Dienstag, 26.01.2021

|

zum Thema

"Covidiot" und "Lockdownspeck": Corona infiziert unsere Sprache

Pandemie hat weit über 1000 neue Begriffe oder Bedeutungen geprägt - 21.12.2020 09:12 Uhr

Eine "Mobile Impfstation" auf dem Nürnberger Messegelände. Nicht nur ein ungewöhnliches Gefährt, auch die Bezeichnung zählt zu jenen plötzlich jedem geläufigen Formulierungen, die sich seit Corona wie selbstverständlich in unserer Sprache ausbreiten. 

20.12.2020 © Daniel Karmann


Weil Corona ein Phänomen ist, das wie kein anderes in den letzten Jahrzehnten unser Leben und unsere Welt umgekrempelt hat – viele Vergleiche sprechen vom folgenreichsten Ereignis seit dem Zweiten Weltkrieg –, hinterlässt es nicht nur Spuren in unserer Lebensführung und unserem Sozialverhalten, sondern auch explizit in unserer Sprache.

Schon die Begriffe, die diese Veränderungen beschreiben, sind größtenteils Neologismen, also Wortneuschöpfungen oder Fachbegriffe, die durch Corona in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen sind: Social Distancing zum Beispiel, definiert als "bewusst herbeigeführtes räumliches bzw. physisches Abstandhalten der Menschen voneinander zur Prävention der Ausbreitung von Infektionskrankheiten".


Soziologinnen erklären: Warum Menschen Rituale brauchen


Oder die allseits bekannte, jedoch nicht immer befolgte AHA-Regel, eine Abkürzung für "Abstand, Hygiene, Atemmaske".

Bilderstrecke zum Thema

Von "After-Corona-Body" bis "Zweites Ischgl" - wie das Corona-Virus unsere Sprache verändert

Nichts hat unser Leben in letzter Zeit so umgekrempelt, wie das Coronavirus und die Schutzmaßnahmen, die die Pandemie eindämmen sollen. Dieses einschneidende Ereignis verändert auch laufend unsere Alltagssprache, viele neue Begriffe sind aufgetaucht, andere haben ihre Bedeutung verändert. Viele dieser Begriffe geben eine Ahnung davon, wie kompliziert unser Leben zum Teil geworden ist, andere sind bürokratische Monstren, wieder andere einfach nur kurios oder komisch. Hier eine kleine Auswahl.


Gesammelt werden all die neuen Begriffe rund um die Corona-Pandemie vom Leibniz-Institut für Deutsche Sprache (IDS). Das hat seinen Sitz in Mannheim und war damit mal ganz nah dran an den Sprachwächtern vom Dudenverlag, bevor dieser im Jahr 2013 in die Deutsche Hauptstadt umzog.


Neue Corona-Spezialeinheit unterstützt Bayerns Alten- und Pflegeheime


Die Liste der Corona-Neologismen versammelt beim IDS inzwischen über 1000 Einträge. Viele davon sind Anglizismen, kommen also aus dem angloamerikanischen Sprachraum – wie "Superspreader" oder "Lockdown light". Manche der Begriffe gibt es auch schon deutlich länger und sie haben andere Bedeutungen.

Der neue "Hotspot"

Jedoch dominiert Corona diese inzwischen so sehr, dass der ursprüngliche Gebrauch in den Schatten tritt – zum Beispiel beim "Hotspot": Eigentlich ist das in der Biologie die Stelle eines Gens, an der besonders häufig Mutationen auftreten, oder in der Geologie jene Zone des Erdmantels, unterhalb der das Gestein schmilzt.

Bilderstrecke zum Thema

Zehn Gründe, warum das Jahr 2020 trotz Corona ganz okay war

Viele Menschen blicken mit Frust und Sorge auf das, was in den letzten Monaten in der Welt und in Deutschland passiert ist. Aber es gibt auch positive Aspekte der Corona-Krise. Wir haben zehn davon gesammelt, die Hoffnung machen.


Natürlich kennt man auch den Wlan-Hotspot oder die von der Werbung bis zum Abwinken ausgeleierte Bedeutung für vermeintlich interessante Konsumorte oder Verkaufsstellen – Stichwort: "Bratwurst-Hotspot". Doch seit Corona verbindet man mit diesem Begriff einen Ort, an dem die – Achtung, Neologismus! – Inzidenzrate besonders hoch ist und es viele Ansteckungen gibt.


Einsame Weihnacht: Nicht überall herrscht Idylle


Zu den Wortneuschöpfungen gesellt sich eine ebenfalls große Gruppe von zusammengesetzten Begriffen, vor allem rund um Covid-19 (z. B. der Covid-19-Leugner) und natürlich Corona.
Wobei es da längst nicht immer eindeutig zu geht.

Die dreifache Bedeutung von "Sex"

So kann Corona-Sex zum einen "Sex mit Schutzkleidung" bedeuten, aber auch "Sex, für den man während der Pandemie mehr Zeit hatte". Sogar eine dritte Bedeutung gibt es hier noch, nämlich "Sex, bei dem man sich mit Corona infiziert".


Bevorstehende Impfungen gegen Corona: Das müssen Sie nun wissen


Beschäftigt man sich näher mit den Neologismen, kann man aus ihnen Rückschlüsse ziehen, wie Corona die Menschen und die Gesellschaft beeinflusst. So wird deutlich, wie sehr die Pandemie eine Herausforderung für die Gesundheitsbehörden ist und dabei bürokratische Auswüchse gebiert.

