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Extremismus-Experte: "Rechte wollen Ausgangsbeschränkungen wegkriegen"

Robert Andreasch spricht von "absurder Überdramatisierung" - 30.04.2020 05:50 Uhr

Robert Andreasch, Jahrgang 1973, studierte Humanmedizin, Soziologie und Sozialpsychologie. Als Autor, Journalist und Gutachter recherchiert und schreibt er von München aus über die radikale Rechte in Bayern. 2019 erhielt er den „Publizistikpreis“ der Landeshauptstadt München für seine Arbeiten.

© Foto: privat


Hinter dem Virus stecke Bill Gates, der seine diktatorische Impf-Agenda durchsetzen und jedem Menschen einen Chip einpflanzen lassen will, um ihn zu überwachen. Das Coronavirus sei nur Ablenkung, um Flüchtlinge unbemerkt nach Deutschland einschleusen zu können: Verschwörungstheorien blühen stärker als sich die Corona-Erkrankung in Deutschland ausbreiten kann.

An die Spitze der Szene haben sich Rechtsextreme gesetzt, die Proteste organisieren und im Internet den Ton angeben. Robert Andreasch, der seit Jahren die rechte Szene dokumentiert und als Gutachter gefragt ist, spricht im Interview von einer "absurden Überdramatisierung" der Lage.

Herr Andreasch, plötzlich machen Impfgegner, Identitäre Gruppen, Reichsbürger, Ärzte und sogar einige Hippies gemeinsame Sache: Ihnen geht es darum, die Einschränkungen unseres Alltags zu bekämpfen. Was ist da passiert?

Robert Andreasch: Jetzt zeigt sich deutlich, wie viel irrationale Ängste und Feindbilder schon in den Köpfen waren. Unter den Verschwörungsideologen mögen durchaus Leute dabei sein, die unterschiedlicher politischer Richtung zuzurechnen sind. Doch sie alle gehen mit einer bestimmten Sicht der Dinge an die Sache heran: Sie sind der Überzeugung, dass sie Opfer eine gezielten Kampagne werden sollen.

Von Merkel, von Spahn, von Bill Gates. . . Und genau da laufen sie in die Flanke der extremen Rechten. Denn die Rechte bedient sich seit jeher der Verschwörungserzählung, zum Beispiel beim Antisemitismus oder dass Deutschland immer Opfer gewesen sei. Das gemeinsame Ziel heißt jetzt: Man will die Ausgangsbeschränkung wegkriegen.

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Einige Rechtsextreme arbeiten auf den Zusammenbruch unseres Systems hin und planen die Übernahme der Kontrolle. Was müssen wir fürchten?

Andreasch: Manche betrachten es als gut, dass die Krise entstanden ist. Unter denjenigen, die zum Rechtsterrorismus neigen, wird darüber gesprochen, gerade jetzt eine gesellschaftliche Eskalation gezielt voranzutreiben oder den angeblich kommenden Zusammenbruch sogar mit Waffengewalt zu beschleunigen.

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Rechte erhalten Auftrieb durch Ärzte und Prominente im Internet, die behaupten, der Corona-Erreger SARS-CoV-2 sei angeblich nicht gefährlicher als ein Grippe-Virus.

Andreasch: Das macht es für die Verschwörungsanhänger umso attraktiver. Die Schauspieler Til Schweiger und die Fernsehmoderatorin Sonja Zietlow posten solche Sachen. Auch Pseudo-Experten, YouTube-Doktores und Donald Trump erzählen Ähnliches. Das wird begrüßt und regelrecht aufgesaugt. Und es führt zur Unterstellung, andere würden aus eigenem Interesse nur lügen und der Bevölkerung nicht die Wahrheit sagen.

In Chatgruppen auf einem Telegram-Kanal tummeln sich auch viele bayerische und fränkische Rechte und Anhänger dieser Verschwörungstheorien. Wie wichtig sind diese Gruppen?

Andreasch: Diese Leute, die genug haben von den Ausgangsbeschränkungen, suchen sich eine Organisationsplattform. Und sie suchen sich eine Plattform, auf der sie zu ihren Wünschen passende Aussagen finden. Sie wollen sich ihre eigene Realität konstruieren. Und da gehen viele verschwörungsmotivierte Rechte zum Anbieter Telegram. Die Gruppen explodieren regelrecht, aber auch die Anzahl der Menschen, die da schreiben. Die Gruppen haben das Image: Hier erfährt man Neues.


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Was sind das denn für Inhalte, die dort geteilt werden?

Andreasch: Als besonders attraktiv hat sich eine Pandemie-Leugnung erwiesen. Wenn man keine Lust mehr hat auf die Beschränkungen des eigenen Lebens, dann sagt man: der "Corona-Wahnsinn" müsse beendet werden, die Coronamaßnahmen seien illegal.

Da wird dann auch dazu aufgerufen, rauszugehen, das Leben zu leben, keinen Abstand zu halten und schon gar keine Maske zu tragen. Und das verbindet sich auch mit der Warnung vor einer "Impfdiktatur", und das verbindet sich mit Rassismus und Antisemitismus.


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Welche Mythen sind da im Umlauf?

Andreasch: Man behauptet, die Krankenhäuser seien jetzt völlig leer. Zudem wird die Leugnung der Pandemie mit einem verschobenen Geschichtsbild gekoppelt und man sagt, die Kontaktbeschränkungen seien jetzt der "Holocaust", es herrsche "Corona-Diktatur", "Corona-Faschismus". Oder mit Impfungen sei der "Völkermord in vollem Gang", also eine absurde Überdramatisierung, wie wir sie aus extremen rechten Kreisen kennen.

Und da kommen dann die antisemitischen und rassistischen Ressentiments dazu wie: "Die Geflüchteten halten sich nicht an die Ausgangsbeschränkungen." Man behauptet, jetzt wollten einem die Regierenden mit einem perfiden Instrument, nämlich den Masken, eine höhere CO2-Konzentration im Blut bescheren.

Elke Graßer-Reitzner und Jonas Miller Rechercheteam Nürnberger Nachrichten und Bayerischer Rundfunk E-Mail

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