EKD-Synode:

Regensburger Studentin wird Präses der evangelischen Kirche

16.5.2021, 05:40 Uhr
„Unsere Botschaft in die Welt setzen und die Menschen begeistern, die noch nicht bei uns sind“: Anna-Nicole Heinrich fand als Grundschülerin eine Brücke in die Kirche, ließ sich taufen – und will die Leidenschaft für ihren Glauben nun als EKD-Präses teilen.

„Unsere Botschaft in die Welt setzen und die Menschen begeistern, die noch nicht bei uns sind“: Anna-Nicole Heinrich fand als Grundschülerin eine Brücke in die Kirche, ließ sich taufen – und will die Leidenschaft für ihren Glauben nun als EKD-Präses teilen. © Tino Lex / epd

Am coolsten, sagt Anna-Nicole Heinrich, sei diese Bomben-Brücke gewesen, krass – dann muss sie kurz lachen. Soll sie doch, überlegt sie, will sie doch nicht mehr so oft sagen. Bombe. Cool. Krass. Jetzt, da sie von so vielen Menschen so viel gefragt wird, jeden Tag muss sie Interviews geben. Aber egal, es war ja cool, über diese Brücke zu gehen – über die Brücke in ein christliches Leben, in die Kirche, hin zu einer evangelischen Gemeinde, in die sie sich verliebte. Anna-Nicole Heinrich wird davon erzählen.


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Und es war jetzt ja wieder – na, Bombe. Schon krass. Die Nachricht vom vergangenen Wochenende jedenfalls hatte eingeschlagen wie selten eine Nachricht aus dem kirchlichen Leben. Die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, die EKD, wählt eine 25 Jahre alte Studentin zu ihrer Vorsitzenden.

Jüngste Amtsinhaberin

Als Präses des Kirchenparlaments übt Anna-Nicole Heinrich das höchste Ehrenamt im deutschen Protestantismus aus – als jüngste Präses, die es jemals gab und als Nachfolgerin der 54 Jahre älteren Irmgard Schwaetzer. Der erste Präses war der spätere Bundespräsident Gustav Heinemann, vor der ehemaligen Bundesministerin Irmgard Schwaetzer führte Katrin Göring-Eckardt das Amt. Lauter politische Schwergewichte. Und jetzt: Anna.


"Historisch" nannte der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der EKD, die Entscheidung, "ein ganz starkes Zeichen". So viel Hoffnung, der Eindruck blieb haften, war schon lange nicht mehr in einer Kirche, der die Mitglieder davonlaufen, die große Finanzprobleme hat und die einen Missbrauchsskandal aufarbeiten muss. "Anna ist ein Glücksfall für unsere Kirche: hoch engagiert, am Puls der Zeit und am Puls unserer Kirche", sagte Annekathrin Preidel, die Präsidentin der bayerischen Landessynode.


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Historischer Glücksfall, Signal zum Aufbruch, heller Strahl der Hoffnung für eine Kirche, in der gerade junge Menschen längst eine immer kleiner werdende Minderheit bilden: Die Euphorie erreichte eine Wucht, die beinahe etwas besorgniserregend wirken hätte können – hält das ein Mensch, ein so junger, überhaupt aus?

Wer Anna-Nicole Heinrich ein paar Tage später kennenlernt, glaubt die Antwort zu kennen: Ja. Sie lacht, sie spricht offen, sehr lebendig, sehr präzise, sie fragt nach, hört zu, sie ist lustig, vollkommen uneitel, kurz: Es ist ein ziemlich cooles Gespräch mit einer Frau, die das, was sie sich nun für ihre Kirche wünscht, selbst erlebte – eine ehrliche, wertschätzende, auch streitbare Gemeinschaft, die der Glauben verbindet. Eine Gemeinschaft mit offenen Armen.

"Ich durfte", sagt Anna-Nicole Heinrich, "da hineinwachsen, mitgenommen von den verschiedensten Menschen" – manchmal im Wortsinn, wenn sich die kleine Anna auf den Weg zum Gottesdienst machte. Die Brücke, um die sie so dankbar ist, führte von der Schule in die Kirche, die Religionslehrerin war auch Gemeindepädagogin, und für Anna-Nicole Heinrich war das alles ziemlich neu. Religion, Kirche.


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Ihre Eltern waren nach der deutschen Vereinigung aus Saalfeld in Thüringen in die Oberpfalz gezogen, "übrigens nicht, weil Vater Arbeit suchte, wie ich das jetzt gelesen habe, es war eine ganz bewusste Entscheidung und gute Perspektive", erklärt die Tochter. Wenn sie vom Elternhaus spricht, ist es leicht, sich das schöne Wort Geborgenheit auszumalen.

Anna-Nicole kam in Schwandorf zur Welt und wuchs im Städtchen Nittenau auf, zur Kirche hatten die Eltern – der Vater ist als Fernfahrer viel unterwegs – keinen Bezug. "Irgendwann zwischen Grundschule und Gymnasium", erzählt Anna-Nicole Heinrich, ließ sie sich taufen, "genauer weiß ich es spontan gar nicht, da müsste ich meine Mutter mal fragen." Die war dabei, Mutter und Tochter traten gemeinsam in die Kirche ein, "weil, so wurde befunden, es ja nicht sein kann, dass ich dann als einzige aus der Familie getauft bin". Inzwischen gehört auch die acht Jahre jüngere Schwester zur Gemeinde, Anna-Nicole muss lachen. "Vielleicht", sagt sie, "werden wir in den nachfolgenden Generationen eine richtige christliche Familie."

