Abzocke am Urlaubsort?

Jetzt wird Ihr Sommerurlaub richtig teuer: Auf diese Reisepreise müssen Sie sich einstellen

Matthias Niese

Leben / Magazin am Wochenende / Gute Reise

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29.7.2022, 08:07 Uhr
Ja, es geht noch teurer - das gilt vor allem beim Reisen.

© imago images/PantherMedia, NNZ Ja, es geht noch teurer - das gilt vor allem beim Reisen.

Am Ende eines schönen, aber teuren Pfingsturlaubs traf eine Familie auf der Rückreise von Kroatien ein letzter Preisschock. Bei einer Wanderung am Dachstein im Salzburger Land kehrte sie im Almgasthof ein: Drei Cordon bleu ohne Salat, ein Kinderschnitzel, ein Fleischkrapfen mit Sauerkraut, dazu zwei Radler, zwei Almdudler, eine Holunderschorle. Kein Eis, keine Suppe, kein Kaiserschmarrn als Nachtisch. 99,50 Euro standen auf der Rechnung, von der Kellnerin gab's ein mitleidiges Schulterzucken obendrauf.

Es hilft ja nichts: Wir müssen uns, erst recht im Urlaub, wo wir uns öfter mal was gönnen als daheim, an hohe Preise gewöhnen - oder das Reisen bleiben lassen. Ein Kollege, der ebenfalls in Kroatien war, berichtet: "Unser Mobilheim ist fast doppelt so teuer gewesen wie beim letzten Mal, als wir 2019 auf dem Campingplatz waren." Begründung des Vermieters: "Pfingsten ist nun fast Hochsaison. Da gibt es keine Rabatte und Aktionen mehr." Was droht uns da für den Sommerurlaub?

Beispiel August, vierköpfige Musterfamilie mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern, 10 und 14 Jahre alt. Sie möchten auf der kroatischen Insel Krk campen - im trendigen Mobilheim oder mit Zelt oder Wohnmobil. Sie wählen den Vier-Sterne-Campingplatz Ježevac Premium Camping Resort. Ein leerer Stellplatz der Kategorie "Comfort" kostet 72,60 Euro pro Nacht plus Steuern - zwei Wochen kosten netto 1000 Euro. Ein komfortables "Premium Camping Home" (Mobilheim) kostet dort 351 Euro pro Nacht (!) plus Steuern - macht für zwei Wochen 5000 Euro nur fürs Quartier - ein echter Ausreißer nach oben.

An der italienischen Adria kostet im August auf dem Camping Mediterraneo bei Jesolo mit Wasserpark und weiteren Angeboten der nackte Stellplatz im Pinienwald 33 Euro. Vorn am Meer sind es 49 Euro, eine Person über 12 Jahren kostet 14 Euro, das Kind im Schnitt 10 Euro - macht für zwei Wochen 1358 Euro. Das Mobilheim Maxi Med Classic für fünf Personen kostet die Nacht 184 Euro, macht für zwei Wochen 2576 Euro. Vor drei, vier Jahren galten 75 Euro für die Nacht auf einem leeren Stellplatz inklusive fünf Personen schon als teuer.

Die Hauptsaison startet immer früher

Das leere Stück Stellplatz für Zelt, Wohnwagen oder Wohnmobil kann auf den in Coronazeiten aufgemöbelten Plätzen aber auch noch viel teurer werden, etwa im Krk Premium Camping Resort (fünf Sterne). Der teuerste Stellplatz "Luxury Mare” kostet unserer Musterfamilie 198,60 Euro pro Nacht zzgl. Steuern, also fast 2800 Euro für zwei Wochen. Dafür haben sie die Infrastruktur eines Ferienresorts mit Kinderbetreuung und großer Badelandschaft zur Verfügung. Günstiger ginge es auf dem Škrila Sunny Camping (3-Sterne): Der Stellplatz "Comfort” kostet dort 46,30 Euro netto pro Nacht, knapp 650 Euro für zwei Wochen - ohne Animation, ohne Pool.

Viele Eltern ächzen unter der Last, die die gestiegenen Reisekosten verursachen. Trotzdem gönnen sich viele den Spaß im Hotelpool.

Viele Eltern ächzen unter der Last, die die gestiegenen Reisekosten verursachen. Trotzdem gönnen sich viele den Spaß im Hotelpool. © imago images/famveldman, NNZ

Wir haben nachgefragt, woher der große Preissprung schon zu Pfingsten und erst recht im Sommer kommt. Antwort der PR-Agentur, die die kroatischen Destinationen Istrien und Kvarner betreut: "Mit Pfingsten sind wir heuer sehr früh in eine vorgezogene Hauptsaison gestartet, denn gerade nach den beiden Corona-Jahren wollen offensichtlich Österreicher und Deutsche Versäumtes nachholen und stürmen die Adria. Bei den Tourismusverbänden herrscht derzeit in Sachen Organisation absolut Land unter." Und die eigentliche Sommer-Hauptsaison steht erst noch bevor.

Darum ziehen die Preise für Reisen derart an

Die Nachfrage der coronamüden Deutschen ist hoch, sie wollen nach den Entbehrungen wieder richtig verreisen. Weil sie zwei Jahre lang kaum etwas für Vergnügungen ausgaben, ist (noch) mehr Geld für Urlaub übrig. Vor allem am Mittelmeer mussten viele Hotels schließen, weil sie kaum staatliche Unterstützung bekamen - und weil nun weniger Häuser offen sind, steigen die Preise.

