Politik nimmt die Not von Familien nicht ernst

Kommentar: 2G-Regel für Kinder und Jugendliche geht gar nicht!

NN-Redakteurin Kathrin Walther
Kathrin Walther

Ressort Kinder, Familie und Bildung

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10.11.2021, 15:04 Uhr
Kinder und Jugendliche wurden in der Pandemie viel zu oft abgehängt, allein gelassen und belastet. 

Kinder und Jugendliche wurden in der Pandemie viel zu oft abgehängt, allein gelassen und belastet.  © colourbox.de

Es fällt langsam schwer, beim Thema „Auswirkungen von Corona-Maßnahmen auf Familien“ sachlich zu bleiben. Wieder geht auch die jüngste Entscheidung, Stichwort 2G-Regeln für Jugendliche, zu Lasten derjenigen, die kein Stimmrecht haben: zu Lasten unserer Kinder. Langsam bahnt sich für unseren Nachwuchs eine Katastrophe an. Was hier gerade passiert, ist nicht mehr nachvollziehbar - und das auf mehreren Ebenen.

Bleiben wir beim Beispiel 2G. Erstens: Warum musste die Vorgabe, Jugendliche ab 12 Jahren fallen unter die 2G-Regel, im Nachhinein korrigiert werden? Das bedeutet doch, dass einmal mehr über Konsequenzen für das Leben der Kinder - kein Kino, kein Sport - null nachgedacht wurde.

Zweitens: Warum fällt auch die Nachbesserung so bescheiden aus? Das Jahr hat nicht mal mehr acht Wochen - die zweite Impfung folgt nach sechs Wochen, der Impfschutz greift erst zwei Wochen später. Die Impftermine noch in dieses Jahr zu quetschen, wird rein rechnerisch eng. Was ist mit Kindern, die - sagen wir - am 29. November zwölf werden?

Drittens: Wer blickt bei der Übergangsregelung noch durch - Sport geht bis Jahresende, Kino nicht? Warum macht man Familien damit das Leben schon wieder schwer? Viertens: Warum werden Jugendliche nicht prinzipiell von der 2G-Regel ausgenommen? Einmal mehr müssen sie ausbaden, dass sich Erwachsene nicht ausreichend und rechtzeitig impfen ließen. Zumal genau diese Gruppe - mit den Kindern auch ihre Eltern - ständig enorm belastet wurde. Allein der Gedanke an Lockdown und Homeschooling lässt noch nicht verheilte Wunden aufbrechen.

Noch dazu gießt die Politik damit Öl ins Feuer einer ohnehin extrem hitzigen Debatte und trägt so zu einer weiteren Polarisierung der Fronten „Impfgegner - Impfbefürworter“ bei.


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Fünftens: Was wurde eigentlich aus der versprochenen Entlastung für Kinder und Jugendliche? Wurde im Schulbetrieb der Leistungsdruck reduziert, wird verstärkt an einer Sozialisierung (sprechen Sie mit Lehrkräften, was mancherorts im Klassenzimmer los ist) gearbeitet, sind wir Erwachsene personell und professionell in der Lage, auf psychische Auffälligkeiten einzugehen (sprechen Sie mit Kinder- und Jugendpsychiatern: Die Stationen sind übervoll, die Wartelisten lang)? Nein. Hier brennt es überall.

Ja, die Infektionsgefahr in Schulen (und Büros) ist höher als in anderen geschlossenen Räumen. Deshalb tragen Kinder ja auch wieder Masken im Unterricht (Büroangestellte nicht). Doch alle Maßnahmen müssen verhältnismäßig bleiben. Der Schaden einer 2G-Regel für Heranwachsende steht nach den in seinem Ausmaß noch nicht erfassten negativen Folgen aufgrund des Lockdowns in keinem Verhältnis zu seinem Nutzen. Wann nimmt die Regierung endlich die große Not von Familien wahr?