Dienstag, 13.11.2018

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Münchner Kammerspiele: «Endstation Sehnsucht«

Sebastian Nübling zeigt den Klassiker als unterhaltsame Tragödie - 19.01.2010

Wiebke Puls (rechts, hier mit Katja Bürkle als Stella) spielt mit Komik die tragische Blanche, die verzweifelt ihre großbürgerlichen Tugenden wahren will. © Rabanus


Ein bisschen sieht es aus wie bei Hempels unterm Sofa: Kleiderballen quellen aus Regalen, vor geschmacklosen Tapeten steht der Fernseher auf der Kommode, und natürlich wird gestöhnt und geschrien - auf und unterm Sofa. Denn sie lieben und sie schlagen sich in der Prolo-WG, in die Blanche da geraten ist. Als letzter Spross einer einstmals reichen Südstaaten-Familie, deren Vermögen den Bach runterging, klammert sie sich verzweifelt an den Habitus ihrer sozialen Herkunft, spielt die noble Dame, obwohl sie nur noch eine mittellose, trunksüchtige Lehrerin ist, die gefeuert wurde, weil sie was mit einem Schüler hatte.

Unterschicht-Studie kippt in dämmrig-irreale(Alp-)Traumszenen

Klar, dass Blanches neurotische Arroganz nicht gut ankommt in dem Trainingsjacken- und Hot-Pants-Milieu, auf das sie stößt, als sie sich bei ihrer Schwester Stella (Katja Bürkle) einquartiert. Die hat nämlich den Arbeiter und «Polacken« Stanley Kowalski geheiratet (Steven Scharf als familientauglicher Brutalo), den praktisch-primitiven Vertreter eines zupackenden Amerika, der genau über die Neandertaler-Tugenden verfügt, die man in der Konkurrenzgesellschaft braucht. Also sieht man ihn mit seinen tätowierten Vokuhila-Kumpels ständig Heimwerken in der Sperrholz-Bude mit Bad (Bühne: Muriel Gerstner), in der sie alle zu wohnen scheinen: Da werden Möbel geschleppt, Tapeten geklebt, und ständig dudelt dazu eine nervtötend gutgelaunte Tralala-Musik aus dem Radio.

Leicht überdrehter Realismus

Zum Glück bleibt Sebastian Nübling nicht bei diesem leicht überdrehten Wohnküchen-Realismus stehen in seiner Inszenierung von Tennessee Williams’ 50er-Jahre-Klassiker «Endstation Sehnsucht«. An den Münchner Kammerspielen lässt der Regisseur die hell ausgeleuchtete, manchmal schon karikierende Unterschicht-Studie immer wieder unvermittelt kippen: In dämmrig-irreale, fast somnambule (Alp-)Traumszenen, wo mehr mit den Körpern als mit Worten gesprochen wird. Da sieht man dann die Prolls wie eine Affenhorde im Tarzan-Stil durchs nächtliche Haus toben oder aber Blanche beim Tanz mit Kowalskis sensiblem Freund Mitch (Jochen Noch als Kavalier im Hawaiihemd), der sie heiraten möchte. In solchen wunderbar spukhaften Passagen wird erahnbar, was uns diese Südstaaten-Story von 1947 heute noch angeht: Sie macht den gespenstischen Phantomschmerz einer «flexibilisierten« Klassengesellschaft spürbar, die traditionelle soziale Hierarchien amputiert, um zu verbergen, dass sie eine ist.

Und obwohl die Inszenierung mit gut drei Stunden viel zu lang geriet, besitzt sie doch beträchtlichen Unterhaltungswert. Was auch an der großartigen Wiebke Puls liegt, die der tragischen Figur der Blanche erstaunlich komische Facetten zwischen stöckelnder Edel-Tussi und zerrupftem Vögelchen abgewinnt - und dafür, wie die ganze Aufführung, stürmischen Premierenbeifall erntete.

Aufführungen: 20., 23., 29., 31. Januar, Kartentel. 089/ 23396600 . 

Alexander Altmann

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