Astrazeneca: Was bedeuten 70 Prozent Wirksamkeit?

Christina Merkel

Hochschule & Wissenschaft

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26.2.2021, 16:00 Uhr
Eine Erzieherin bekommt ihre Impfung mit dem Impfstoff von Astrazeneca.

© Hauke-Christian Dittrich, dpa Eine Erzieherin bekommt ihre Impfung mit dem Impfstoff von Astrazeneca.

Taylan G. hat sich in letzter Minute umentschieden. Anfang der Woche kommt der 26-jährige Krankenpfleger zum vereinbarten Termin ins Fürther Impfzentrum. Ein Mitarbeiter prüft seine Daten, befragt ihn zu seinem Gesundheitszustand und klärt ihn über das Vorgehen und die Risiken auf. "Als ich alle meine Angaben gemacht hatte, bot man mir nur den Impfstoff von Astrazeneca an", erzählt er. "Doch den habe ich verweigert."


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Taylan G. geht unverrichteter Dinge wieder. Sein vollständiger Name soll deshalb lieber nicht in der Zeitung stehen. "Ich betreue täglich stundenlang Corona-Patienten auf der Intensivstation", erzählt er. "Warum sollte ich nicht den höchstmöglichen Schutz bekommen?"

Der Impfstoff bleibt übrig

Bedenken dieser Art haben derzeit einige. Deshalb bleiben zahlreiche Dosen des britisch-schwedischen Herstellers ungenutzt liegen. Bundesweit sind bislang gerade einmal 15 Prozent der ausgelieferten Menge auch eingesetzt worden.

Einige Menschen schreckt ab, dass die angegebene Wirksamkeit des Astrazeneca-Präparats mit 60 bis 70 Prozent deutlich niedriger liegt als die der Impfstoffe von Biontech und Moderna mit 90 bis 95 Prozent.

Sie gehen davon aus, dass die übrigen 30 bis 40 Prozent der Geimpften folglich trotzdem erkranken würden. Doch das bedeuten die Zahlen nicht.

Stattdessen gibt der Wert eine sogenannte relative Risikoreduktion an. Sie zeigt, wie viele der Geimpften im Vergleich zu den Nicht-Geimpften anschließend Symptome zeigen.


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In der Zulassungsstudie von Astrazeneca erkrankten von 1000 nicht geimpften Erwachsenen 18 Personen an Covid-19. Von 1000 Geimpften erkrankten hingegen nur fünf Personen, also 13 weniger als in der Vergleichsgruppe – und damit 70 Prozent weniger. Schwere Krankheitsverläufe oder Sterbefälle gab es unter den Geimpften keine.


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Zum Vergleich: Die Wirksamkeit der üblichen Grippeschutzimpfung liegt bei etwa 50 Prozent. Das bedeutet nun nicht, dass nur 50 von 100 Geimpften vor einer Grippe geschützt sind. Sondern es heißt, dass von 100 nicht geimpften Personen anschließend zwei an Influenza erkrankt sind und von hundert geimpften nur eine – also die Hälfte weniger.

Nebenwirkungen nach der Impfung

Für Schlagzeilen sorgten neben der Wirksamkeit auch die Impfreaktionen nach der Spritze. Im Vergleich zu den mRNA-Impfstoffen von Biontech und Moderna traten sie beim Vektor-basierten Astrazeneca-Impfstoff jedoch sogar seltener auf.

Die häufigsten Reaktionen waren bei etwa jeder zweiten Person Schmerzen an der Einstichstelle, Müdigkeit, Kopfschmerzen sowie ein allgemeines Krankheitsgefühl. Von erhöhter Temperatur berichtete jeder Dritte der Geimpften, Fieber entwickelten knapp acht Prozent.


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Bei jüngeren Personen fallen die Reaktionen erwartungsgemäß stärker aus, weil ihr Immunsystem noch aktiver ist. Unter 65-Jährige werden bislang bevorzugt mit dem Impfstoff von Astrazeneca versorgt. Für Ältere liegen nach Ansicht der Ständigen Impfkommission bisher noch zu wenig Daten vor, um eine Empfehlung auszusprechen.

Taylan G. hat auch das Bayerische Gesundheitsministerium mit Sitz in Nürnberg per E-Mail gefragt, weshalb ihm als Krankenpfleger nicht der bestmögliche Schutz zustehe.

Die Mitarbeiter antworten: "Das Covid-19-Vaccine von Astrazeneca ist ein gut wirksamer Impfstoff, der hilft, schwere Krankheitsverläufe und Krankenhausaufenthalte zu vermeiden. Ein Schlechtreden dieses Impfstoffes ist nicht begründet." Das Präparat habe, wie auch die anderen Impfstoffe, ein reguläres Zulassungsverfahren durchlaufen.


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Außerdem weisen die Beamten darauf hin: "Ein Anspruch des Impflings auf einen bestimmten Impfstoff besteht ausdrücklich nicht." Grundsätzlich entscheidet der behandelnde Arzt bei der Impfung über die Auswahl des Präparats. Er richtet sich nach den aktuellen, rechtlichen Vorgaben zur Priorisierung.

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Der Virchowbund, der Verband der niedergelassenen Ärzte in Deutschland, gibt sogar zu bedenken, dass jeder unter 65-Jährige, der nicht mit Astrazeneca geimpft wird, derzeit einem über-80-Jährigen den für ihn zugelassenen Impfstoff von Biontech oder Moderna quasi wegnehme.

Auch der Landesvorsitzende des Bayerischen Hausärzteverbandes, Markus Beier sagt: "Impfstoffe von Astrazeneca, Biontech/Pfizer und Moderna sind sicher und wirksam." Er werbe daher nachdrücklich dafür, sich impfen zu lassen – unabhängig vom konkret verfügbaren Impfstoff.

Das Gesundheitsministerium schreibt abschließend an Taylan G.: "Wir möchten uns für Ihre Arbeit sowie für die Arbeit Ihrer Kolleginnen und Kollegen herzlich bedanken. Wir wissen zu schätzen, was Sie täglich leisten."

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