Neue Waffen gegen Corona: Antidepressiva könnten Leben retten

Dominik Mayer

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2.3.2021, 05:58 Uhr
Neue Waffen gegen Corona: Antidepressiva könnten Leben retten

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"Richtig cool" findet Jochen Bodem das, was er vor wenigen Wochen im Labor beobachtet hat. Er ist Professor am Institut für Virologie und Immunbiologie der Universität Würzburg. Gemeinsam mit Kollegen vom Fraunhofer-Institut für Toxikologie und Experimentelle Medizin in Hannover und seinem Team hat er noch lebendes menschliches Lungengewebe mit Sars-CoV-2 infiziert. Besonders bei schwereren Verläufen von Covid-19 ist die Lunge der Patienten von Viren befallen.

Das, so Bodems Vermutung, könnte sich durch das Antidepressivum Fluoxetin vermeiden lassen. Schon im vergangenen Jahr konnten die Würzburger zeigen, dass die Substanz das Virus in der Zellkultur hemmt sich zu vermehren und ihm außerdem den Eintritt in die menschlichen Körperzellen erschwert. Ein Befund, den ein Team der Universität Münster um die Molekularbiologin Ursula Rescher wenig später bestätigen konnte.

Rescher plant derzeit, zusammen mit dem Freiburger Virologen Martin Schwemmle, die Wirkung von Fluoxetin in einem Tiermodell zu testen. Dazu werden speziell gezüchtete Mäuse mit dem Coronavirus infiziert und dann mit dem Antidepressivum behandelt. "Wir erwarten, dass die Mäuse keine Symptome zeigen, also nicht krank werden", sagt Schwemmle. Die Maus sei zwar kein Mensch, schränkt er ein, "wenn es in den Tieren funktioniert, ist es aber schon ein sehr gutes Zeichen".

Gute Praxiserfahrungen mit Fluoxetin

Ermutigend ist auch, was der Würzburger Virologe Bodem beobachtet hat: "Es hat sich gezeigt, dass Fluoxetin Sars-CoV-2 auch direkt im Lungengewebe bekämpft", fasst er zusammen. Es sei erfreulich zu sehen, dass es offenbar genau dort wirkt, wo das Virus oft den größten Schaden anrichtet. Details will Bodem in Kürze im Fachjournal Scientific Research veröffentlichen.

Fluoxetin ist ein sogenannter Selektiver Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) und wird eigentlich bei Angststörungen und Depressionen eingesetzt. Das Medikament ist in Deutschland seit über 30 Jahren zugelassen, es gilt als recht gut verträglich. Auch jenseits von Laborexperimenten mehren sich die Hinweise, dass das Mittel eine sinnvolle Therapieoption im Kampf gegen Covid-19 sein könnte. "Ich betreue über 100 Patienten, die Fluoxetin einnehmen. Bislang wurde nur einer von ihnen positiv auf das Coronavirus getestet", berichtet Thomas Nögel. Er ist Psychiater mit einer Praxis im Nürnberger Norden.

Der Verlauf der Erkrankung sei bei dem Patienten sehr mild gewesen – obwohl der Mann einige Risikofaktoren aufweise. Nögel erzählt außerdem von einer betagten Dame im Pflegeheim: "Die ganze Station, inklusive Pflegepersonal, hat sich mit Corona infiziert", sagt der Psychiater. Nur die Testergebnisse seiner Patientin, die täglich Fluoxetin einnimmt, waren dauerhaft negativ.

Wird Corona von bekannten Medikamenten gestoppt?

Ähnliche Erfahrungen macht Johannes Kornhuber, Direktor der Psychiatrischen und Psychotherapeutischen Klinik am Universitätsklinikum Erlangen. "Wir hatten bei uns in der Klinik bislang wenig Probleme mit Corona. Einen schweren Verlauf haben wir noch nicht beobachtet", berichtet er. Kornhuber forscht auch selbst zum Thema und war an der Beschreibung des Wirkmechanismus von Fluoxetin gegen Sars-CoV-2 beteiligt.


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Das Antidepressivum gehört zu einer Gruppe von Medikamenten, die das Enzym Saure Sphingomyelinase hemmen. Kornhuber hat für diese Wirkstoffe bereits vor über zehn Jahren den Begriff Fiasma eingeführt. Sie sorgen beispielsweise dafür, dass die Konzentration von Ceramid, einem bestimmten Fett, im Körper abnimmt. "Wenn weniger Ceramid vorhanden ist, kann das Spike-Protein des Virus nicht mehr so gut an den Körperzellen andocken", erklärt Kornhuber.

