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Klimaforscher Mojib Latif: Warum Corona den Planeten nicht rettet

Experte sagt: "Geld darf nicht in Zementierung alter Strukturen fließen" - 03.05.2020 17:28 Uhr

Wind oder fossile Energieträger? Experten sagen: Genau an dieser Frage entscheidet sich, ob die Pariser Klimaziele erreicht werden - oder nicht.

© Fabian Strauch/dpa


Herr Latif, wie geht es denn dem Klima, das in den vergangenen Wochen aus den Schlagzeilen verschwunden ist, denn so?

Mojib Latif: Das, was im Moment durch die Medien geistert, irritiert mich. Man muss Luftqualität und Klima trennen. Für das Klima ist der Corona-Shutdown völlig irrelevant. In Nachrichten- und Talkshow klingt es für mich bisweilen so, als hätten wir wegen der sinkenden CO2-Emissionen plötzlich das Klima gerettet. Das ist auf keinen Fall so.

Der Klimaforscher Mojib Latif sieht eine angemessene CO2-Bepreisung als eine der wirksamsten Maßnahmen um den Planeten zu retten.

© Daniel Reinhardt/dpa


Klar, es könnte sein, dass der weltweite CO2-Ausstoß deutlich sinkt, vielleicht sogar um acht Prozent, zumindest sagen das die ersten Schätzungen. Aber genau das müsste jedes Jahr passieren. 2021 müsste der Ausstoß gegenüber diesem Jahr erneut um acht Prozent sinken, und das immer wieder und wieder. Nur dann bekommen wir, ganz platt gesagt, die Klimarettung hin und halten das Pariser Abkommen ein. Der Corona-Lockdown zeigt uns, wie groß die Aufgabe eigentlich ist, vor der wir stehen.


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Welche Klimaschutz-Maßnahmen müssten wir jetzt ergreifen?

Latif: Wir werden das Problem nur lösen, wenn wir die Weltwirtschaft komplett umbauen – und das muss schnell passieren. Niemand hätte vorher für möglich gehalten, welche Geldmengen jetzt in die Hand genommen werden. Aber das Geld darf nicht in die Zementierung der alten Strukturen fließen, die Investitionen müssen klaren Nachhaltigkeitskriterien entsprechen. Nur dann haben wir die Chance, die Wirtschaft wieder aufzubauen und gleichzeitig das Klima zu schützen. Dafür hat auch Bundeskanzlerin Merkel auf dem letzten Petersberger Klimadialog geworben. Die Frage ist nur, ob es am Ende auch passiert. Das Geld, das jetzt investiert werden muss, ist richtig eingesetzt – gewissermaßen – ein Geschenk.

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Konkret gedacht: Was ist zu tun?

Latif: Wichtig sind drei Bereiche. Zum einen müssen wir die erneuerbaren Energien, deren Ausbau in Deutschland stockt, neu beleben. Es braucht den Netzausbau – jetzt! Die Politik muss intelligente Netze, sogenannte "Smart Grids", schaffen, die eine mehr dezentrale Energieversorgung erlauben, Digitalisierung einbeziehen wie auch künstliche Intelligenz, all das muss zusammen gedacht werden. Gerade im Bereich der Digitalisierung ist Deutschland ein „Entwicklungsland“, das spüren viele Menschen jetzt schmerzlich im Homeoffice. Die haben mit simplen Dingen wie langsamem Internet oder fehlendem Mobilfunkempfang zu kämpfen.

Wie können wir die Energieerzeugung ökologischer gestalten?

