Rituale stehen in Frage

Die Zeit nach Corona: Alle Menschen werden netter - vielleicht?

Hans Böller
Hans Böller

Redakteur der Nürnberger Nachrichten

E-Mail zur Autorenseite

6.8.2021, 15:49 Uhr
Eine Sehnsucht, die aber nicht alle Menschen teilen. Wie schön etwas mehr Distanz sein kann, war eine in der Pandemie gemachte Erfahrung.

Eine Sehnsucht, die aber nicht alle Menschen teilen. Wie schön etwas mehr Distanz sein kann, war eine in der Pandemie gemachte Erfahrung. © bildgehege via www.imago-images.de, NN

Ins Lexikon hat es das Wort noch nicht geschafft. Wer aber "Corona-Knigge" in eine Internet-Suchmaschine eingibt, stößt auf mehr als eine halbe Million Einträge. Jeder hat seinen Corona-Knigge, Krankenhäuser, Bauernverbände, Schützenvereine, Banken, Kaufhäuser. Man hat sowieso den Eindruck: So viele Regeln und Vorschriften wie in den vergangenen Monaten gab es noch nie – und vielleicht noch nie haben sich so viele Menschen danach gesehnt. Verbote? Nur immer her damit. Freiheit kann ja anstrengend sein – und Bevormundung willkommen?

Was bleiben könnte von diesem Untertanengeist, lässt sich nicht abschätzen, diese Frage würde jetzt viel zu weit führen. Und auf der anderen Seite steht ja diese Erkenntnis: Vielleicht auch noch nie haben sich so viele Menschen Gedanken darüber gemacht, wie sie, bei all den Regeln und Verboten, miteinander umgehen.

Was Knigge sagte

Empfehlungen dazu gab vor weit über 200 Jahren der Freiherr Adolph Knigge. "Über den Umgang mit Menschen" heißt sein Standardwerk von 1788, und auch wenn es die wenigsten Menschen je gelesen haben, ist es den meisten ein Begriff – als vermeintlicher Benimmratgeber, der das aber gar nicht ist. Es geht nicht um Regeln und Vorschriften, nicht um Fischbesteck, dem den Idealen der Aufklärung verpflichteten Freiherrn lag das gesellschaftliche Miteinander am Herzen, das er als einen Balanceakt zwischen Selbstbestimmung und Gemeinschaftsfähigkeit beschreibt – in den Corona-Jahren klingt das aktueller denn je.

Ob es ein größeres Interesse daran gegeben hat? "Es waren nur etwas mehr Anfragen, die uns erreicht haben, vielleicht 20 Prozent mehr", sagt Clemens Graf von Hoyos, verändert habe sich aber deren Richtung, es gehe jetzt weniger um Etikette denn um politisch-gesellschaftliche Aspekte.

Zurück ins alte Normal?

Der 32 Jahre alte Unternehmer aus Ottobrunn bei München, Braumeister mit Hochschul-Diplom, ist der Vorstandsvorsitzende der in Essen ansässigen Deutschen Knigge-Gesellschaft und hat "die Menschen in der Pandemie füreinander sensibilisiert" erlebt, wie er sagt, allerdings, das ist seine Vermutung, werde "alles bald ins alte Normal zurückfallen".

Eher "ein Wunsch" sei die Vorstellung, die Pandemie könne für den Umgang miteinander sensibilisiert und damit segensreiche Folgen haben, und, daran erinnert von Hoyos, "wir haben ja beides erlebt, Rücksichtnahme, Solidarität – und relativ schnell dünnhäutig werdende Menschen, die sich im Supermarkt ums Klopapier kloppen". Dem Freiherrn von Knigge, das darf man vermuten, hätte es nicht gefallen.

Was wird bleiben, wenn die Pandemie einmal ganz vorüber ist? Abstand zu halten hatte der Humanist Knigge schon 1788 empfohlen, wenn auch nicht eineinhalb Meter. "Aber im Fettnapf sitzt schnell der, der den Abstand zu ihm unbekannten Menschen unangemessen verringert", schrieb des Freiherrn Nachfahre Moritz Knigge, der das Familienerbe bis zu seinem Tod im März 2021 pflegte – es ging nicht um Corona-Regeln. Aber die hätten, meinte Moritz Knigge, ein paar interessante Gedanken angestoßen – in einer Gesellschaft, in der eine wachsende Distanzlosigkeit zu kleinen Verwahrlosungen führt: zu formlosen Mails, zu einem schnellen, lieblos-unpersönlichen Duzen.

Die Stachelschweine

Nähe und Distanz, darüber hat sich Arthur Schopenhauer schon 1851 Gedanken gemacht, in seiner Parabel "Die Stachelschweine" sucht eine Horde der gleichnamigen Tiere die richtige Balance zueinander – um sich aneinander wärmen zu können, ohne sich zu stechen; eine Übung, wie sie die Politik jetzt monatelang den Menschen abverlangt hat.

Nähe muss man ja nicht als angenehm empfinden, damit befasst sich sogar eine Wissenschaft. Die Proxemik, zu Hause unter dem Dach der Psychologie, erforscht, was Nähe und Distanz auslösen, in Europa gibt es dabei ein Nord-Süd-Gefälle, etwa so: Der Skandinavier hält mehr Abstand als der Italiener, und es gibt viele Forscher, die behaupten, Mitteleuropa habe sich dem Süden angenähert – weil Umarmungen Lockerheit und Lebenslust ausdrücken sollen. Wer das als aufdringlich wahrnimmt, gilt schnell als verkrampft.

