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Corona und Single: "Ich kämpfe schon mit der Einsamkeit"

Viele wünschen sich jetzt stärker einen Partner als zuvor - 23.04.2020 20:36 Uhr

Da helfen auch Mundschutz und Handschuhe nichts: So nahe dürfen sich Menschen nicht kommen, wenn sie nicht im selben Haushalt leben. © Jim Ruymen/imago-images


Die tiefrote Brombeer-Zimt-Rum-Marmelade wirft zähe Blasen. "Heute mal was Neues probiert", lässt Tibor Bauer seine Facebook-Gemeinschaft wissen. Er ist 42 Jahre alt, Single und "erfindet sich neu" seit die Ausgangsbeschränkungen wegen der Corona-Pandemie gelten. Tags zuvor gab’s Himbeermarmelade mit Vanille.

Normalerweise ist der selbstständige Marketing-Berater viel unterwegs, doch seit das Virus grassiert, haben die meisten Kunden ihre Termine abgesagt. "Das nervt ein bisschen", sagt Bauer, "weil es ungewohnt ist." Ansonsten sei alles aber recht angenehm, bewertet er seine Situation. In Altdorf lebt er sehr ruhig, direkt am Waldrand und versucht die Zeit zuhause, den "Zwangsurlaub" zu nutzen: Er kocht, malt und baut sich gerade ein Bett aus Paletten.

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Doch eines kann Bauer nicht ganz ausblenden: die Einsamkeit. Normalerweise nutzt er Datingplattformen und -apps, die er aber momentan meidet. Es frustriert ihn zu sehr: "Da sieht man einen Menschen, der einem gefällt, ich kann mit ihm schreiben, aber ich will ihn auch treffen." Laut einer Umfrage des Datingportals Parship unter mehr als 1000 Personen befürchtet gut jeder dritte Single (37 Prozent), dass sehr einsame Wochen auf ihn zukommen. Wobei mehr Frauen (40 Prozent) als Männer (35 Prozent) Angst davor haben.

"Distanz kann einen Menschen auch interessanter machen"

Soziale Kontakte hält Bauer für sehr wichtig, damit man sich nicht alleine fühlt. "Wir sind nicht fürs Alleinsein geschaffen", glaubt er. Deshalb ist er viel auf Facebook unterwegs, um mit Freunden und Bekannten in Verbindung zu bleiben, da die wenigsten in seiner Nähe leben. "Ich kämpfe schon mit der Einsamkeit. Es ist wichtig, dass man jemanden zum Reden hat - auch damit man die eigene Stimme mal wieder hört", sagt Bauer.

Die Therapeutin Johanna Beloch (56) berät Singles, Paare und Familien. © privat


"Gymnastik machen oder ein Online-Achtsamkeitskurs: Es gibt so viele Möglichkeiten. Man sollte sich nicht einfach dem Single-Dasein hingeben", sagt die Einzel-, Paar und Familientherapeutin Johanna Beloch. Sie rät ebenfalls dazu, übers Telefon, Whatsapp und andere Kanäle die soziale Kontakte aufrecht zu erhalten. "Man kann es auch als Anlass nehmen, mit jemandem zu sprechen, den man schon lange nicht mehr gesehen hat", sagt Beloch, die eine Praxis im Nürnberger Süden hat. Ihrer Meinung nach kann es sich auch lohnen, weiterhin auf Partnerportalen aktiv zu sein.

Durch die Anti-Corona-Maßnahmen kommen sich die Menschen nicht gleich so nahe, wodurch sie Zeit haben sich intensiver kennenzulernen, sagt sie. Durch den Abstand sei man zudem geschützter und werde nicht so enttäuscht, falls es nicht passt. "Die Distanz kann einen Menschen auch noch mal interessanter machen", sagt die 56-Jährige.

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Die Singles können miteinander telefonieren oder per Video ein Date organisieren: "Jeder macht sich etwas Gutes zu Essen, legt eine schöne Tischdecke auf und zündet eine Kerze an. So inszeniert man ein gemeinsames Essengehen", schlägt Beloch vor.

Restaurantbesuche fehlen Tibor Bauer auch. Aber darauf wird er noch länger verzichten müssen. Immerhin darf sich der Single-Mann jetzt wieder - unter den geltenden Abstandsregeln - mit einer Person treffen: "Das heißt nicht, dass ich meine Datingapp jetzt vier Stunden lang nach einer Frau durchsuchen werde. Mir reicht es, das ich jemanden treffen könnte, wenn ich wollte."

Das ist auch ein Knackpunkt bei Singles, die bisher zufrieden waren mit ihrem Leben und sich nun nach einem Partner sehnen. "Es macht einen riesigen Unterschied, ob ich freiwillig alleine bin oder dazu gezwungen bin", sagt Beloch. Freunde, Vereinsleben, in die Kneipe gehen - alles ist weggebrochen: "Jede Ablenkung ist weg und dann kann es innerlich spürbar werden, dass man keinen Partner hat."

Umarmungen und Berührungen fehlen

In der Parship-Studie gibt auch jeder Dritte unter den Alleinstehenden an, sich derzeit stärker einen Partner zu wüschen als sonst. Man sei auf sich gestellt und muss mit sich zurechtkommen. Das kann schön sein, aber einem auch Angst machen, resümiert Beloch.

Damit man nicht in ein Loch fällt, rät sie zu viel Abwechslung: "Aufstehen, rausgehen, sich verwöhnen, gute Lebensmittel kaufen, die Wohnung hübsch dekorieren, gute Gespräche führen, sich selber kleine Geschenke machen und sich trotzdem noch schön anziehen: Kein Gefühl bleibt für immer und ewig, auch Depressionen verändern sich permanent." Auch das Internet biete so viele Möglichkeiten, um sich zu informieren und zu beschäftigen, sagt Beloch.

Tibor Bauer kommt laut eigener Aussage mit sich zurecht, die Coronakrise habe ihn ruhiger gemacht, doch "manchmal ist es zu still". Zwar könnte er jetzt jemanden daten, doch Anfassen ist weiterhin verboten. So wie manchen eine Umarmung fehlt, fehlen ihm die Berührungen am Arm oder an der Schulter, die sich manchmal bei einem Gespräch ergeben: "Ich sage mal, das Spüren fremder Haut." Damit hätten aber auch andere zu kämpfen. Nicht nur den körperliche Kontakt zu einem Partner vermissen viele, sondern auch zu Familienmitgliedern oder Freunden.

Dieses Problem kann Johanna Beloch nicht lösen. Sie ist aber der Meinung, dass Alleinstehende durchaus etwas Positives aus der Krise ziehen können. "Glück ist nicht abhängig von einem Partner oder einem Menschen", sagt die Therapeutin. Man müsse selbst glücklich sein und solle sich nicht darauf fixieren, jemanden finden zu müssen. Und wer sagt eigentlich, dass zu zweit immer alles besser ist?

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