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Hängen der Fall Lübcke und die NSU-Mordserie zusammen?

Polizeipräsidium Mittelfranken führt Aktenvermerk - 11.01.2020 20:21 Uhr

Stephan E. hatte den Mord an Lübcke zuerst gestanden, dann aber widerrufen. © Uli Deck (dpa)


Die Spur führt über Umwege immer wieder nach Nürnberg. Und eine zentrale Rolle spielt in dem polizeilichen Dokument, aus dem das RedaktionsNetzwerk Deutschland zuerst zitiert hat, der Verfassungsschützer Andreas Temme. Er sitzt am 6. April 2006 in einem Kasseler Internetcafé, als Halit Yozgat, der 21-jährige Sohn des Cafébetreibers, mit zwei Kopfschüssen getötet wird. Es ist der neunte Mord, der dem NSU zugerechnet wird, wiederum ausgeführt mit einer Waffe vom Typ Ceska. Temme gerät zunächst selbst in Verdacht, doch er will von der Bluttat nichts mitbekommen haben. Auch als er beim Gehen ein 50-Cent-Stück auf den Tisch legt, an dem Halit Yozgat zuvor gesessen hatte, will er das am Boden liegende Opfer nicht bemerkt haben. Die Tat bis heute nicht aufgeklärt.

Schießübungen in Tatortnähe

Zweieinhalb Monate nach dem Mord, im Juni 2006, vernimmt das Polizeipräsidium Nürnberg den Mitarbeiter einer Kasseler Sicherheitsfirma. In der Aktennotiz belastet Sicherheitsmann Jürgen S. den Verfassungsschützer Temme. Man kenne sich seit 1990, beide seien in Rocker-Kreisen verkehrt, beide hätten in Schützenvereinen Schießübungen absolviert, die nur wenige Kilometer vom Kasseler Internetcafé entfernt lagen, heißt es darin. Geübt habe man mit der Dienstwaffe von Jürgen S., einem Revolver der Marke "Rossi", Modell 27, Kaliber 38 Spezial. Jedoch blieb in dem Vermerk unklar, ob Temme tatsächlich mit diesem Modell trainiert hat.

Mit einer Waffe diesen Typs wurde 13 Jahre später, im Juni 2019, der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke getötet.


NSU ist noch immer Bezugspunkt für Extremisten


Aus weiteren Unterlagen der Ermittler, die dem gemeinsamen Rechercheteam der Nürnberger Nachrichten und des Bayerischen Rundfunks vorliegen, geht hervor, dass sich Verfassungsschützer Temme beim Vorsitzenden eines Kasseler Schützenvereins zeitweilig nach ausländischen Mitbürgern erkundigt hat. Der Vereinschef gab an, Temme sei ein guter Schütze gewesen und habe später mit großkalibrigen Waffen (Kaliber 45) sogar wettkampfmäßig geschossen. Zudem notierte die Polizei, dass man bei Andreas Temme auch Kleidungsstücke mit Emblemen der Rockergruppe Hells Angels gefunden hat.

Sein Kollege Jürgen S., der Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes, wiederum war der Nürnberger Polizei aus einem besonderen Grund aufgefallen: Ein Jahr vor dem Mord an Halit Yozgat im Internetcafé wurde das Diensthandy von S., das fest mit seinem Geldtransporter verbunden gewesen sein soll, in unmittelbarer Nähe zu zwei weiteren NSU-Tatorten geortet. Und zwar am 9. Juni 2005 in Nürnberg, als der Imbissbetreiber Isamil Yaşar in der Scharrerstraße erschossen wurde, und neun Tage später, am 15. Juni 2005 in München, als Theodoros Boulgarides in der Trappentreustraße ermordet wurde.

Zudem habe Jürgen S. seinem Freund, dem Verfassungsschützer, für den ersten Mord des NSU am 9. September 2000, als der Blumenhändler Enver Şimşek in Nürnberg-Langwasser mit fünf Schüssen getötet wurde, ein Alibi verschafft. Temme soll an diesem Tag bei Jürgen S. gewesen sein, heißt es in einer "Alibiüberprüfung" der Kasseler Polizei, die dem Rechercheteam von NN und BR vorliegt. Auch wurden mit der EC-Karte von Temme an einem Kasseler Geldautomaten in etwa zur Tatzeit 150 DM abgehoben.

Merkwürdiger Dienstwechsel

Dennoch rückt Andreas Temme, der in seiner Jugend den Spitznamen "Klein Adolf" gehabt haben soll, derzeit erneut ins Licht der Ermittler. Denn nicht nur die Tatsache, dass der Mitarbeiter im gehobenen Dienst nach dem Mord im Internetcafé 2006 seinen Arbeitsplatz im hessischen Landesamt für Verfassungsschutz verlassen musste und ausgerechnet ins Regierungspräsidium von Walter Lübcke wechselte, macht stutzig. Spätestens seit Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU) einräumen musste, dass Temme mit dem mutmaßlichen Lübcke-Mörder Stephan E. vor dem Jahr 2006 "dienstlich befasst" gewesen sei, werden Vermerke und Spuren neu abgeglichen, die Ermittlungen laufen derzeit auf Hochtouren.

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Stephan E. hatte den Mord an Lübcke zuerst gestanden, dann aber widerrufen. Vor ein paar Tagen nun präsentierte er eine neue Version: Sein Bekannter Markus H. sei bei der Tat anwesend gewesen und habe den CDU-Politiker versehentlich erschossen.

Von Elke Graßer-Reitzner und Jonas Miller

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