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Konzertsaal-Aus: Dirigentin Joana Mallwitz sorgt sich um Nürnbergs kulturelle Zukunft

Die Entscheidung findet die Generalmusikdirektorin "erschreckend" - 20.11.2020 13:34 Uhr

"Gerade nach dem Scheitern der Bewerbung zeigt sich, ob Nürnberg würdig gewesen wäre, eine Kulturhauptstadt zu sein", sagt GMD Joana Mallwitz.

06.11.2020 © Daniel Karmann, dpa


Erst das Aus bei der Kulturhauptstadtbewerbung, dann der zweite Lockdown, der den Vorstellungsbetrieb des Staatstheaters mindestens bis Ende November wieder zum Stillstand bringt. Umso erschreckender findet Nürnbergs junge und international gefragte Generalmusikdirektorin Joana Mallwitz nun das plötzlich verkündete Aus – die Stadt selbst spricht von Aufschub – für den Nürnberger Konzertsaal. "Es war überraschend, ja, erschreckend, dass diese Entscheidung jetzt so schnell gefällt wurde", sagt Mallwitz.


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Ihre größte Sorge ist, dass die große Aufbruchstimmung im Kulturleben Nürnbergs, die die gebürtige Hildesheimerin seit ihrer Ankunft Mitte 2018 in der Stadt und speziell am Staatstheater wahrgenommen hat, nun abgewürgt wird. "Es darf auf keinen Fall sein, dass diese Entscheidung eine Abwärtsspirale für die kulturelle Identität dieser Stadt und für zukunftsträchtige Investitionen bedeutet", sagt Mallwitz.

Die 34-Jährige fordert, dass in der Stadt nun rasch der Hebel für die geplante Opernhaussanierung umgelegt wird. "Es gibt nun keine Ausrede mehr, die Opernhaussanierung ganz offensiv und schnell und mit großer kreativer Freiheit anzugehen. Nürnberg sollte nach dem Wundenlecken über das Aus bei der Kulturhauptstadt-Bewerbung sofort wieder offensiv in die Zukunft schauen."

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Sie sei diesbezüglich im Gespräch mit OB Marcus König und Kulturbürgermeisterin Julia Lehner – und sehe positive Signale, dass es da jetzt schnell vorangehe. "Ich glaube, am allerwichtigsten bei der Sanierung des Opernhauses ist es, dass das im Moment brachliegende Potenzial dieses zentral gelegenen Richard-Wagner-Platzes ausgereizt wird.

Geeignete Ausweichspielstätte

Das muss zu einem Ort des Austausches werden, hier muss den ganzen Tag Leben sein, wo Menschen sich treffen, wo Publikum und Künstler ein und ausgehen." Gleichzeitig müsse für die lange Interimszeit eine Ausweichspielstätte gefunden werden, die zentral und gut erreichbar ist und die alle Voraussetzungen erfüllt, um in annehmbarer Weise Oper machen zu können.

"Man wird in einer Ausweichspielstätte schätzungsweise fünf bis sieben Jahre spielen. Deshalb muss sie alle Voraussetzungen erfüllen, um dort künstlerisch befriedigend Oper aufführen zu können. Sonst ist das Staatstheater hinterher tot."


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Auch vom Konzertsaal-Neubau will sich Mallwitz nicht einfach verabschieden: "Konzertsäle und vergleichbare Neubauten sind immer Projekte, die nicht aus der Portokasse bezahlt werden können. Ich bin der festen Überzeugung, dass man bei solchen Projekten antizyklisch denken muss." Man müsse gerade in einer Krise wie dieser die richtigen Signale und Anreize geben.

"Kultur nimmt momentan großen Schaden"

Im Moment nehme die Kultur ohnehin sehr großen Schaden durch die Corona-Krise. "Und da spart man jetzt ausgerechnet an der Kultur, anstatt mit dem Konzertsaal ein Zeichen für die Zukunft zu setzen und damit ein Projekt zu verfolgen, das auch einen wirtschaftlichen Mehrwert für Nürnberg bedeutet hätte."

Am Ende sei ein Konzertsaal ein Ort für die ganze Stadtgesellschaft. Da passiere viel an Vernetzung, an Austausch, an Diskussion. "Die Kultur ist eben nicht nur eine Dekoration, die man sich für gute Zeiten leistet. Kultur ist nicht etwas, das nur wenige Prozent der Stadtgesellschaft interessiert. Aber es müssen die Orte dafür geschaffen werden, damit der kulturelle Austausch funktionieren kann."

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Das sei gerade nach dem Scheitern der Kulturhauptstadt-Pläne umso essentieller: "Ich habe die Bewerbung und die Aufbruchstimmung in der Stadt wie eine Bewegung empfunden." Die Bewerbung und die Aussicht auf die neuen Räume, wie einen neuen Konzertsaal und ein funktionierendes, modernes Opernhaus, das habe sich gegenseitig befeuert. "Das Aus bei der Bewerbung war ein Rückschlag. Deshalb finde ich es aber umso gefährlicher, nun auch die Bauvorhaben zu streichen, die finanziell nicht in einem direkten Zusammenhang mit der Bewerbung standen."

"Unabhängig vom Titel in Kulturprojekte investieren"

Eine Stadt, die sich Kulturhauptstadt nennen möchte, müsse eine Stadt sein, die auch unabhängig von so einem Titel in ihre Kulturprojekte investiert, ist Mallwitz überzeugt. "Gerade nach dem Scheitern der Bewerbung zeigt sich, ob Nürnberg würdig gewesen wäre, eine Kulturhauptstadt zu sein."

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Auch ihre persönliche Zukunft will Mallwitz nicht unabhängig von der Opernhaussanierung und vom Konzertsaalprojekt sehen: "Ich habe zum Beispiel noch nicht entschieden, ob es zu einer Vertragsverlängerung hier in Nürnberg kommt, aber da kann ich auch nicht leugnen, dass alle diese Aspekte ebenfalls eine große Rolle spielen."

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