Gute Unterhaltung: Das Musical "Swing Street" im Stadttheater Fürth

18.10.2020, 19:39 Uhr
In New York, natürlich, spielt das von Regisseur Gaines Hall inszenierte Musical „Swing Street“.

In New York, natürlich, spielt das von Regisseur Gaines Hall inszenierte Musical „Swing Street“. © Foto: Hans-Joachim Winckler

Dann steckte er die Zigaretten ein und ging wie selbstverständlich heim. Durchs Treppenhaus mit Bohnerwachs und Spießigkeit. Tja. Der Aufbruch in die Stadt, in der er noch niemals war, blieb für den Mann im Udo-Jürgens-Hit ein schöner Traum, mehr nicht.

Anna und Mike sind da aus anderem Holz geschnitzt. New York ist nicht nur Reise-, sondern Lebensziel in der noch etwas dünnen Biografie des jungen Paares, deren wichtigstes Kapitel er und sie nun schreiben wollen. "Alles auf Null, ein Neubeginn": Die nehmen alles mit nach Manhattan, diese beiden – auch ihre Probleme. Große Probleme.

Tauglicher Impfstoff

Doch keine Sorge, "Swing Street" ist nichts für Freunde düster klagender Cello-Soli. Hey, das ist Musical hier, erstens. Zweitens haben Thilo Wolf und Ewald Arenz, natürlich nichts ahnend, als sie erste Ideen für dieses Projekt wälzten, im Herbst 2020 einen ziemlich tauglichen Impfstoff gegen das C-Wort an den Start gebracht: zwei Stunden hoch dosierter Eskapismus, mit Restspuren von Ohrwürmern und einer verschmerzbaren Nebenwirkung namens Fußwippen.


"Swing Street": Fürth im Musical-Fieber


Rund 30 Mitwirkende machen nichts falsch. 200 Patienten im Stadttheater Fürth am Uraufführungsabend: dankbar bis glücklich. Man ist erstaunlich schnell willens, glücklich zu sein in diesen Tagen. Endlich, so verrieten die beiden Fürther Kulturpreisträger im Vorfeld, können sie nach drei mehr oder weniger geglückten Produktionen ein Musical frei von Fremdgesteuertsein auf die Bühne ihrer Heimatstadt wuppen.

Dass mit "Swing Street" eine neue Magnum-Kreativpulle aufploppt, ist spürbar – vom (übrigens überraschend Udo-Jürgens-mäßig klingenden) Opener-Tableau bis zum wilden Finale, in der Rock und Rap und Swing eine kuriose Liaison eingehen.

Wolf lebt seine Leidenschaft für den Bigband-Powersound vergangener Dekaden aus, aber auch für stille, fein ausgearbeitete romantische Songs – "Die neue Frau" etwa hat eine betörende Klavier-Klarinetten-Figur – und wird von keinem Mitglied seiner routiniert im Bühnenhintergrund agierenden Truppe enttäuscht; Arenz kann zeigen, dass er mit wenigen Charakterstrichen und allzu leisem sarkastischen Unterton ein Paar an den Abgrund seiner Zweisamkeit zu führen weiß. Ausrutscher in die Karikatur inklusive.

Ein sanfter Wind . . .

"Du wirst ein altes Foto sein, schwarz-weiß" ist ziemlich gut. "Du bist ein Sommertraum, ein sanfter Wind auf meiner Haut": Da möge das Musical-Fankartell entscheiden, ob es lieber ins Theater geht oder Schokoladen-Werbung guckt. Und einen Hänfling wie Mikes Freund Tom (Simon Tobias Hauser) ausgerechnet einen "Kaloriensong" singen zu lassen: interessant. Immerhin hat Tom die Gags des Abends, er liebt deutsche Philosophen, allerdings liebt er ohne jede Checkung.


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Anna, als DJane auf Jobsuche im Moloch NY glücklos, gerät in einen Plattenladen, mit dessen Chefin sie nach nur drei Minuten den Themenkreis Sexleben (Spoiler: keins) ansteuert. Aber hey – siehe oben. Nicht minder rätselhaft bleibt, warum die stimmlich so wunderbar präsente Bettina Meske in ihrer Rolle als zeiten- und weltenwandernde Doris so wuchtbrummenhaft-pampig chargieren muss.

Schwer zu begreifen ist auch, dass Meske/Doris ein Sidekick bleibt, ohne Gelegenheit, und sei es nur für fünf Solominuten, vorzuführen, wie erste Musical-Liga geht. Doris wacht an jener Ladentür, durch die Anna leider erst nach 45 Minuten beziehungsfrustriert, aber abenteuerwillig in einen verruchten Club aus den dreißiger Jahren stolpert. Regisseur Gaines Hall hält hier die bestens aufgelegte Crew der Münchner Everding-Akademie in Dauerbewegung. Die Attraktionen dieses Swing-Ballsaals: vermutlich Tanz und Suff und Lotterleben. Hall entschied sich dafür, es beim Tanzen zu belassen. Sieht schön aus, bleibt aber zu clean und fernsehballettig.

Vorzüglicher Satzgesang

Größer ist die Habenseite des Abends. Da ist Friedrich Rau, dessen Mike sich im Selbstoptimierungswahn verliert und der nebenbei einen passablen Unplugged-Bluesrocker abgibt. Da ist Niklas Schurz als toll steppender Pete, ein Stenz wie aus uralten Hollywoodschinken. Karolin Konert ist Anna: empathisch, bezaubernd und auf eine Weise unterfordert, die Wetten auf eine schöne Karriere zulässt. Ganz großer Heuler aber sind die charmanten "Swing Sisters" (Lydia Schiller, Rosa Kremp, Melissa Muther), die mit vorzüglichem Satzgesang à la Andrew Sisters durch die Szenen huschen und hier und da sogar bei den flotten Umbauten (Ausstatterin Lena Scheerer baut auf variable Kuben und eine putzmunter auf- und niederfahrende Vorbühne) mit anpacken.


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Und New York, dieses furchtbare, furchtbar schöne, wundersame New York? "Swing Street" ist ein Märchen, kein Dokumentartheater. Ein Märchen, das weniger Middle of the Road, dafür widerborstiger, dreckiger, unvorhersehbarer hätte geraten dürfen. Und wenn es nicht gestorben ist, das traurige Paar Anna und Mike, dann – hey, hier steht‘s jedenfalls nicht. Licht aus im Treppenhaus. (Restkarten nur noch für die Zusatzaufführungen am 24., 25. und 31. Oktober, jeweils 15.30 Uhr, Karten-Tel. 09 11/9 742 400.)

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