DS9: Pariser Flair aus Fernost

24.5.2021, 19:13 Uhr

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Was die automobile Luxusklasse betrifft, ist Deutschland so etwas wie die Höhle der Löwen. Importmodelle haben es schwer in einem Land, in dem Audi, BMW und Mercedes zuhause sind. Wer hier einen Teil vom Premium-Kuchen ergattern will, braucht eine gewisse Strategie des Anders-Seins.

Die Göttin als Vorbild

So geht auch DS vor: Beim neuen Flaggschiff DS9 wird explizit das Französische betont; von Pariser Luxus ist die Rede, von "Savoir Faire" (was charmanter als "Know How" oder "Gewusst wie" klingt), vom Club Privilège, dem sich die Kunden zurechnen dürfen und der ihnen Events wie "Louvre by Night" anbietet, ferner von Oberflächenveredelung mittels Clous-de-Paris-Guillochierung oder dem Bracelett-Finish der Ledersitze. Und über allem schwebt die Göttin "La Déesse" - Citroëns ewige Stil- und Technologieikone DS, gebaut von 1955 bis 1975, deren Strahlkraft sich auch auf den DS9 legen soll.

Kleiner Exkurs: DS Automobiles ist im Jahr 2015 in Paris als Premiummarke des PSA-Konzerns gegründet worden; heute gehört DS – wie Fiat und die PSA-Geschwister Peugeot, Citroën und Opel - zum Stellantis-Konzern. Die Modellpalette umfasst die Crossover DS3 Crossback und DS7 Crossback, noch in diesem Jahr ergänzt neben dem DS9 der wichtige Kompakte DS4 das Portfolio.  

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Das Topmodell DS9 basiert wie Peugeot 508, Citroën C5 oder Opel Grandland X auf der EMP2-Plattform von PSA, wirkt aber ungleich repräsentativer als die genannten Brüder. Die Länge von 4,93 Metern soll ein Dasein neben den deutschen Business-Limousinen Audi A6, Mercedes E-Klasse und 5er-BMW sichern.

Nicht in der Champagne, sondern im Rheingau stellt sich uns der DS9 vor, als Begleiterin hat er das göttliche Vorbild DS mitgebracht – um den stilistischen Bezug zu verifizieren, muss man freilich genau hinsehen: Alsda wären beispielsweise die Positionslichter an der Dachkante oder die mitlenkenden Scheinwerfer, sogenannte Schwenkscheinwerfer hat sich die DS schon 1967 zu eigen gemacht.

Längsgravur auf der Motorhaube

Ansonsten lässt der DS9 aber jede Retro-Attitüde sein. Als moderne Fastback-Limousine bringt er sich ins Spiel, stilprägend wirken der Diamantgrill und die Tagfahrleuchten im Säbelzahn-Design, die Clous-de-Paris-Längsgravur auf der Motorhaube, die versenkten Türgriffe und das elegante Fließheck.

Karriere als Staatskarosse

Man darf davon ausgehen, dass Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron den DS9 als automobile Residenz nutzen wird. Platz wird er reichlich vorfinden, stellen wir fest, auch hinten rechts, der Radstand von 2,89 Metern eröffnet üppige Beinfreiheit. Mitfahren können im Fond nur zwei Passagiere, gebettet aber auf bequeme Fauteuils, die ausstattungsabhängig eine Klimatisierungs- und Massagefunktion bieten.

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Wir wechseln nach vorne. Hochwertige Materialien auch hier, Kristallglas, Alcantara, Perlenstickerei und wiederum Clous-de-Paris-Guillochierung, ein um 180 Grad drehbarer Chronograph der Pariser Manufaktur BRM auf dem Armaturenträger, die Sitze in den höheren Ausstattungsvarianten mit dem Leder bayerischer Rinder bezogen, die in mückenstichfreien Hochlagen gehalten worden sind. Auch unter Premium-Kunden gibt es freilich immer mehr, die Tierhaut ablehnen, an Hightech-Alternativen werde bereits gearbeitet, sagt DS-Sprecherin Dorothea Knell.

Das Multimediale übernehmen ein 12,3 Zoll großes digitales Fahrerdisplay und ein 12-Zoll-Touchscreen in der Mittelkonsole. Augmented-Reality-Darstellung gibt es ebensowenig wie ein Head-up-Display, zumindest das Letztere ist ein Fail in dieser Klasse.

Nicht gerne hören dürften speziell Langstreckenfahrer, dass der DS9 auf einen Diesel komplett verzichtet. Als Basismotorisierung gelangt ein 1,6-Liter-Vierzylinder-Benziner mit 165 kW/225 PS zum Einsatz, verbandelt ist er wie alle Antriebe mit einer 8-Gang-Automatik. Der frontgetriebene DS9 PureTech 225 bringt es auf 236 km/h Spitze und erledigt den 0-auf-100-Sprint in 8,8 Sekunden, eingepreist ist er ab 47.550 Euro.

