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Städter entdecken die Lust am Landleben neu

Bamberger Kulturgeograf sieht Hoffnung für abgehängte Regionen - 18.08.2015 18:06 Uhr

Ein Holzhaus mit Fensterläden, davor Blumen im eigenen Garten – nicht immer kann die ländliche Idylle halten, was sie verspricht. © Foto: dpa


NZ: Herr Redepenning, viele Life-Style-Zeitschriften idealisieren das Leben auf dem Land und verkaufen sich millionenfach. Woher kommt diese neue Liebe zur Provinz?

Marc Redepenning: Seit Jahrhunderten verbinden die Menschen ländliche Gegenden mit Werten wie Reinheit, Ruhe und Entschleunigung, aber auch mit Tradition und Rückständigkeit. Das zeigen Texte aus dem 19. und 20. Jahrhundert, die ich analysiert habe. In unserer modernen Dienstleistungsgesellschaft kommt noch ein wichtiger Aspekt hinzu: Das Land gilt als ein Ort, an dem überwiegend mit den Händen gearbeitet wird. Menschen mit Bürojobs leiden manchmal darunter, dass ihre Tätigkeit keine greifbaren Ergebnisse hervorbringt. Es fehlt am Praktisch-Handwerklichen. Wenn man dagegen auf dem Land lebt und eigenes Gemüse anbaut, ist das anders. Und ums Selbermachen geht es ja oft auch in den Magazinen.

 

NZ: Wer liest denn diese Blätter?

Redepenning: Überwiegend gut situierte Menschen, im mittleren oder höheren Alter, die selbst auf dem Land leben und einen eigenen Garten haben. Allerdings wird der Anteil der Stadtbewohner unter den Lesern immer größer. Man kann sagen, dass diese Zeitschriften in den Großstädten angekommen sind.

NZ: Wirkt sich die Sehnsucht nach ländlicher Idylle auch in der Praxis aus? Ziehen die Leute tatsächlich verstärkt auf das Land?

Redepenning: Nein, im Gegenteil: Es wandern immer mehr Menschen vom Land in die Städte und das stadtnahe Umland ab, weil es dort mehr Arbeitsplätze und eine bessere Infrastruktur ab. Aber wenn es in Umfragen heißt: ,Wo wollen Sie am liebsten leben?‘, nennt die Mehrheit das Land oder ländliche Kleinstädte. Die Menschen sehnen sich also nach den genannten Vorzügen ländlicher Räume, aber dauerhaft dort leben wollen die meisten nicht. Gleichzeitig stelle ich auch fest, dass sich die Gegensätze zwischen Stadt und Land immer mehr auflösen.

M. Redepenning © Foto: Philipp Demling


NZ: Inwiefern?

Redepenning: In Großstädten entstehen dörflich anmutende Rückzugsräume – zum Beispiel durch ,Urban Gardening‘, also Gartenpflanzungen in der Stadt. Die Architektur gleicht sich an, ebenso wie die Lebensstile. Man kann nicht mehr sagen, dass auf dem Land traditionelle Werte wie Familie oder Religion gelebt werden, und alternative Lebensweisen nur in der Stadt ihren Platz haben. Die Menschen, die von der Stadt auf das Land ziehen, bringen ihre Lebensweise mit und sorgen so für mehr Toleranz und Verständnis. Auf der anderen Seite identifizieren sich in Großstädten immer mehr Leute bewusst mit ihrem ,Kiez‘, ihrem Viertel, und auch die Vereinskultur wird dort immer wichtiger. So entsteht ein Gegenstück zur traditionellen Großstadt-Anonymität, die zwar Freiheit, aber auch Einsamkeit mit sich bringt. Ein Punkt, der Ballungsräume in sozialer Hinsicht noch von ländlichen Gegenden unterscheidet, ist der deutlich höhere Migrantenanteil.

NZ: Finden Menschen, die von der Stadt auf das Land ziehen, dort die Idylle, die sie sich vielleicht erhoffen?

Redepenning: Nicht immer. Oft werden sie von der Dorfbevölkerung nicht ohne weiteres akzeptiert. Sie haben Schwierigkeiten, sich in Vereine zu integrieren – oder wollen das auch gar nicht. Nach einiger Zeit bemerken sie dann die Nachteile vieler ländlicher Regionen: Langsames Internet, schlechte Verkehrsanbindung, es mangelt an Kinos und Kneipen. Immer mehr Ortschaften haben nicht mal mehr einen Bäcker oder kleinen Supermarkt, wo man mit anderen Leuten ins Gespräch kommen könnte. Außerdem mehren sich auch in ländlichen Räumen die Konfliktthemen wie der Ausbau erneuerbarer Energien oder die Lebensmittelsicherheit.

NZ: Wie sehen Sie die Zukunft des ländlichen Raums? Wird sich die Angleichung von Stadt und Land, von der Sie sprachen, fortsetzen?

Redepenning: Im stadtnahen ländlichen Raum schon. Abgelegene Landstriche dagegen werden meiner Ansicht nach weiter schrumpfen. Mit Blick auf unsere Region würde ich sagen: Um die Orte, die entlang der Städteachse Bamberg-Forchheim-Erlangen-Fürth-Nürnberg liegen und einen Autobahn- und S-Bahn-Anschluss haben, braucht man sich keine Sorgen zu machen. Aber die Kommunen abseits solcher Verkehrslinien werden es schwer haben. Gravierend ist die Situation in Ostdeutschland, aber auch in Teilen der Oberpfalz und Niederbayerns. Die Zahl der Gemeinden, von denen man mit dem Bus eine Stunde in die nächste Kreisstadt braucht, wächst stetig.

NZ: Gibt es noch Hoffnung für diese Regionen?

Redepenning: Ja – in Form sogenannter Raumpioniere. Gemeint sind Menschen, die ganz bewusst in brachliegenden Regionen günstige Immobilien oder Flächen kaufen und dort neue Modelle des Zusammenlebens ausprobieren. In Ostdeutschland gibt es zum Beispiel Ökodörfer. Ihre Bewohner versuchen, Ökonomie und Ökologie in Einklang zu bringen. Manchmal geraten sie dabei in Konflikt mit alteingesessenen Landwirten, die noch von der DDR-Zeit geprägt sind und Landwirtschaft nach dem Motto ,Mit viel Dünger wird alles gut‘ betreiben. Oft fehlt es auf beiden Seiten an der Bereitschaft voneinander zu lernen. Dadurch wird viel Potenzial verschwendet. Das lokal vorhandene Wissen muss besser genutzt werden.

NZ: Warum fasziniert Sie gerade der ländliche Raum so?

Redepenning: Ich habe das Thema vor etwa zehn Jahren für mich entdeckt. Damals haben fast alle Geografen über Großstädte geforscht – Stichwort ,Global Cities‘, Weltstädte. Und ich wollte nicht das machen, was alle machen. Der zweite Grund war noch persönlicher: Ich habe damals an der Uni Jena in Thüringen gearbeitet. In der Nähe liegt das Dorf Niederroßla, wo im Jahr 2007 das ,Elefantenfest‘ gefeiert wurde. Es findet alle 25 Jahre statt und geht auf einen Besuch einer Wandermenagerie im Jahr 1857 zurück. Dabei ist in dem Ort auf ungeklärte Weise ein Elefant gestorben. Es hat mich fasziniert, wie die Dorfbewohner diese Tradition über Jahrhunderte pflegen und ihr Wissen an die nächste Generation weitergeben. 

Fragen: Philipp Demling

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