Samstag, 26.09.2020

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Fränkische Altenpflegerin: Darum macht mein Beruf glücklich

Daniela Neumayer hat in der Pflege ihre Erfüllung gefunden. - 17.08.2020 09:30 Uhr

Mit einem Lächeln bei der Arbeit – Daniela Neumayer liebt ihren Beruf als Altenpflegerin.

© Foto: E. Kloss


In diesem Teil unserer Serie "Meine Berufung", in der wir Menschen vorstellen, die aus unterschiedlichsten Gründen interessante Berufe ergriffen haben, widmen wir uns Daniela Neumayer. Die Treuchtlingerin arbeitet im Seniorenheim an der Altmühltherme und erzählt, warum sie ihren Beruf als Altenpflegerin liebt.

Wie haben Sie zum Pflegeberuf gefunden?

Eigentlich war bei mir in der Schulzeit schon immer der Wunsch da, etwas mit Menschen zu machen. Nach der mittleren Reife hat mich mein Weg dann aber erst einmal in die Zahnmedizin geführt. Da habe ich eine Ausbildung zur Zahnarzthelferin gemacht, ich wollte aber nicht dortbleiben. Ich habe dann ein Freiwilliges Soziales Jahr gemacht in einem Altenheim – das hat mir unfassbar gut gefallen. Dann habe ich die Ausbildung zur Fachkraft in der Altenpflege begonnen. Das war 1998.

Was mögen Sie besonders an Ihrem Beruf?

Der Umgang mit den Menschen ist spannend. Jeder Tag ist anders, kein Dienst ist wie der andere. Du kommst auf Station und weißt nicht, was dich heute erwartet. In der Pflege ist alles drin: Im schlimmsten Fall ein Sekundentod oder ein Sturz, bei unseren dementen Bewohnern ist die Stimmungslage auch jeden Tag anders. Darauf muss man sich immer neu einstellen. Dasselbe gilt für das Team, wir haben ja oft wechselnde Hilfskräfte mit auf Station.


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Das klingt ziemlich herausfordernd.

Auf jeden Fall. Ich sage immer, alt werden ist nichts für Feiglinge. Die Pflege ist aber auch nichts für Feiglinge. Ja, pflegen ist eine Herausforderung, aber eben auch unglaublich schön.

Sie machen den Job jetzt schon gut 20 Jahre – an welche Erlebnisse denken Sie besonders gerne zurück?

Ganz prägend war für uns natürlich der Umzug vor anderthalb Jahren von einem abrissreifen Pflegeheim in einen Neubau. 50 Bewohner innerhalb eines Tages umzuziehen, zuvor wochenlang ihre Kisten zu packen, das war unheimlich bewegend und aufregend. Ich erinnere mich an einen schwer kranken, hochbetagten Mann. Er musste auch mit umziehen, ganz alleine, die Angehörigen wohnen weiter weg. Ich durfte mit ihm im Krankenwagen fahren, der ihn zum neuen Haus gebracht hat. Die aufgerissenen Augen, die Angst in seinem Gesicht – das hat mich lange begleitet. Meine größte Sorge war, dass er die erste Nacht vielleicht nicht schaffen könnte. Aber: Er hat gut geschlafen, saß am nächsten Tag im Rollstuhl, hat gestrahlt und mir zugewunken. Er hatte dann noch ein gutes Jahr im neuen Heim.

"Man geht zufrieden nach Hause"

Sicher erfährt man auch manches aus dem Leben der älteren Menschen?

Ja, die älteren Herrschaften sind wie Bücher. Wenn sie anfangen zu erzählen, dann ist das unheimlich interessant. Eine alte Dame zum Beispiel hat rund um die Uhr eine Babypuppe bei sich getragen. Sie hatte auf der Flucht damals ihr Baby zurücklassen müssen und es nie wieder gefunden. Solche Geschichten lassen einen nicht kalt. Ich erinnere mich auch an einen Mann, der immer in vier Schichten Kleidung im Bett lag, aber keinerlei Zudecke ertrug, er wurde da völlig panisch. Sein Sohn erklärte uns dann, dass sein Vater im Krieg längere Zeit verschüttet war und seitdem keine Enge und nicht einmal das Zudecken ertrug.

Erfahren Sie Dankbarkeit?

Ja, ganz arg. Das möchte ich auch betonen in der Öffentlichkeit. Da kommt viel zurück an Dankbarkeit und man geht mit großer Zufriedenheit nach Hause. Die Angehörigen vertrauen uns ihre Liebsten an. Das ist auch ein Vertrauensbeweis. So sehe ich das.

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Trotzdem sind die Arbeitsbedingungen in der Pflege oft schlecht – wie erklären Sie sich das?