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Das würde bedeuten, dass nicht nur Fluoxetin, sondern auch andere Wirkstoffe, die zur Gruppe der Fiasma zählen, zur Therapie von Covid-19 effektiv sein könnten. Zu den Fiasma gehören viele bekannte Medikamente, wie etwa die Antidepressiva Imipramin, Fluvoxamin, Sertralin und Paroxetin. Dazu kommt unter anderem das Herzmedikament Amiodaron.

Der Erlanger Klinikdirektor Kornhuber hat an einer im Journal Cell Reports Medicine erschienen Studie mitgearbeitet. Darin hat der Essener Molekularbiologe Erich Gulbins gemeinsam mit Kollegen untersucht, ob das Antidepressivum Amitriptylin – ebenfalls ein Fiasma – sich bei einer Infektion mit dem Coronavirus positiv auf den Krankheitsverlauf auswirken könnte.

Erste Studien bei Covid-19 ermutigend

Das Ergebnis spricht dafür: Nachdem Probanden Amitriptylin eingenommen hatten, ließen sich ihre Nasenzellen deutlich schwerer mit Sars-CoV-2 infizieren als zuvor. Auch international erhärtet sich der Verdacht, dass Medikamente der Fiasma-Gruppe eine wirksame Behandlungsoption bei Covid-19 darstellen könnten. Wissenschaftler der Universität Washington führten vergangenes Jahr eine Studie an 152 ambulant behandelten Covid-19-Patienten durch.


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Die Ergebnisse wurden im November 2020 als noch nicht geprüfter Preprint vorab veröffentlicht. Eine Gruppe der Patienten nahm kurz nach Symptombeginn 15 Tage lang hochdosiert das Antidepressivum Fluvoxamin ein. Die andere Gruppe bekam ein Placebo verabreicht. Während in der Placebo-Gruppe sechs Patienten eine deutliche Verschlechterung ihrer Symptome erlebten – vier von ihnen mussten sogar ins Krankenhaus – blieb das den Probanden in der Fluvoxamin-Gruppe erspart.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommen kalifornische Forscher aus der Stadt Berkeley. Nach einem Corona-Ausbruch unter Arbeitern der örtlichen Pferderennbahn Ende 2020 boten die Wissenschaftler den 113 Infizierten an, täglich Fluvoxamin einzunehmen. Von denjenigen, die sich gegen die Behandlung entschieden haben, mussten 12,5 Prozent in die Klinik, ein Patient verstarb an Covid-19. Ihre Kollegen, die Fluvoxamin einnahmen, benötigen dagegen keine Behandlung im Krankenhaus. Auch eine französische Studie an über 7000 Krankenhaus-Patienten aus der ersten Welle legt nahe, dass bestimmte Antidepressiva einen besonders schweren Verlauf der Erkrankung unwahrscheinlicher machen.

Der Wissenschaft fehlt auch Geld

Trotzdem sind derzeit noch Fragen offen. So ist nicht klar, welches Medikament der Fiasma-Gruppe am besten gegen Covid-19 wirkt. Nicht geklärt ist außerdem, welche Dosis für eine optimale Therapie jeweils erforderlich ist. Zudem sind einige Studien zum Thema noch nicht von Fachkollegen begutachtet worden.


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Um eine oder mehrere Mittel flächendeckend gegen Covid-19 einsetzen zu können, etwa nach einer Erweiterung der Zulassung, braucht es daher weitere Untersuchungen. Vor allem große klinische Studien müssten die bisherigen Befunde untermauern.

Solche Vorhaben sind aufwändig, die Finanzierung teuer. Doch angesichts der bislang ermutigenden Datenlage, wäre es im öffentlichen Interesse, der Wissenschaft hier unter die Arme zu greifen. Zumal die derzeitigen Therapieoptionen ebenfalls noch nicht überzeugend sind.

Gesundheitsministerium wiegelt ab

Auf eine Anfrage antwortet das Bundesgesundheitsministerium (BMG) jedoch ausweichend. Es erklärt lediglich, dass der Einsatz dieser Medikamente ja bereits im Rahmen der ärztlichen Therapiefreiheit möglich sei. Zudem verweist das BMG auf die Bedeutung von Impfstoffen, deren "Produktion und Beschaffung prioritär" gewesen sei. Abschließend heißt es, das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördere auf Grundlage einer im Januar veröffentlichten Richtlinie die Entwicklung von Medikamenten gegen Covid-19.

Die Förderung gilt jedoch nicht für Medikamente, die bereits für andere Indikationen zugelassen sind, sondern nur für solche, die komplett neu entwickelt werden. Um Geld vom Bund zu erhalten, ist außerdem ein Partner aus der Industrie, beispielsweise ein Pharmaunternehmen, erforderlich. Für die Wissenschaftler, die an den vielversprechenden Medikamenten der Fisma-Gruppe forschen wollen, ist die Förderrichtlinie des BMBF daher vor allem eines: nutzlos.

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