Tatsächlich ist die sogenannte Bussi-Bussi-Gesellschaft als szenetypisches Party-Phänomen noch vergleichsweise jung, es ist noch keine 50 Jahre her, dass enger Körperkontakt außerhalb des Sportbetriebs und des Geschlechtsverkehrs primär auf Mütter und Kinder (noch nicht einmal Väter und Kinder) beschränkt blieb – und laut aktuellen, nicht repräsentativen Umfragen im Bekanntenkreis könnte ein Schritt zurück durchaus willkommen sein.

Distanz ist oft angenehm

Schätzt die Distanz: Ferdinand von Schirach.

Schätzt die Distanz: Ferdinand von Schirach. © imago images/Tinkeres

Darüber hat auch der populäre Schriftsteller Ferdinand von Schirach, ein stiller, auf angenehme Weise distinguierter Mann, schon vor der Pandemie nachgedacht – und sein Befremden über Männer geäußert, die sich zur Begrüßung umarmen und dabei gegenseitig auf den Rücken schlagen. "Die räumliche Distanz finde ich sehr angenehm", äußerte von Schirach, als die Pandemie begonnen hatte, bei einer Lesung für den Fernsehsender "ntv", und: "Es ist vielleicht eines der positiven Dinge nach dieser Krise, dass dieses Händeschütteln auch einmal aufhört."

Das ist eine der am häufigsten abgehandelten Fragen, und dazu gibt es sogar repräsentative Umfragen. Die meisten Deutschen, nämlich 62 Prozent, würden auch in Zukunft gerne darauf verzichten, bei den Frauen sind es nach einer Erhebung des Emnid-Instituts sogar 70 Prozent – dabei geht es zwar auch, aber nicht nur um hygienische Bedenken, auf die unerwünschte Nähe könnten offenbar viele Menschen verzichten.

Schluss mit Händeschütteln?

Das Händeschütteln, das 2017 vom damaligen Innenminister Thomas de Maizière sogar in den umstrittenen Katalog der deutschen Leitkultur aufgenommen wurde, ist in den meisten westlichen Ländern ein gängiges Begrüßungsritual. In anderen Kulturen ist es verpönt, in Deutschland hat es eine besondere Geschichte – weil es 1933 ersetzt wurde durch die erhobene Rechte für den Anstreicher aus Braunau, dann in der DDR verewigt im Logo der Sozialistischen Einheitspartei. Händedruck und Bruderkuss, Honecker und Breschnew, geklaut aus der Arbeiterbewegung, zu der es Verbundenheit ausdrücken sollte, mithin: Es war, in diesem Fall, ein Betrug. Vorgetäuschte Nähe.


Fränkischer Experte: Jeder kann zum Corona-Leugner werden


Weg damit? Die deutsche Knigge-Gesellschaft hofft das nicht, "grauenhaft", findet Linda Kaiser, von Hoyos’ Stellvertreterin im Vorstand, den Gruß per ausgestrecktem Ellenbogen; Graf von Hoyos kann zwar mit der Geste der Hand auf dem Herzen gut leben, glaubt indes, dass ein dezenter Händedruck als Zeichen der Wertschätzung zurückkommt.

"Wir sind nicht Burka"

Aber in Frage steht ja alles. "Gesicht zeigen – das ist Ausdruck unseres demokratischen Miteinanders", hieß es in de Maizières Kulturkatalog zum Beispiel auch, denn: "Wir sind eine offene Gesellschaft. Wir sind nicht Burka." Jetzt sind wir: Maske, immer noch, aus dem Vermummungsverbot, auf das de Maizière anspielte, wurde ein Vermummungsgebot – was aber den angenehmen Nebeneffekt hatte, dass die Menschen versuchten, ein hinter dem Mund-Nasenschutz unsichtbares Lächeln gestisch und mimisch mitzuteilen, über einen Augenaufschlag, ein Winken.

Die allermeisten Menschen werden die Masken freudig ablegen, aber Clemens von Hoyos hofft durchaus, dass ein paar wiederentdeckte Verhaltensweisen die Pandemie überdauern. "Ein Danke, ein Bitte, ein freundliches Grüßen", sagt er, vielleicht sogar ein zugewandtes Siezen: ein Gespür dafür, welchen Gewinn Aufmerksamkeit für Spender und Empfänger bedeutet, könnte für den vielzitierten Alltag erhalten bleiben.

"Ein paar Regulative"

Bei Videokonferenzen konnte man lernen, andere ausreden zu lassen, gut zuzuhören, sich auch einmal zurückzuhalten, auf Posen zu verzichten – "ein paar Regulative", wie von Hoyos sagt, könnten "die Lust auf die Rückkehr zur Nähe" begleiten, das, "was im weiteren Sinne immer zu einem zivilisierten Verhalten gehören sollte".
Geht es nach dem alten Freiherrn, besteht Grund zum Optimismus. Alles wird gut: Das ist keine Floskel von gut gelaunten Nachrichtensprechern. Mit diesen Worten beendete Adolph Knigge alle seine Briefe.