Dienstag, 20.11.2018

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Legendäre Musikkommune: Amon Düül II in Nürnberg

Gespräch mit John Weinzierl, Gitarrist von Amon Düül II - 22.04.2009

Amon Düül II einst in den 70er Jahren. © Archiv NN


Wie würden Sie die Musik von Amon Düül II jemandem beschreiben, der noch nie von der Band gehört hat?

John Weinzierl: Früher war es ganz eindeutig psychedelischer Underground, mit den Studentenunruhen der 60er Jahre als Hintergrund. Wir haben in Universitäten gespielt, waren der Lautsprecher dieser Szene. Hinter der Musik stand jedoch immer auch die Kommune Amon Düül – ein großer Stamm. Und da wurde natürlich immer viel musiziert, mit Kindern und wer halt gerade da war. Daraus hat sich alles entwickelt. Irgendwann haben wir lange ernsthafte Kompositionen gemacht, die wie klassische Suiten aufgeteilt waren. Im Augenblick machen wir vielleicht anti-industrielle Undergroundmusik . . . (lacht).

Warum Amon Düül II?

Weinzierl: Die 2 war der Ausdruck für die professionell spielende Musikabteilung der Kommune Amon Düül. Die Kommune ist eigentlich die richtungsweisende Lebensform für die Zukunft. Die Drei- oder Vier-Generationen-Familie ist ja schon seit Jahrzehnten tot. Was jedoch die wenigsten Leute mitkriegen, weil sie so verdammte Industriezombies sind, ist, dass ganz bestimmte Informationen nur in solchen Gemeinschaften weitergegeben werden können - also mindestens in einer Drei-Generationen-Familie. Der Familienansatz ist absolut verloren gegangen.

Sie leben heute in einem schmucken Reihenhäuschen in München . . .

Weinzierl (lacht): Ich hab dieses Häuschen, und das wird auch gefüllt. Wenn die Düül-Familie zusammentrifft und arbeitet, dann sind hier überall Leute – alle Generationen.

Welchen Einfluss hatte München auf Amon Düül?

Weinzierl: Wenig. Wir haben damals in der Peripherie gelebt, am Ammersee oder in Kronwinkl, das ist 60 Kilometer von München weg. Ab und zu mussten wir in die Stadt rein, und das war jedes Mal eine Tortur, weil das so nach Abgasen gestunken hat. Trotzdem muss ich sagen, dass München schon einen eigenen Charme hat. Es gab kürzlich mal ein Interview mit . . . wie heißt dieser Versager-Kommunarde gleich noch?

Rainer Langhans?

Weinzierl: Genau. Wenn wir in Berlin gespielt haben, dann waren wir natürlich in der Kommune 1. Da war der Langhans zwar eine ganz kleine Nummer, aber er war da. Und da haben die halt schnell gemerkt, dass unsere Mädels anders waren – viel charmanter, viel mädchenhafter. Nicht so diese Politgören. Das ist dem Herrn Langhans dann auch aufgefallen, als die Uschi (Obermaier) bei ihm war. Die war übrigens nie bei Düül – das ist auch so ein Gerücht. Sie wollte das immer gerne, aber sie war nie bei Düül.

Nie Ärger gehabt mit der bayerischen Obrigkeit?

Weinzierl: In München gibt es dieses Prinzip «Leben und leben lassen». Wir haben hier immer eine relative Freiheit empfunden. Klar hatten wir viel Kontakt mit der Polizei. Ein paar Mal haben ganze Hundertschaften die Kommune überfallen und durchsucht, meistens nach Waffen. Aber auf dieser Waffenschiene waren wir überhaupt nicht zu Hause. Das war damals schon dieses Baader-Meinhof-Ding. Wenn wir in Frankfurt gespielt haben, da saßen die alle im Publikum – übrigens auch der Joschka Fischer. Dort wurden schon die großen Reden geführt. Der Baader wollte rausgehen und etwas anzünden. Wir haben nur gesagt: «Bist Du blöde? Wir sind hier, um zu spielen!» Ein Feind ist immer auch eine Vielfalt – muss auch leben. Das ist wichtig. Die haben mit ihrem Terrorismus viel kaputt gemacht.

Wie geht es weiter mit Amon Düül?

Weinzierl: Wir sehen uns noch immer so ein bisschen als Sprachrohr für die Dinge, die unterdrückt werden. Es zählt nur noch das Materielle, unglaublich viele Menschen veröden, verhungern innerlich - auch wenn sie es nicht merken. Das Problem: Es gibt kaum mehr Proteste. Die allgemeine Verzagtheit, auch so eine große Krankheit. «Ach, das lohnt sich ja nicht, das hilft doch alles nichts . . .» – Quatsch! Alles hilft! Genau an der Stelle bohren wir: Nicht einschlafen – aufwachen! 

Interview: Stefan Gnad

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