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Gewaltige Finanzlücke droht: Bayerns Volkshochschulen vor Krise

Brandbrief des Verbandes lässt aufhorchen - "Der Unmut war und ist groß" - 01.06.2020 06:01 Uhr

10.000 Kursleiter an bayerischen Volkshochschulen bestreiten ihren Lebensunterhalt fast ausschließlich mit dem Unterricht.

29.05.2020 © Foto: Sebastian Gollnow, dpa


Der Brandbrief, den der Bayerische Volkshochschulverband (bvv) unlängst verschickte, hat es in sich. Allein bis Ende Juli rechnen die Volkshochschulen durch die Corona-Krise bayernweit mit einem Finanzloch von 23,5 Millionen Euro. Und mehr noch: Die Lücke könnte sich bis Ende nächsten Jahres auf mehr als 74 Millionen Euro vergrößern.

Als wäre solch ein Finanzproblem nicht schlimm genug, schmerzt die Verantwortlichen in den Volkshochschulen jedoch etwas anderes fast noch mehr: das Gefühl, im Corona-Fahrplan der Staatsregierung zu lange nicht angemessen berücksichtigt worden zu sein, und das, obwohl die Erwachsenenbildung Verfassungsrang in Bayern genießt.

Keine Perspektive für freiberufliche Dozenten

"Uns stört insbesondere, dass die Erwachsenenbildung im Vergleich zu anderen gesellschaftlichen Bereichen nicht berücksichtigt wird", heißt es deshalb in dem zweiseitigen bvv-Schreiben, das Mitte Mai auch an alle der annähernd 200 privat betriebenen und kommunalen Volkshochschulen im Freistaat ging. "Der Unmut war und ist groß", bekräftigt bvv-Vorstand Christian Hörmann gegenüber der Nürnberger Nachrichten.

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Vor allem bemängelt sein Verband die lange fehlende Perspektive für die Einrichtungen selbst, für ihre 30 000 freiberuflichen Dozenten und insbesondere für ihre zwei Millionen Kursteilnehmer. Dieses Ignoriertwerden sei nicht nachvollziehbar, so Hörmann. "Bildung ist kein Luxus in Krisenzeiten, sondern ein öffentliches Gut und bitter notwendig" – für die gesellschaftliche Teilhabe aller und als beste Prävention vor dem wachsenden Einfluss von Verschwörungstheorien und Fake News.

"Das ist eine Art der Verbundenheit, die uns sehr berührt"

Der Stillstand in der Erwachsenenbildung nimmt auch etliche Kursteilnehmer der VHS Fürth ziemlich mit. "Seitdem wir begonnen haben, einen Teil der Kurse abzusagen, erhalten wir fast schon im Minutentakt Rückmeldungen mit persönlichen Einschätzungen und individuellen Vorschlägen", sagt Felice Balletta von der VHS Fürth. Offenbar hätten die Teilnehmer mehr Angst davor, im Herbst wegen der reduzierten Gruppengrößen keinen Platz im Kurs zu bekommen, als vor Corona. "Das ist eine Art der Verbundenheit, die uns sehr berührt", bekennt der VHS-Direktor.

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Immerhin können die Kursteilnehmer und die Volkshochschulen, die längst Hygiene- und Raumkonzepte für die Wiederaufnahme des Betriebs erarbeitet haben, inzwischen etwas Hoffnung schöpfen. Seit dieser Woche ist nach einem Beschluss des Ministerrats klar, dass ab dem heutigen Samstag mit Auflagen zum Teil wieder Präsenzangebote der Erwachsenenbildung stattfinden dürfen. "Die vorgeschriebenen Hygiene- und Abstandsregelungen müssen natürlich gewahrt werden", sagt Zoran Gojic, Sprecher im zuständigen Kultusministerium.

Vorsichtiger Optimismus

Ob das Bildungszentrum in Nürnberg oder die Volkshochschule in Erlangen – mehr als ein schrittweises Hochfahren nach Pfingsten ist schon aus organisatorischen Gründen kaum möglich, sagen Sprecher der Einrichtungen. Gruppen bestehender Kurse müssen womöglich verkleinert, andere Angebote neu aufgesetzt oder schlicht für die neue Situation geeignetere Räume gefunden werden. Das hat Folgen. "Manche Kurse werden erst einmal online weiterlaufen", sagt Peter Gertenbach von der VHS Erlangen. "Trotzdem sind wir mittlerweile vorsichtig optimistisch", ergänzt bvv-Mann Hörmann.

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Neben der Wiederöffnungs-Zusage hat die Staatsregierung diese Woche auf zwei weitere Forderungen der Volkshochschulen reagiert: Es wird einen Rettungsschirm für die Einrichtungen der Erwachsenenbildung und für die dort tätigen Solo-Selbstständigen geben. Ausgestattet wird er mit 30 Millionen Euro. "Wir nehmen die Kursleiter wahr und helfen. Denn wir wissen, dass für viele der Solo-Selbstständigen die Situation wirtschaftlich außerordentlich schwierig ist", begründet Kultusminister Michael Piazolo (FW).

Auch die Kursleiter traf die Corona-Krise hart

Nicht nur den Volkshochschulen selbst sind ja seit dem Lockdown mit den ausbleibenden Teilnehmer-Gebühren über Nacht ihre Haupteinnahmen weggebrochen. Auch die Kursleiter traf die Corona-Krise finanziell hart, vor allem jene 10.000, die ihren Lebensunterhalt hauptsächlich über den Kursunterricht an Bildungseinrichtungen bestreiten. Zusätzliches Problem: Aufgrund fehlender Betriebsausgaben konnten sie nicht einmal die Corona-Soforthilfe in Anspruch nehmen.

Noch ist die Wut darüber, dass die Volkshochschulen lange auf eine Öffnungsperspektive warten mussten, nicht ganz verraucht, weiß bvv-Vorstand Christian Hörmann. Dennoch überwiege inzwischen die Freude über die staatliche Hilfe. "Wir haben von Anfang an gesagt: ,Wenn wir endlich eine Perspektive erhalten, ist für Ärger keine Zeit mehr.’ Denn jetzt muss es schnell gehen, so dass wir wieder richtig loslegen können."

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