Mittwoch, 14.11.2018

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Nürnberger Autor erinnert an Ernst Busch

Kammersänger der Revolution - 26.05.2010

Bewegtes Leben zwischen spontaner Rebellion und dogmatischer Anpassung: Ernst Busch, hier in dem Film »Das Meer ruft« (1933). © aus dem Buch


Der Schauspieler Busch mimte in Brechts »Dreigroschenoper« (1928) den Bänkelsänger, übernahm manchmal in zwei großen Berliner Theatern am gleichen Abend tragende Rollen und trat in vielen Filmen auf. Zusammen mit dem Komponisten Hanns Eisler, einem Fixstern der neueren Musikgeschichte, gab er dem ausgeleierten Genre des politischen Kampfliedes ein avantgardistisches Profil: schrille Synkopen, atonale Märsche, hämmernde Texte. »Vorwärts und nicht vergessen / worin unsere Stärke besteht . . .«

Dass Busch heute, genau dreißig Jahre nach seinem Tod, nicht vergessen werden kann, dafür sorgt eine monumentale Biografie aus der Feder des Nürnberger Musikwissenschaftlers Jochen Voit. Erzählt wird das Leben eines der sozialen Revolution verschworenen Künstlers, das in der Enge und Armut eines Kieler Arbeiterhaushalts beginnt und auf der Demenzstation eines DDR-Altenheimes in Bernburg endet. Voit gestaltet dieses faktensatte Lebensbild, das sich zur Epochenbilanz weitet, mit Schwung und Empathie, aber auch mit der deutlichen Distanz des Nachgeborenen.

Er bricht aus dem stilistischen Korsett einer wissenschaftlichen Darstellung aus und schildert Lebensphasen des Agitators und Ästheten in ihrem Widerspruch zwischen spontaner Rebellion und dogmatischer Anpassung: prall, bunt, fesselnd, manchmal mit deutlicher Ironie.

Der Autor entwirft auch den politisch-sozialen Hintergrund von Buschs Texten und analysiert deren Wirkung. Auf diesem Weg entsteht im Vorbeigehen ein Aufriss der Kultur- und Sozialgeschichte eines halben Jahrhunderts.

Die Prämissen für dieses Maßstäbe sprengende Bild einer dissonanten, zwischen Volkstümlichkeit und Artistik, Anpassung und Rebellion schwankenden Persönlichkeit, lagen vor drei Jahrzehnten in einem Reihenhaus in Nürnberg-Langwasser. Dort vernahm Jochen Voit immer wieder eine Stimme aus Samt und Wut, Pracht und Aggression, wenn sein Vater Schallplatten von Ernst Busch abspielte.

Damals waren dessen Songs gegen Rassismus und Ausbeutung, aber vor allem die Balladen aus dem Spanischen Bürgerkrieg ins linksliberale Sozialmilieu des westdeutschen Bildungsbürgertums vorgedrungen. Spaniens Himmel breitete seine Sterne in manchem Wohnzimmer aus. Der Marsch der 11. Brigade vermittelte an geselligen Abenden das erwünschte operettenrevolutionäre High-Sein.

Busch kam 1927 von den Provinzbühnen des deutschen Ostens nach Berlin, in die damalige Welthauptstadt der Kultur, die sich im Bann der Weltwirtschaftskrise in immer schrilleren sozialen Dissonanzen verlor. Bald gewann er sein einmaliges Profil: ein umjubelter, auch erotisch heftig begehrter Multimedien-Star, den eine exotisch-proletarische Aura umgab. Im letzten Augenblick kann er 1933 vor dem Zugriff des NS-Terrors ins westeuropäische Exil fliehen.

Riesenerfolg in der Sowjetunion

Er gerät in eine finanzielle und existenzielle Sackgasse. Einen Ausweg bietet scheinbar 1935 die Reise in die Sowjetunion. Dort erzielt der Sänger Ernst Busch bei seinen Auftritten rauschhafte Erfolge; die Texte seiner Lieder bleiben bis zur Perestroika ein wichtiger Bestandteil des russischen Deutsch-Unterrichts.

Jochen Voit zeigt aber auch die Unterwerfungs- und Anpassungsbereitschaft des Künstlers auf: Jubelarien zu den Schauprozessen Stalins und der Hinrichtung der trotzkistischen »Verschwörer«. Trotzdem gerät Busch selbst ins Fadenkreuz der sowjetischen Geheimpolizei. Die Reise nach Spanien zur kulturellen Truppenbetreuung an den Fronten des Bürgerkriegs bedeutet wieder Rettung in letzter Minute.

Fünf Jahre später hat sich der Künstler in den Labyrinthen des Exils verirrt und sitzt im NS-Zuchthaus Brandenburg-Görden in Isolationshaft. Dort befreit ihn im April 1945 die Rote Armee. Busch, zunächst ein Protektionskind der sowjetischen Besatzungsmacht, entwickelt sich in der gelenkten und überwachten DDR-Kulturpolitik trotz aller Anpassungsrituale nach und nach zum politischen Querulanten und ästhetischen Außenseiter. In seinen letzten Lebensjahren erfährt der Politbarde – ein ausrangiertes Denkmal seiner selbst – bei der westdeutschen Protestgeneration mehr Resonanz und Sympathie als im Honecker-Staat. Herbert Gebert

Jochen Voit: Er rührte an den Schlaf der Welt. Ernst Busch. Die Biographie. Aufbau Verlag, 515 Seiten, 24,95 Euro. 

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