Ersetzen sollen den Diesel insgesamt drei Plug-in-Hybride. Bereits zur Markteinführung steht der DS9 E-Tense 225 zur Verfügung, bei ihm beschränkt sich der erwähnte 1,6-l-Vierzylinder auf 133 kW/181 PS, weil ihm aber ein Elektromotor mit 81 kW/110 PS zur Seite steht, ergibt sich unterm Strich eine Systemleistung von ebenfalls 165 kW/225 PS. Ein 11,9-kWh-Lithium-Ionen-Akku verspricht eine elektrische Reichweite von 48 Kilometern, rekordverdächtig ist das nicht.

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Wechselstrom (AC) wird mithilfe eines 7,4-kW-Onboardchargers geladen, im optionalen Fall – dreiphasiges Laden an der 22-kW-Ladestation – ist der Akku binnen einer Stunde und 40 Minuten vollständig befüllt.

In der Preisliste steht der DS9 E-Tense 225 ab 52.810 Euro. Davon lässt sich der Umweltbonus in Höhe von 5625 Euro brutto abziehen, unterm Strich bleiben 48.185 Euro und somit 365 Euro weniger als beim reinen Benziner übrig. Ein weiteres Argument speziell für Dienstwagenfahrer ist der bekannte 0,5-Prozent-Steuervorteil.

360 PS und Allradantrieb

Zum Jahresende reicht DS den DS9 E-Tense 360 mit 264 kW/360 PS Systemleistung und Allradantrieb nach, kosten wird er ab 64.250 Euro. Und Anfang 2022 komplettiert der mithilfe einer größeren Batterie auf über 60 Kilometer elektrische Reichweite optimierte DS9 E-Tense 250 mit 184 kW/250 PS das Programm.

Wir cruisen mit dem DS9 E-Tense 225 durch den Rheingau; leise geht es voran, einerseits der Akustik-Verglasung wegen, vor allem aber, weil der Franzose so oft wie möglich den Elektromotor nutzt. Bis 135  km/h ist rein elektrisches Fahren möglich, darüber hinaus und beim Beschleunigen wird der Verbrenner aktiv, und natürlich auch dann, wenn der Ladestand den EV-Betrieb nicht mehr hergibt. Abwärts durch die Weinberge aktivieren wir den B-Modus und rekuperieren, das füllt die elektrischen Reserven überraschend effektiv und zumindest ansatzweise wieder auf.

Scannt die Fahrbahn

Besondere Kompetenz zeigt der DS9 in der Disziplin Fahrkomfort: "Active Scan Suspension" nennt sich ein System, das mithilfe einer Kamera die Straßenbeschaffenheit analysiert und die so ermittelten Daten in Echtzeit an einen Rechner übermittelt, der wiederum die Dämpfer entsprechend einstellt. Weitestgehend ergibt sich so ein sehr sanfter Umgang mit dem Asphalt, nur die eine oder andere Querfuge beziehungsweise vernarbte Stelle ist dem wachsamen Kameraauge dann doch entgangen.

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Anders als Seats neue Submarke Cupra, die – gegründet 2018 – einen sehr erfolgreichen Start hingelegt und im vergangenen Jahr deutschlandweit über 15.000 Modelle verkaufen hat, nehmen sich die DS-Verkaufszahlen eher bescheiden aus - gerade einmal 3000 Einheiten sind 2020 an die deutschen Kunden gegangen. Im Unterschied zu Cupra, wo man die Seat-Händler als Verkaufsplattform nutzt, setzt DS auf eine eigene Händlerschaft. Sie, sagt Marketingleiter Cristiano Colaiacomo, könne der Käuferklientel ein "Premium-Erlebnis" bieten, das sie beim Citroën-Händler nicht bekäme.

Gebaut in Shenzhen

Die Verkaufszahlen ankurbeln soll nun eine Ausweitung des Händlernetzes, daneben aber auch der kompakte Hoffnungsträger DS4 und natürlich der DS9. Strenggenommen stammt dessen französisches Flair übrigens gar nicht aus Paris, sondern aus Fernost: Gebaut wird das neue Flaggschiff im chinesischen Shenzhen.

Ulla Ellmer

DS9 im Überblick:

Wann er kommt: Verkaufsstart ist bereits erfolgt, Markteinführung im September

Wen er ins Visier nimmt: Audi A6, BMW 5er, Mercedes E-Klasse, Volvo S90

Was ihn antreibt: 1,6-l-Vierzylinder-Benziner mit 165 kW/225 PS (DS 9 PureTech 225), Plug-in-Hybridantrieb mit 165 kW/225 PS Systemleistung (DS9 E-Tense 225)

Was er kostet: Ab 47.550 Euro

Was noch kommt: Plug-in-Hybrid DS9 E-Tense 360 mit 264 kW/360 PS noch 2021, Plug-in-Hybrid DS9 E-Tense 250 mit 184 kW/250 PS und größerer Batterie Anfang 2022