedelte Künstler hinterlassen hat. Da sind die in Stahl und Blech eingeschweißten Bücher, Botonds mächtige „Bibliothek“, mit der er eindrückliche Mahnmale für die Bewahrung unseres Kulturerbes schuf. Da sind die aus Lkw-Planen geschaffenen Köpfe aus der Serie „Schlaf“, deren verletzlicher Ausdruck und nach innen gerichteter Blick in die Tiefen der menschlichen Seele führen und für die er 2007 den 1. Preis des NN-Kunstpreises erhielt. Auch die früheren Werke findet man hier: die hohen, aus Draht geschaffenen, stark abstrahierten fragilen Menschenfiguren oder die bronzenen Miniaturen, die vom Irrwitz des ewig kämpfenden Menschen erzählen.

Als Besucher ist man sofort wieder gebannt von diesen so existenziellen und archaisch anmutenden Werken. Ungleich aufwendiger zu dokumentieren als das plastische Werk, das Botond meist selbst fotografiert hat, waren jedoch die Zeichnungen, die kaum bekannt sind und doch eine zentrale Bedeutung in seinem Œuvre haben. Einen Großteil der mit Tee, Kaffee, Nussbeize, Tusche und Graphitstift bemalten und bezeichneten Papierarbeiten bewahrte Botond zusammengerollt in einfachen Behältnissen auf, die sich im Lagerraum auf den Regalen stapeln. Lioba Pilgram hat sie alle einzeln auf dem Boden ausgelegt, tagelang mit Gewichten fixiert und dann fotografieren lassen.

Werk neu entdeckt

Bei der intensiven Beschäftigung mit dem Nachlass hat sie das Werk ihres Mannes selbst noch einmal neu entdeckt. „Für mich hat sich ein Bogen gezeigt von Botonds Anfängen bis zum Ende. Im Zentrum standen bei ihm immer die Zeichnung, die Linien, die Schnitte, die er mit dem Graphitstift, mit Draht, mit der Schere und der Nähmaschine geschaffen hat. Er hat die homogene, unbeschädigte Fläche nie gelten lassen.“ Für Botond, das offenbart sein gesamtes Werk, war die Geschichte des Menschen eine Geschichte der permanenten Verletzung seiner selbst und seiner Umwelt.

Ermutigt zu dem Mammutprojekt des Werkverzeichnisses, das Pilgram im Herbst im Eigenverlag als Offset-Druck-Ausgabe und digital im Internet herausbringen will, hat sie ein Sponsor, der ungenannt bleiben will. Der Kunsthistoriker Claus Pese wird einen Text zum Lebenswerk des Künstlers schreiben. Für Lioba Pilgram ist das Verzeichnis enorm wichtig: „Ich brauche es, um Unterkünfte für Botond zu finden.“ Sprich: Sammlungen und Ausstellungshäuser, die seine Kunst weiter öffentlich präsentieren.

Vorläufig — und vielleicht auch dauerhaft — wird sie den Nachlass in ihrer Wohnung unterbringen. Das Atelier weiterhin als Depot-Raum zu erhalten, ist für die mit einer halben Stelle beim KPZ engagierte Museumspädagogin nicht finanzierbar. Die beiden größten Wohnräume hat sie jetzt freigeräumt, um Platz zu schaffen für den Nachlass. „So lebe ich weiter mit Botond“, sagt Pilgram, und das ist für sie nicht die schlechteste Lösung, solange es immer wieder Ausstellungen mit seinen Werken gibt.

Vor allem vonseiten der Stadt, zu deren renommiertesten Künstlern Botond zählt, erhofft sie sich Interesse. Drei Werke aus der Reihe „Buch und Bibliothek“ wurden der Stadt bereits als Schenkung für den Bibliotheksneubau am Gewerbemuseumsplatz vermacht — darunter Botonds Modell für sein „Denkmal zur Bücherverbrennung in Nürnberg“. Der Kubus aus 8000 verschweißten Stahlblechkassetten, in die die Bürger selbst ihre Bücher hätten stellen können, scheiterte damals am Veto des Kulturausschusses. Das Modell würde in der Stadtbibliothek, dem Hort unseres literarischen Gedächtnisses, schönsten Sinn machen.

Lioba Pilgram würde den Nachlass auch kostenlos als Dauerleihgabe hergeben, „wenn er gut gepflegt wird“ — obwohl sie Botonds Kölner Galeristin davor gewarnt hat, sein Œuvre „leichtfertig zu verschenken“. Welch großartige Ausstellungen mit seinem Werk möglich sind, kann man derzeit im Museum für moderne Kunst im ungarischen Débrecen erleben. Dort ist bis 27. Mai Botonds letzte Werkgruppe „Das Abendmahl“ mit aus Lkw-Planen geschaffenen, raumgreifenden Versionen von Leonardo Da Vincis berühmtem Fresko und dem Turiner Grabtuch zu sehen. „Es ist die schönste Ausstellung, die je mit Botonds Werken inszeniert wurde“, sagt Lioba Pilgram, die zutiefst bedauert, dass ihr Mann das nicht mehr erleben konnte.

  

REGINA URBAN

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