Corona: Nürnberger Kneipen wollen sich mit Crowdfunding retten

3.4.2020, 19:56 Uhr
Mit Crowdfunding-Kampagnen die eigene Kneipe retten. In Zeiten von Corona wenden sich Betreiber an ihr Publikum, um Phasen ohne Umsatz überbrücken zu können.

© pexels Mit Crowdfunding-Kampagnen die eigene Kneipe retten. In Zeiten von Corona wenden sich Betreiber an ihr Publikum, um Phasen ohne Umsatz überbrücken zu können.

Nein, so hatte Dominik Haas das nicht bestellt, als er sich im Januar einen langgehegten Traum erfüllte: Der langjährige Barmann der Mono- Bar in der Klaragasse machte sich im eigenen Laden selbstständig und übernahm die kleine Eckkneipe. "Die ersten Monate sind immer physisch wie finanziell ein Kraftakt", sagt Haas: Das Jahr sei mit der Zehnjahresfeier im Februar eigentlich grundsolide angelaufen. Doch die Corona- Pandemie, die seit März den Betrieb lahmlegt, hatte er ebenso wenig am Zettel wie viele seiner Kollegen. Der Fortbestand der kleinen Kneipe schien akut gefährdet.


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Deswegen schaltete Haas nun am 31. März eine Crowdfunding- Kampagne beim Anbieter Startnext. "Ich habe lange gezögert, mich so offen hilfesuchend an mein Publikum zu wenden" gibt Haas unumwunden zu: "Es war überhaupt nicht mein erster Impuls an die Öffentlichkeit zu gehen." Doch zumindest vorübergehend schienen aber die staatlich zugesicherten Maßnahmen ins Stocken zu geraten oder zumindest verzögert zu werden. "Da hieß es dann zum Beispiel, dass Umsatz- oder Gewinnverlust per se nicht unbedingt Grund für Ausgleichszahlungen seien und, dass zunächst Privatvermögen heranzuziehen sei", erinnert sich Hass – und begann zu rechnen.

Am Ende stand eine überschaubare Summe

Am Ende der Gleichung stand ein Crowdfunding in der relativ überschaubaren Höhe von 3500 Euro. "Damit kann ich Lohnkosten und die Nebenkosten in der Kneipe erstmal halbwegs decken, wenn man jeweils einen halben März und April-Umsatz mit reinrechnet", sagt Haas. Höher ansetzen wollte er nicht.

Den Service der Crowdfunding- Plattform lobt der Gastronom ausdrücklich: "Das ging im Rahmen der Corona-Hilfsaktion von Seiten von Startnext superschnell und ohne die üblichen Transaktions- und Bearbeitungsgebühren."

Seine Kampagne wollte Haas bewusst auch mit verschiedenen Angeboten und einmaligen
Schnäppchen aufpeppen: So kostet bei ihm etwa eine Runde aus vier Huppendorfer Bieren und
vier Schnäpsen als Angebotsgutschein 20 Euro. Oder der Unterstützer kann sich für eine Unterstützung von 50 Euro auf einer "Retterwand" verewigen lassen. Oder für 150 Euro gleich eine Party für "nach Corona buchen". Ebenfalls möglich und gerne genommen: Die sogenannte freie Unterstützung, in der Teilnehmer der Bar ganz ohne daran geknüpftes Angebot Bares spenden können.


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Das Angebot kommt an: "Das war der Wahnsinn, wir haben eine Laufzeit bis Ende April avisiert. Ich gehe am 31. schlafen, stehe am Tag drauf auf, und die 3500 Euro sind voll", sagt Haas mit Rührung in der Stimme. "Mich hat´s aus alle Socken gehauen." Stand Freitag Vormittag zeigte das Barometer auf Startnext schon über 4000 Euro an. Die Solidarität der Unterstützer, die den Aufruf vielfach auf den sozialen Netzwerken geteilt haben, machen den Barbetreiber stolz: "Das ist das Licht am
Horizont an dem man sich orientieren sollte, wenn man sich fragt.Wie geht es nach Corona weiter?"

