Kommentar Lockdown

Kommentar: Es gibt keine Rechtsgrundlage für einen weiteren Lockdown

3.4.2021, 14:49 Uhr

Man müsse eine Überlastung des Gesundheitssystems verhindern: Mit dieser absolut nachvollziehbaren Begründung wurde im Frühjahr 2020 deutschlandweit ein Lockdown verhängt. Vorangegangen waren erschreckende Bilder aus anderen Orten der Welt, in denen Corona außer Kontrolle geriet. Der Lockdown sollte helfen, eine drohende Triage zu vermeiden - also eine Situation, in der Ärzte abwägen müssen, welches Leben sie retten und welches sie aufgeben. Eine absolut grausame Vorstellung für jeden Menschen mit einem Funken Mitgefühl.

Inzwischen hat die Politik aber genau diesen Schauplatz aus den Augen verloren. Entscheidungen orientieren sich heute allein an der Zahl der neugemeldeten positiven PCR-Tests, die seit Mitte Februar kontinuierlich ansteigt. Dabei fordern immer mehr Wissenschaftler eine Abkehr von einer alleinigen Ausrichtung an eben dieser Zahl, da sie nicht geeignet ist, die Situation der Erkrankten realistisch abzubilden. Denn ein positiver Test bedeutet noch lange nicht, dass jemand auch Symptome hat.


Kommentar: Wir brauchen jetzt einen echten, harten Lockdown


Historisch niedrige Bettenauslastung

Das zeigt ein Blick in die Krankenhäuser und Intensivstationen. Eine Auswertung der Klinikdaten hat ergeben, dass die Bettenbelegung im Jahr 2020 um 13 Prozent gesunken ist - auf einen historischen Tiefstand. Und das trotz hoher Fallzahlen während der ersten und zweiten Welle. Es kam also nie zu der befürchteten Überlastung.

Auch, wenn die Zahl der Corona-assoziierten Hospitalisierungen im Gleichschritt mit dem Anstieg der Inzidenz in der Bevölkerung zuletzt wieder steigt, zeigt die Situation der Kliniken eine unveränderte jahreszeitübliche Gesamtauslastung. Die Sterblichkeit in Deutschland liegt in den letzten Wochen deutlich unter dem Schnitt der letzten Jahre, und auch die Kurve der akuten Atemwegserkrankungen verläuft laut RKI weit unter der der Vorjahre.

Zeitpunkt für langfristige, gezielte Maßnahmen

Das sind wirklich gute Nachrichten, die zeigen, dass spätestens im letzten Sommer der richtige Zeitpunkt gewesen wäre, langfristige, gezieltere Maßnahmen zu diskutieren und gleichzeitig Mut zu Öffnungen zu zeigen. Nicht, um "das Erreichte zu gefährden", wie es häufig heißt. Sondern, weil es ganz einfach keine Rechtsgrundlage mehr für flächendeckende ungezielte Maßnahmen gibt, die die gesamte Bevölkerung betreffen.

Und, weil die Politik auch Verantwortung für die Situation der Millionen Menschen trägt, deren Schicksal oft beiläufig unter "Kollateralschaden" subsumiert wird: Die vielen Unternehmer, die gerade pleitegegangen sind oder für die weiter andauernde Schließungen den Todesstoß bedeuten würden. Kinder, die in der Schule abgehängt werden und unter Kontaktbeschränkungen leiden. Und nicht zuletzt die Ärmsten der Welt: Durch wegbrechende Handelszweige steigt die globale Armut dramatisch an.

Keine Maßnahmen nach dem Gießkannenprinzip

Dass mit unspezifischen Lockdowns unmittelbar Menschenleben gerettet werden, ist laut WHO alles andere als bewiesen. Der Epidemiologe Klaus Stöhr, der früher SARS-Forschungskoordinator bei der WHO war, hat im Gespräch mit unserem Medienhaus dazu etwas sehr Treffendes formuliert: "Der Aufwand, den man betreiben muss, um jede einzelne unerkannte Infektion bei jüngeren Menschen aufzudecken, steht in keinem Verhältnis zum Nutzen für die Älteren und hat auf deren Sterblichkeit einen viel geringeren Einfluss, als Modelle das zu Beginn der Pandemie vorhergesagt haben."

Genau deshalb sollten Maßnahmen in Zukunft nicht mehr nach dem Gießkannenprinzip über die gesamte Bevölkerung verhängt werden. Es spricht nichts mehr dagegen, dass Restaurants und Geschäfte mit guten Hygienekonzepten wieder öffnen, und dass Menschen ihrer Gesundheit zuliebe an der frischen Luft gemeinsam Sport treiben.