Oder doch eher lustfeindlich?

Zu viel Sex? Kino und Netflix-Serien im Blick

19.10.2021, 08:45 Uhr
Blockbuster mit viel nackter Haut: "50 Shades Of Gray" sorgte 2015 mit der Mischung aus (recht harmlosem) Sadomaso und einer verzwickten Liebesgeschichte für Aufregung.

© Universal Pictures Blockbuster mit viel nackter Haut: "50 Shades Of Gray" sorgte 2015 mit der Mischung aus (recht harmlosem) Sadomaso und einer verzwickten Liebesgeschichte für Aufregung.

Der derzeitige Höhepunkt an lustfeindlichen Szenen sei einem neuen Puritanismus geschuldet. So rief es die Filmkritikerin Catherine Shoard vor zwei Jahren im britischen Guardian aus. Falls Sie sich fragen, wer Puritaner sind: Denken Sie an das berühmte amerikanische Gemälde "American Gothic" mit dem Bauern samt Heugabel und seiner Frau, die den Betrachter frontal anschauen. Erotischer wird es da nicht.

Die Überschrift zu Shoards Artikel: "Ist dies der Tod des Sex im Kino?" Berechtigte Gründe für diese Angst fand sie genug. Da wäre etwa die dauerhafte Verfügbarkeit von Pornographie im Netz. Jede vierte Suchanfrage aus Deutschland im Internet hängt mit Pornographie zusammen. Und wer da beient ist, braucht keine Erotik mehr in seinem alltäglichen Serienkonsum. So die These.

Keine Gefühle verletzen

Zudem wollen Produktionsfirmen und Studios ein breites Publikum ansprechen. Somit dürften Filme und Serien möglichst wenig Gefühle und Befindlichkeiten verletzen. Wie lässt sich das machen? Am besten ohne die Darstellungen von Sex und Gewalt. "Wir leben in einem Zeitalter der filmischen Abstinenz, einer sterilen Echokammer", schrieb Shoard.

Die Unlust an der Sex-Szene sei ein Phänomen Europas und des anglo-amerikanischen Raums, nur einige französische Regisseure würden dagegen ankämpfen. Aber sind die Streaming-Dienste nicht aktuell voll mit Serien und Filmen aus den USA über Sex?

Der US-Streaming-Anbieter Netflix listet bei der Suche nach dem Schlagwort Sex mehrere Werke auf. Serien wie "Sex Education" oder "Big Mouth" setzen sich mit dem Thema per Ironie und Liebenswürdigkeit auseinander. Und bringen immerhin auch mal queere Themen in diesem Kontext ein (queere erotische Szenen in Serien und Filmen für ein großes Publikum sind weiterhin eher selten.) Die spanische Serie "Valeria" hingegen ist wie "Sex and the City" – nur in lustig und unterhaltsam. Hier ist Sex eben einfach Alltag.

Die Suche nach dem Schlagwort Erotik bringt neben größeren Produktionen wie "Fifty Shades Of Grey" und "Nymphomaniac" auf Netflix auch den Film "365 Days" ans Licht – einen der meistgesehenen Filme des letzten Jahres nach eigener Aussage beim Streamingdienst. Allerdings begleiteten das Erscheinen des Films mehrere Online-Petitionen und diverse Kritiken, die sich an dem "Mommy-Porn" abarbeiteten und die verharmlosenden Darstellungen von Vergewaltigung verurteilten.

Insgesamt fällt die Auswahl an Filmen und Serien mit Sex als großem Thema bei Netflix überschaubar aus. Wer sich damit nicht zufriedengibt, findet genug Artikel im Netz, die weiterhelfen wollen: "Gibt es auf Netflix Pornos?" (Nein.) "Hat Netflix einen versteckten Porno-Bereich?" (Nein.) "26 geile Netflix-Sexszenen, die viel besser sind als Pornos." (Auf dieser Liste: "The Vampire Diaries" – also nein.)

Doch abseits klassischer Genres der Zärtlichkeit und Intimität: Tauchen Sex-Szenen noch in Serien und Filmen für ein breites Publikum auf? Zumindest diverse bekannte US-Serien wie "Game Of Thrones" oder "Boardwalk Empire" zeigten explizite Szenen. Was oft zu Diskussionen auf Twitter und anderen sozialen Netzwerken führte, ob die Darstellungen von Sex überhaupt etwas zum Plot beitragen. Darin drückt sich die Sehnsucht nach einem ökonomischen Erzählen aus, das sich an vielen Stellen der Gegenwartskultur findet. Alles muss seinen Platz, seinen Nutzen haben.

Eine allumfassende große Untersuchung zum Thema Sex in Serien und Filmen gibt es nicht. Doch es gibt Menschen, die sich in ihrer täglichen Arbeit oft damit befassen. Wie Sabine Seifert. Sie ist ständige Vertreterin der Obersten Landesjugendbehörden bei der Freiwilligen Selbstkontrolle in Wiesbaden.

Diese Organisation kategorisiert Filme und Serien nach Altersstufen – Empfehlungen für Eltern, welche Produktion sie ihren Kindern zumuten können oder wollen. "Wir sind aber weg von einer Bewahrungspädagogik", sagt die 60- Jährige. "Unser Ziel ist die eigenverantwortliche Entwicklung."

Seifert sieht keine aktuelle Zunahme oder Abnahme von Sex-Szenen in Produktionen für ein breites Publikum. Dass die Darstellungen heute einfach anders als in den 1960er Jahren aussehen, liege auch daran, dass sich die Gesellschaft verändert habe. Nicht nur im Umgang mit Sexualität, sondern im Umgang mit Medien.

Der Konsum von Filmen und Serien war damals die Ausnahme. Heute sind sie allgegenwärtig. Kinder und Jugendliche haben zudem die Kompetenz, zwischen Realität und Film gut zu unterscheiden.

Ob es nun mehr Sex in Serien und Filmen zu sehen gibt? Das mag jeder für sich recherchieren. Als vor einiger Zeit die dritte Staffel der britischen Serie "Sex Education" auf Netflix anlief, sorgte immerhin mal wieder eine Sex-Szene für Aufregung: Während es in einem Wohnwagen zur Sache geht, erschlägt eine herunterfallende Mikrowelle eine Katze. Ein Höhepunkt? Wie so oft beim Sex: einfach nur ein Witz.

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