Bilderstrecke zum Thema

Komplett-Lockdown? Welche Geschäfte geöffnet haben - und welche nicht

Bund und Länder haben am Sonntag angesichts der steigenden Infektionszahlen beschlossen, drastischere Maßnahmen ergreifen. Der Einzelhandel soll vom 16. Dezember bis zum 10. Januar schließen. Wird es ein kompletter Lockdown? Fast, ist doch in der Beschlussvorlage die ein oder andere Ausnahme vermerkt. Wir listen auf, welche Geschäfte geöffnet haben und welche schließen müssen.


Begriffe wie "angepasster Schulbetrieb", "Begegnungsfläche", "Beschränkungskonzept", "Coronahygienepauschale", "Kontakttagebuch", "Coronawarnplattform", "eingeschränkter Regelbetrieb", "Mindestabstandsregelung", "Abstrichkabine" oder "Teilausgangssperre" lassen ahnen, mit welch einem Regelwust Bürger und Institutionen seit Monaten konfrontiert sind – und ein Ende ist im Moment leider immer noch nicht abzusehen.


Festung gegen Corona: EU schottet sich gegen Virus-Variante ab


Eine andere wichtige Funktion von (Alltags-)Sprache ist, neue Phänomene prägnant, überspitzt oder ironisch formuliert auf den Punkt zu bringen und damit gerade auch den offiziellen Begrifflichkeiten etwas entgegenzusetzen – oder sie sogar zu unterlaufen.

Wir "Zellstoffhamster"

Unter Begriffen wie Zellstoffhamster (Menschen, die Klopapier horten), Balkonklatscher, Coronablockwart, -detektiv oder -kater, Covidiot, Einkaufsheld, Gesichtskondom, Hamsteritis, Homeclubbing, Kneipenbox, Knuffelkontakt, Schniefscham oder Rudelgucken kann sich inzwischen fast jeder etwas vorstellen.

Leben mit "Spuckschutztrennscheiben"

Andere Worte lassen erahnen, wie schwierig das Leben und der Alltag in vielen Situationen geworden sind. Wer möchte sich sonst schon freiwillig mit einer "Ein-Freund-Regel", einem "Wohnzimmer-Workout", und einer "Abstandslinie" beschäftigen. Oder sich mit "digitaler Besucherlenkung", "Einkaufswagenpflicht", "Hust- und Niesetikette", "Selbstisolation", "Strandampeln", "Spuckschutztrennscheiben", "Unterwegsreinigern" oder einem "virtuellen Restaurant" herumschlagen?


In diesem Nürnberger Club kann man sich auf Corona testen


Und ist die Pandemie auch noch so ernst: Wer einen Sinn für Sprachkomik hat, kommt bei einigen der neuen Corona-Begrifflichkeiten auch auf seine Kosten. So sorgt die "Abstandsnudel" für die nötigen 1,5 Meter Distanz im Schwimmbad und ist ein wichtiges Accessoire der "Anderthalbmetergesellschaft".

Bilderstrecke zum Thema

Gsichtsbämbers oder Söderlabbn: das sind die fränkischen Namen für Mundschutz

Snutenpulli auf Norddeutsch, Schnüssjardinche auf Kölsch oder Babbellappe auf Hessisch - auf jedem Dialekt hat der Mundschutz einen anderen Namen. Wir haben unsere Userinnen und Usern gefragt, welchen fränkischen Namen sie für ihre Maske haben. Hier kommen die besten Vorschläge:


Dem "After-Corona-Body" gehen Bewegung und der Besuch im Fitnessstudio ab, deshalb hat er so viel "Lockdownspeck" angesammelt. "Dorfscharf" geht es nicht auf einer außer Kontrolle geratenen Coronaparty ab, sondern das meint die Feinjustierung einer Pandemiemaßnahme für eine einzelne Kommune.

Warnung vor Glühweinständen

Und die "Klopapierhysterie" klingt genauso schräg wie manche seltsame journalistische Formulierungen, die vor Corona mit Sicherheit kein Mensch verstanden hätte. "Karl Lauterbach warnt vor Glühweinständen" (Spiegel) paart sich da mit der besorgten Frage: "Kann ich am Montag noch Weihnachtsgeschenke kaufen?" (Bild).

Gefahr auf Friedhöfen

Markus Söder liefert allen, die mit ihrer Familie im Clinch liegen, eine Steilvorlage: "Für ein schönes Weihnachten müssen wir den Lockdown verlängern" (Bild). Der Spiegel raunt "Österreichs Kanzler rät von Friedhofsbesuch ab" und Bild gibt den ultimativen Lockdown-Tipp "Fünf Gründe, JETZT zu masturbieren".


Sie wollen Ihre Meinung zur Corona-Krise kundtun oder sich mit anderen Usern zum Thema austauschen?

Hier haben Sie die Möglichkeit dazu.

Sie möchten über die Corona-Impfung diskutieren?

Dann ist hier der richtige Ort dafür.

Oder soll es um die Maskenpflicht gehen?

Dann sind Sie hier gut aufgehoben.

Seite drucken

Seite versenden


weitere Meldungen aus dem Ressort: Kultur