Die Bindung ist eng, "ich schöpfe viel aus der Familie", sagt Anna-Nicole Heinrich, "da bekomme ich die ehrlichsten Rückmeldungen", und die geliebte jüngere Schwester "sagt mir dann schon einmal, wie uncool ich bin, wenn ich besonders cool wirken will – das zelebrieren wir ein bisschen". Sie mag es, auch einmal über sich selbst zu lachen, "ich habe es nie gescheut, etwas zu riskieren und dabei auch einmal auf die Nase zu fallen", sagt sie.

Ob sie gerne streitet? Ja, sagt Anna-Nicole Heinrich, auch in der Kirche – "weil wir wissen, was uns verbindet", sie schätzt es, wenn Auseinandersetzungen "hart und ehrlich" sind, es gelinge dann am besten, "Brücken zu bauen, nicht zu polarisieren", so formuliert sie es im Blick auf ihre Erfahrungen in der Gremienarbeit.

Philosophie und "Digital Humanities"-Studium

Anna-Nicole Heinrich, die in Regensburg Philosophie studierte und nun einen Master in Digital Humanities (einem interdisziplinären Fach, das Geisteswissenschaften und Informatik verbindet) ablegt, war schon stellvertretende Vorsitzende der Evangelischen Jugend in Deutschland, sie gehörte zum Zukunftsteam des Ratsvorsitzenden Bedford-Strohm, das die "Zwölf Leitsätze zur Zukunft einer aufgeschlossenen Kirche" entwickelte, der 12. Synode gehörte sie als Jugend-Delegierte an. Gelernt hat sie, "Dinge kritisch zu betrachten – und wie man einen Bus sauber macht".

Als Präses der 13. Synode "will ich nach wenigen Tagen jetzt nicht die ganz große Perspektive für die EKD aufwerfen", sagt sie, "ich würde mich freuen, wenn Ehrenamtliche und Hauptamtliche gemeinsam richtig Bock haben, unsere Botschaft in die Welt zu setzen und die Menschen zu begeistern, die noch nicht bei uns sind – ich hoffe, dass Freiräume entstehen, in denen man die Dinge mit Freude und Hoffnung anpackt". Die konservative Kirche, der pietistische Glaube, der charismatische – zur Aufbruchstimmung, überlegt Anna-Nicole Heinrich, könnten alle beitragen, ihre Antwort auf die Frage, ob sie politische Präferenzen habe, fällt denkbar kurz aus, sie lautet: "Nö."

Die Zugehörigkeit, die Bindung ans evangelische Leben und Selbstverständnis, die Ökumene "mit unseren katholischen Geschwistern" und die Digitalisierung hält sie für besonders wichtige Aufgaben; der gelebte Glaube und ein gesellschaftliches Engagement, findet Anna-Nicole Heinrich, gehören dabei zusammen, "die Kirche muss sich in den öffentlichen Diskurs einbringen" – gerade in Zeiten, da selbst viele ihrer Mitglieder der Kirche einigermaßen gleichgültig gegenüberstehen.

"Den Mut gefasst, meinen Glauben selbstbewusster zu kommunizieren", sagt Anna-Nicole Heinrich, habe sie als Studentin, "ich habe erklärt, was mir Halt gibt, und dafür positive Resonanz bekommen."


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Als sie am Tag nach ihrer Wahl auf dem Balkon der Vierer-Wohngemeinschaft in Regensburg stand, wo sie mit ihrem Ehemann lebt, und vor dem Frühstück wie immer die Gemüsesetzlinge goss, ging ihr durch den Kopf, "dass es sich nicht so richtig anders anfühlt, Präses zu sein".

"Riesige Chance für meine Kirche"

"Ich bin ja immer noch Anna", sagt sie, "ich freue mich darauf, die sechs Jahre auszugestalten", so lange dauert die Amtszeit. "Ich glaube, dass es eine riesige Chance für meine Kirche ist, und ich fühle mich sehr, sehr getragen von all der Unterstützung, die ich schon bekommen habe" – auch von katholischer Seite, von der man in der sehr katholischen Oberpfalz fest umgeben ist. Anna-Nicole Heinrich besetzt an der Regensburger Universität eine Halbtagsstelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der stellvertretenden Frauenbeauftragten der Fakultät für Katholische Theologie.

Ob sie ein Lieblingswort aus der Bibel, ein liebstes Gebet hat? Ja, sagt sie, das Vaterunser aus dem Matthäus-Evangelium. Es gehört "zu den allerersten Erinnerungen, die ich aus dem Schulunterricht habe", über jeden einzelnen Satz, erzählt sie, tauscht sie sich gerne mit Freunden aus, darüber, welcher Satz der wichtigste ist, der schönste. Ihr eigener Lieblingssatz? "Es gibt einen", sagt Anna-Nicole Heinrich zum Abschied, "aber den teile ich nicht – es ist mein ganz persönlicher Schatz."

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