Die Krise trifft alle gleich

Ein paar Meter weiter im Club Stereo von David Lodhi und Markus Kaiser blickt man ebenso gespannt auf die Ereignisse: "Wirmwaren nicht völlig ahnungslos, was da auf uns zurollt, weil wir durch den Konzertbetrieb, der nach und nach seitens der Agenturen eingestellt wurde, eine Vorahnung hatten", sagt David Lodhi. Am Freitag, den 13. März, habe es in der Bar Hinz und Kunz außerdem ein Treffen der meisten Nürnberger Szenegastronomen und Diskothekenbetreiber gegeben, die sich schnell darin einig waren zu handeln. "Wir sind dann auch an die Stadt herangetreten mit der Erklärung, ab Samstag den 14. März vorerst gemeinsam zu schließen" sagt Lodhi weiter.

Donnerstag und Freitag hatten im Stereo noch die letzten Konzerte stattgefunden von Bands, die dann jeweils nach der Show dort ihre Tournee unterbrechen mussten. "Und am Freitag war noch ein letztes Mal regulär auf, aber Du hast die Verunsicherung bei den Gästen schon gespürt", erinnert sich Lodhi. Die Solidarität der Gastronomen untereinander erlebt er als vorbildlich und sehr kollegial: "Auch wenn wir teilweise aus ganz unterschiedlichen Richtungen kommen, die Krise trifft uns alle gleich". Man helfe sich gegenseitig in Nürnberg was Antragstellungen oder Tipps mit Behördengängen anbelangt.

Der Musikbetrieb ist bis Juni ausgesetzt

Die Startnext-Kampagne im Stereo, die bereits seit dem 27. März läuft, erfolgte zunächst aus wirtschaftlichen Erwägungen wie in der Mono-Bar. "On topp kommt bei uns noch, dass wir im September 15-jähiges Bestehen feiern und pünktlich zum Start zur Krise jede Menge Merch bestellt haben", sagt Lodhi und lacht. Einige der Jubliäums-Goodies finden sich jetzt bereits als Angebot auf Startnext. Auch sieht Lodhi durch die Doppelstruktur des Clubs als Discothek als auch als nicht subventionierte Spielstätte von Bands die Zukunft realistisch: "Der Musikbetrieb mit Tourneen und so weiter ist bis Ende Juni in den allermeisten Fällen ausgesetzt, bis dahin musst Du auf jeden Fall irgendwie über die Runden kommen.


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Wir glauben leider eher nicht, dass die ganze Sache nach ein paar Wochen schon ausgestanden ist." Deswegen setzte sich der Club die Grenze zunächst bei 10.000 Euro. "Die Summe hatten wir bereits nach 5 Stunden erreicht, aktuell stehen wir bei über 20.000 Euro", sagt Lodhi noch ein wenig fassungslos. "Dieser Support hat uns unglaublich gerührt. Wir hatten damit überhaupt nicht gerechnet."

Der Erfolg und das Gefühl "zwar vielleicht pleite zu sein, aber immerhin eine geile Familie zu haben", prägt für Lodhi derzeit auch die Vorplanungen für das Festival Nürnberg Pop, das im Herbst 2020 zehn Jahre alt wird und stattfinden soll. "Wir haben intern intensiv diskutiert, ob wir die Planungen überhaupt noch anpacken oder uns gleich auf 2021 vertagen. Aber wir hoffen jetzt mal das Beste."

So wie die die beiden Betriebe in der Klaragasse versuchen derzeit zahlreiche Gastronomen in Nürnberg ihr Glück auf Startnext und benötigen noch die Unterstützung ihrer Gäste in dieser schweren Zeit. Eine vollständige Auflistung, die immer wieder aktualisiert wird, findet sich auf der Seite des Musikblogs "How deep is your love" von DJ und Stereo-Geschäftsführer Jens Riedel.

http://hdiyl.de/liebe-in-zeiten-der-corona/


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