Latif: Mit dem, was wir ohnehin beschlossen haben – dem Kohleausstieg und der CO2-Bepreisung. Letzteres wirkt, das haben wir 2019 gesehen, als der Preis im Rahmen des europäischen Emissionshandels nach oben gegangen ist. Das hat dazu geführt, dass Kohle unrentabler wurde. Im vergangenen Jahr hat Deutschland einen Riesenschritt in Richtung CO2-Vermeidung getan – wegen der CO2-Bepreisung haben wir die Chance, das 40-Prozent-Ziel tatsächlich zu erreichen, d. h. den Ausstoß von Treibhausgasen gegenüber 1990 um 40 Prozent zu senken. Nicht wegen Corona. Der CO2-Preis ist die Stellschraube. Er müsste aber viel höher liegen, als er jetzt festgelegt wurde. Die Tonne müsste gut 50 Euro kosten.

Und weiter?

Latif: Der zweite Bereich ist der Verkehr. Viel mehr Verkehr muss von der Straße auf die Schiene gebracht und die Bahn gestärkt werden, das ist das A und O. So etwas wie innerdeutsches Fliegen darf gar nicht sein, das muss mit guten Verbindungen über die Schiene lösbar sein. Auch müssen mehr Waren auf der Schiene transportiert werden. Und schließlich, das Auto ist für mich das Gegenteil von Mobilität, denn es steht 90 Prozent der Zeit nur rum. Wir brauchen neue Ideen und völlig andere Mobilitätskonzepte. Hierbei wird mit Sicherheit das autonome Fahren eine Rolle spielen.

"Kohle verbrennen und E-Auto fahren, da haben Sie nichts gewonnen"

Was halten Sie von Kaufprämien für E-Autos, wie sie etwa Markus Söder ins Spiel bringt? Ist das nicht zu kurz gedacht, ginge es jetzt nicht eigentlich darum, den öffentlichen Nahverkehr zu stärken und den Individualverkehr weiter zu minimieren?

Latif: Elektroautos machen nur Sinn, wenn der Strom erneuerbar erzeugt wird – sonst könnten Sie genauso gut einen Verbrenner fahren. Kohle verbrennen und E-Auto fahren, da haben Sie nichts gewonnen. Insgesamt aber müssen wir vom Individualverkehr wegkommen. Transport muss zu einer Serviceleistung werden.

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Und der dritte Bereich, an dem sich etwas ändern muss?

Latif: Raus aus der Wegwerfgesellschaft, rein in die Kreislaufwirtschaft. Ich will das an einem Beispiel deutlich machen: Wir werfen nach wie vor 30 Prozent unserer Lebensmittel weg – was für eine enorme Verschwendung! Bei ihrer Produktion entstehen unnötigerweise Treibhausgase, und kostbare Ressourcen wie Energie und Wasser werden verschwendet.

Das erste, was man überdenken könnte, sind Dinge wie das Mindesthaltbarkeitsdatum. Viele Menschen schmeißen Essen einfach weg, wenn es erreicht ist. Ich rieche daran und wenn es auch gut aussieht, dann esse ich das natürlich. Viele Tests und Studien zeigen, dass Lebensmittel weit über das Mindesthaltbarkeitsdatum hinaus noch genießbar sind. Früher gab es das gar nicht. Auch die "billig, billig, billig"-Mentalität führt dazu, dass zu viel weggeworfen wird. Qualität hat ihren Preis.


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Es scheint, als spiele der Flugverkehr, der weltweit fast ruht, bei der Reduzierung der CO2-Emissionen eine große Rolle. Stimmt das?

Latif: Nein, der spielt nicht die Hauptrolle. Der Flugverkehr verursacht weltweit etwa drei Prozent der CO2-Emissionen. Die Klimawirkung liegt um einen Faktor drei höher. Der überwiegende Teil der Emissionen entfällt auf die Energieerzeugung, industrielle Prozesse und die Haushalte. Der Verkehr macht in Deutschland insgesamt etwa 20 Prozent aus, da sind die Flugzeuge mit drin.

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Ich höre von Klimaschützern oder Menschen, die sich engagieren, oft, dass es schmerzt, dass lange Zeit, wenn es um Ihre Anliegen ging darauf, verwiesen wurde, dass man harte Maßnahmen der Bevölkerung nicht zumuten könne – jetzt, bei Corona, geht es aber doch. Warum?

