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Wo soll in Forchheim das Gedenken gelernt werden?

Das schwierige Erbe jüdischen Lebens in Forchheim — Ritual am Gedenkstein — Erinnerung geht verloren - 02.08.2012 10:00 Uhr

Dieses Gemälde zeigt rechts die Synagoge in der Wiesentstraße. Es hängt im Dienstzimmer von OB Stumpf. <autor>Repro: NN

Dieses Gemälde zeigt rechts die Synagoge in der Wiesentstraße. Es hängt im Dienstzimmer von OB Stumpf. Repro: NN


In der Nacht zum 10. November 1938 zog der braune Mob durch die Stadt. Er schlug Fensterscheiben von Läden ein, plünderte Geschäfte, verprügelte deren Besitzer und erfreute sich dabei des Beifalls nicht weniger braver Bürger. Die Opfer waren Juden. Das war ihr Frevel, deswegen mussten sie dran glauben. Einer der Haupträdelsführer jener Pogromnacht: der leitende Polizeibeamte Forchheims.

Anderntags wurden die jüdischen Männer der Stadt zuerst gezwungen, den Schutt der gerade eben gesprengten Synagoge auf Wagen zu füllen. Dann wurden sie nach Dachau abtransportiert.

An diese traurige Vergangenheit erinnert seit 1982 ein Gedenkstein am Wiesentufer. Alljährlich legen Vertreter der Stadtspitze dort einen Kranz nieder und halten kurz inne im Gedenken. Ein Ritual. Käme die Zeitung nicht hinzu, niemand nähme Notiz. Hätte der Gymnasiallehrer Rolf Kießling sich nicht des Themas Juden in Forchheim angenommen, ein Buch darüber geschrieben und machte er nicht seit vielen Jahren Führungen dazu — niemand erinnerte sich mehr in Forchheim.

Jeder, der es wissen will, weiß, dass der Grund und Boden der früheren Synagoge dem OB gehört. Vermutlich hat auch jeder Forchheimer aus seinem Mund schon einmal die Geschichte seiner Großmutter gehört. Wie sie die Sakralgegenstände aus der Synagoge, die der braune Mob in den Fluss geworfen hatte, wieder herausholte, aufbewahrte und nach dem Krieg den Juden zurückgab. 1953 konnte sie dann der jüdischen Kulturverwaltung Frankfurt das Grundstück in der Wiesentstraße abkaufen.

Für Juden hat das Gelände keinen sakralen Wert mehr. Es ist für sie ein Grundstück wie jedes andere auch. Einerseits. Andererseits erweist sich halt immer daran, wie eine Gesellschaft mit ihren dunklen Flecken umgeht, wie es um diese Gesellschaft bestellt ist. Beispielsweise erinnerten sich alle Forchheimer, die 1938 die Zerstörung der Synagoge und 1941/42 die schreckliche Deportation der letzten Juden in ihre Vernichtung erlebten, an jede Einzelheit — aber sie sprachen nicht darüber.

Jeder wusste, welche Geschäftshäuser früher im Besitz von Juden gewesen waren und wer sie zum Spottpreis erwerben und anschließend über Jahrzehnte gewinnbringend nutzen durfte und heute noch darf. Aber niemand redete davon. Man kann nachlesen, wer als Rädelsführer des braunen Mobs vom November 1938 nach dem Krieg verurteilt wurde. Man kann dank Rolf Kießling nachempfinden, wie und wo Juden seit dem Dreißigjährigen Krieg in Forchheim wohnten und arbeiteten, wie sie trotz aller Schikanen überlebten, sich integrierten und die Gesellschaft prägten. So ist die Stadt zum Beispiel einem Max Zeiller auch deswegen zu größtem Dank verpflichtet, weil er von 1912 bis 1932 ehrenamtlich der Feuerwehr vorstand.

Aber es gibt kein Haus, keinen Gedenkraum, keine Dauerausstellung, keinen noch so kleinen Park mit Gedenktafeln, keine institutionalisierte Erinnerungskultur mit pädagogischem oder wenigstens irgendeinem Anspruch, wo Forchheim an seine jüdische Vergangenheit erinnert wird. Das ehemalige Synagogengrundstück bietet die Chance dazu, wahrscheinlich die letzte.

Der Gedenkstein in der Wiesentstraße und die Stele zur Erinnerung an die Deportierten in der Nürnberger Straße sind wichtig, aber auf Dauer zu wenig. Heute zieht die Generation „Ich kann euer altes Nazi-Zeug nicht mehr hören“ in die Amts- und Bürostuben ein. Sie weiß nicht mehr, wie sie mit dem schwierigen Erbe umgehen soll. Aber mal ganz ehrlich: Wo soll sie es auch lernen in Forchheim? 

VON ULRICH GRASER

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