Kolumne

Fußball-Irrsinn: Dieser Scheich muss in die zweite Liga

Kurt Heidingsfelder

Leben

E-Mail zur Autorenseite

22.10.2021, 11:15 Uhr
Mohammed bin Salman, Kronprinz, von Saudi-Arabien.

Mohammed bin Salman, Kronprinz, von Saudi-Arabien. © Saudi Press Agency/dpa; Grafik: Ralph Meidl; Montage: Sabine Schmid

Lieber Mohammed bin Salman,

immer wieder mal fragt mich mein jüngerer Sohn, was ich mir kaufen würde, wenn ich "voll krass viel Geld” besäße. Also so viel wie Sie, wie der Spross einer autokratischen Ölquellenausbeuter-Dynastie.
Pädagogisch wahnsinnig wertvoll antworte ich dann, dass ich mir gerne Zeit kaufen würde. Freizeit, Reisezeit, überhaupt: Lebenszeit. Das findet mein Sohn zu Recht langweilig. Er hat ja Zeit ohne Ende. Na gut, sage ich, wenn’s denn unbedingt sein müsste, dürfte schon ein neues Fahrrad her (Gähn!). Auch gegen eine Altbauwohnung in Fürth hätte ich wenig einzuwenden. Aber sonst?

Ein schillernderes Verlangen nach Luxus kann ich meinem Angestellten-Hirn nicht abtrotzen. Da wären Sie, Herr Bin Salman, sicher der ergiebigere Ansprechpartner für einen Zwölfjährigen, dessen erste Anschaffung als Mega-Krösus wohl ein Lamborghini Aventador wäre. Ich gehe mal davon aus, dass Sie so was im Dutzend in der Garage stehen haben.

Sie sind beim Shoppen ja längst in einer anderen Liga unterwegs. Der Despot von Welt muss heute einen Fußballklub besitzen, mindestens einen. Dabei scheint es völlig egal zu sein, ob das Geld aus Ihrem privaten Dukatenspeicher stammt oder aus dem saudi-arabischen Staatsfonds. Alles Familie! Was heißt Mafia eigentlich auf arabisch?

Newcastle United also. Für 350 Millionen Euro. Die englischen Top-Klubs hatten sich schon andere Scheichs, Oligarchen oder Magnaten unter den Nagel gerissen. Da mussten Sie unten ins Regal greifen. Aktuell Platz 19 der Premier League. Wären da nicht auch ein paar Milliönchen fürs Kleeblatt drin gewesen? Aus Mitleid. Stattdessen sollen Sie sich jetzt noch für Inter Mailand interessieren. Das verstehe, wer will.

Im Ernst: Ich glaube, ich erahne Ihr Problem: Was soll man noch haben wollen, wenn im Hafen die Drittyacht vor Anker liegt und der palasteigene Innenarchitekt vorschlägt, die Klobrillen auch noch von unten mit Blutdiamanten zu belegen. Irgendwo muss das Zeug ja hin.

Doch was kommt danach? Was machen Sie mit Ihrem Zaster, wenn es nichts mehr zu raffen gibt, das genug strahlt, um davon abzulenken, dass Sie eine steinreiche Steinzeitgesellschaft repräsentieren, als deren "Horror-Prinz" (BILD) Sie offenbar Regime-Kritiker umbringen lassen?

Muss ich bald die Schlagzeile "Scheich kauft Franken" lesen? Oder: "Atemluft jetzt arabisch". Nun, zunächst braucht Newcastle einen neuen Trainer. Ich bin gespannt, welcher Fußballlehrer skrupellos genug für den Job ist. Er könnte sich freilich nicht nur auf diverse Kollegen mit ähnlich anrüchigen Arbeitgebern berufen, sondern auch auf viele Staaten, die mit Ihnen Geschäfte machen. Fußball ist da nur die scheinheiligste Nebensache der Welt. Trotzdem, Herr Bin Salman, hoffe ich ab sofort, dass ihr Spielzeug absteigt. Für immer.

1 Kommentar