Latif: Weil die Auswirkungen beim Klima abstrakt sind. Bei Corona sterben Sie sofort oder werden krank – das ist offensichtlich, die Panik steht den Menschen ins Gesicht geschrieben. Das Klima entwickelt sich aber über Jahrzehnte. Das macht die Klimakrise scheinbar weniger gefährlich. In der Wissenschaft herrscht seit 30 Jahren Einigkeit – trotz der wohlfeilen Worte der Politik auf allen Klimakonferenzen ist der CO2-Ausstoß aber seit 1990 um 60 Prozent gestiegen. Anspruch und Wirklichkeit könnten nicht weiter auseinander liegen in der internationalen Klimaschutzpolitik.

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© Jannis Große/www.imago-images.de


Immerhin: Deutschland hat schon einen Rückgang um 35 Prozent geschafft und wird auch die 40 Prozent bis Ende des Jahres schaffen. Deshalb gehört das Land immer noch zu den Guten, auch wenn man hier noch viel mehr machen könnte.

Wie deuten Sie Merkels Vorstoß beim Petersberger Klimadialog, die Emissionen weiter zu senken und die Klimaziele anzuheben? Ist dieses "Gerade jetzt, trotz Corona“ das richtige Signal?

Latif: Absolut! Das Gegenteil sehen wir in anderen EU-Ländern, in Tschechien etwa, die sagen, jetzt müsse doch Schluss sein mit dem Klimaschutz, die Prioritäten müssen neu gesetzt werden. Es wird ein hartes Stück Arbeit, all das noch in die richtige Spur zu bekommen. Ich bin ein gebranntes Kind – die CO2-Emissionen steigen trotz der vielen Ankündigungen seit Jahrzehnten an.

Wo liegen – weltweit gesehen – die Knackpunkte? Erst gestern hat die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe ihren Report veröffentlicht, dass der Energieverbrauch in Europa während Corona drastisch gesunken ist. Die Bundesanstalt sagt aber auch, dass die entscheidende Rolle Entwicklungs- und Schwellenländern zukommt – und nennt dabei China und Indien.

Latif: China ist mit knapp 30 Prozent der größte Verursacher von CO2, dann folgen die USA mit ca. 15 Prozent – da haben Sie schon fast die Hälfte. Beide wollen sich aber nicht dem Klimaschutz verschreiben. Ich sehe nicht, dass sich die USA, schon gar nicht unter Präsident Trump, bewegt und auch bei China bin ich skeptisch. Indien hat noch einen vergleichsweise geringen CO2-Ausstoß, aber eine enorme Steigerungsrate.

"Der politische Wille muss da sein"

Droht nach dem Corona-Lockdown, in dem die CO2-Emissionen vorübergehend sinken, der große Rückfall? Wird es einen Jojo-Effekt geben?

Latif: Es gab viele Krisen, die Ölkrisen, der Zerfall der Sowjetunion, die letzte Finanzkrise und die anschließende Weltwirtschaftskrise – und immer ist der CO2-Ausstoß gesunken, um dann im Jahr darauf wieder schnell zu steigen. Ich hoffe, das passiert diesmal nicht – aber die Befürchtung ist da.

Und wie verhindern wir das?

Latif: Der politische Wille muss da sein. Oder aber der Druck kommt von unten, wenn Menschen aufstehen und das einfordern. Die deutsche Wiedervereinigung, den Fall der Berliner Mauer hat auch niemand für möglich gehalten. Daran sieht man, wie viel Macht eigentlich Menschen haben. Mit Fridays For Future waren wir auf dem richtigen Weg, aber dann kam die Coronakrise dazwischen. Ich hoffe, dass die Zivilgesellschaft jetzt langen Atem beweist und sich nach den Ausgangsbeschränkungen wieder für das Klima einsetzt.

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