Ich persönlich finde das Image der Pflege gar nicht so schlecht, vieles wird schlichtweg auch schlechtgeredet, nicht zuletzt auch durch die Medien. Das Schlechte bleibt eben oft eher haften in den Köpfen. Das Prinzip "höher, schneller, weiter" funktioniert in der Pflege nun mal nicht. Alter, Tod und Krankheit sind rückwärtsgerichtet. Die Leute müssen einfach verstehen, dass Pflege uns alle angeht. Aktuell ist der Personalmangel im ländlichen Raum noch nicht das größte Problem, wird sich aber auf jeden Fall in den nächsten Jahren verschärfen.

Vielerorts ist die Lage jetzt schon sehr angespannt . . .

Ja, ich habe eine Freundin, die ein Pflegeheim in München leitet. Was die so erzählt, das ist genau das, was man überall liest. In den Großstädten scheint die Situation schon prekärer zu sein. Da gibt es dann auch kaum jemanden, der noch Deutsch spricht in der Pflege.

 

Wie wichtig ist die Unterstützung der Familie in Ihrem Beruf?

Die braucht man unbedingt. Ich bekomme schon mit, dass die jungen Männer manchmal nicht so bereit dazu sind, auf die Kinder aufzupassen, wenn die Frau am Sonntag arbeiten muss. Pflege ist ein Beruf, der die ganze Familie betrifft. Auch meine Kinder müssen verstehen, dass ich manchmal auch sonntags früh aufstehen muss und in die Arbeit gehe.

Wie vereinbart man Schichtdienst und Familie?

Ich mache das mit einem unheimlich guten Arbeitgeber. Wir haben immer eine Lösung gefunden. Momentan arbeite ich in Teilzeit. Mein Mann und ich arbeiten teilweise in Gegenschicht. Er ist im Maschinenbau, geht wochentags oft in den Frühdienst und ich mache Spätdienst. Das ist gut so, denn meine Frühschicht beginnt um 6 Uhr. Schule oder Kita haben da nicht offen.

"Sterben ist meistens unheimlich friedlich"

Wie haben Sie die Corona-Krise in Ihrem Pflegeheim erlebt?

Das war wirklich sehr, sehr belastend. Sowohl für unsere Bewohner als auch für uns als Personal. Und im Grunde ist es ja auch noch nicht vorbei. Wir waren acht Wochen praktisch hermetisch abgeriegelt, sowas habe ich noch nie erlebt. Aber wir haben die Möglichkeit für die Bewohner geschaffen, über Skype Kontakt zu den Angehörigen zu halten. Es wurde viel telefoniert, wir sind auch stärker in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Kindergartenkinder haben für uns gebastelt, es gab Gottesdienste und Konzerte im Garten. Das war bewegend und hat den Zusammenhalt gestärkt.

Wie fühlt es sich für Sie an, wenn ein Mensch stirbt, den Sie längere Zeit gepflegt haben?

Wir arbeiten in Wohngruppen, da ist eh alles recht familiär. Manchmal kommt es auch vor, dass erst die Mutter bei uns ist, später dann auch die Tochter. Da kennt man Familien lange und gut, da muss man schon schauen, dass man sich gut distanzieren kann. Ich bin hier aufgewachsen, viele der älteren Leute kennen mich noch als Mädchen. Wenn ein Bewohner auf die letzte Reise geht, ist das immer emotional. Aber es ist auch schön, die Angehörigen und die Sterbenden dabei zu begleiten. Meistens ist das unheimlich friedlich und gar nicht so schlimm, wie man sich das immer vorstellt.

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Warum sollte ein junger Mensch einen Pflegeberuf erlernen?

Weil man Ende des Tages immer weiß, dass man was Sinnvolles getan hat. Weil man Aufstiegsmöglichkeiten und einen krisensicheren Job hat. Weil es ein Beruf ist, der zufrieden und dankbar macht.

Was tun Sie gegen Stress?

Durch meine Familie habe ich viel Ablenkung. Wenn ich zur Tür reinkomme, bin ich Mama – egal, wie der Dienst vorher war. Ansonsten schaue ich, dass ich viel walken gehe, viel rausgehe oder auch mal das Gespräch mit meinen Kollegen suche. Die kennen die Situationen natürlich gut und können besser nachvollziehen, warum etwas stressig war. Ein gutes Team ist ganz, ganz wichtig. Da bin ich froh, dass ich das in den letzten Jahren immer hatte. Ich finde für mich auch viel Kraft im Glauben.

Zur Person:  Daniela Neumayer, 41 Jahre, arbeitet als Altenpflegerin im Seniorenzentrum an der Altmühltherme des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK). Die gebürtige Weißenburgerin lebt mit ihrer Familie in Treuchtlingen. Sie hat zwei Söhne im Alter von sechs und 14 Jahren sowie eine zwölfjährige Tochter.

INTERVIEW: DOMINIK MAYER E-Mail

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