Mitarbeiter wanderten in andere Branchen ab - die wenigen verbliebenen Fachkräfte verlangen höhere Löhne. Also suchen Urlaubshungrige vermehrt nach Ferienwohnungen oder gehen Campen - das verteuert auch das individuelle Reisen an besonders gefragten Destinationen - Ferienwohnungen wurden im Vergleich zu 2019 um fast ein Drittel teurer.

Viele Airlines fliegen derzeit am Rand der Existenz, Flieger wurden stillgelegt, Personal fehlt. Die Mietwagenbranche wartet wegen unterbrochener Lieferketten auf Fahrzeuge, das Angebot ist knapp. Die Reiseveranstalter geben die Preissteigerungen an ihre Kunden weiter und müssen sich nun zusätzlich gegen Pleiten absichern. Zur Corona-Pandemie kam noch der Krieg Russlands gegen die Ukraine hinzu, der Energie und Treibstoffe extrem verteuert und die Inflation befeuert.

Beispiele: So viel zahlen Familien an klassischen Reisezielen

Der Veranstalter Hanseat-Reisen, Partner unseres Reiseportals VNP.reisen, beobachtet eine allgemeine Preissteigerung von Pauschalreisen um 15 Prozent. Konkrete Beispiele nennt Ralf Weidlich vom Lufthansa City Center Reisebüro K+N in Nürnberg: "Ich habe ein paar Destinationen abgecheckt, jeweils auf der Basis 14 Tage in den letzten beiden Augustwochen, für eine Familie (2 Erwachsene, 2 Kinder ,14 und 10 Jahre alt), 4-Sterne Hotel." Die Preisentwicklung sei sehr dynamisch – Preise änderten sich schnell und würden von den Reiseveranstaltern tagesaktuell angepasst. "Viele der Familien haben bei uns ihren Sommerurlaub schon lange im Voraus gebucht, da war die Auswahl noch größer und die Preise günstiger. Es ist daher ratsam, Urlaube in Ferienzeiten langfristig zu buchen", so Weidlich. Hier seine Ergebnisse im Wortlaut:

  • Mallorca ab/bis Nürnberg (Flug): ab € 5.400 für ein Hotel in Can Picafort, für ein qualitativ höherwertiges Hotel an der Playa de Muro liegt der Preis aber auch über € 9.000. Jeweils mit Halbpension.
  • Italienische Adria (Eigenanreise): in Rimini, einer der beliebtesten Badeorte Italiens, € 3.100 in einem 4-Sterne Hotel, aber auch € 5.800 in einem mit besserer Ausstattung. Jeweils mit Halbpension.
  • Österreich/Kärnten (Eigenanreise): € 2.700 für ein Hotel auf einer Alm in Sonnenalpe-Nassfeld mit All Inclusive, € 3.900 am Millstätter See mit Halbpension.
  • Ungarn (Eigenanreise): am Balaton € 3.300.
  • Bulgarien/Goldstrand ab/bis München (Flug): zwischen € 4.000 und € 5.000 mit Halbpension.
  • Italien – Mobile Homes Camping: € 1.600 in den Abruzzen, aber auch € 3.700 in Bibione, ohne Verpflegung jeweils.

Extrem beliebt sind laut Weidlich auch wieder Fernziele: "Grundsätzlich spürt man eine Zunahme der Nachfrage, sobald die Länder wieder aufgemacht haben oder die Einreiseformalitäten gelockert oder aufgehoben wurden". Seine Beispiele:

  • USA: Sehr hohe Nachfrage, in den Sommerferien starke Auslastung der Flugzeuge. Ein pauschaler Preis für eine Familie ist schwierig zu nennen, die Möglichkeiten und Bedürfnisse sind zu unterschiedlich. Die Flugpreise sind hier nicht einmal außergewöhnlich höher. Sehr stark angestiegen sind die Preise für Mietwagen, diese kosten aktuell doppelt so viel wie vor Corona. Auch Eintrittspreise für die Vergnügungsparks (z.B. Disney, Universal, etc.) sind stark angestiegen.
  • Mexiko: ab € 7.000 für ein All Inclusive Resort in Playa del Carmen.
  • Thailand: € 9.000 für ein Strandhotel auf der Insel Phuket mit Halbpension.

Hinzu kommt das Kleinklein der Urlaubs-Nebenkosten

Doch bei diesen Kosten bleibt es nicht, man will sich im Urlaub auch etwas gönnen. Beispiele: Ein Mietwagen auf Mallorca kostet laut Ramón Paterna-Cruz von Starcar Rental mit Büros am Flughafen Palma und an der Playa de Palma für eine Woche im August 490 Euro, im Juni waren es noch 350 Euro. "Das sind 30 Prozent mehr als 2019", so Paterna-Cruz.

An der Playa de Palma müssen laut Betreiber Mar de Mallorca sechs Euro pro Liege und sechs für den Schirm bezahlt werden, macht bei vier Liegen und zwei Schirmen 36 Euro - pro Tag. In Riccione an der italienischen Adria zahlen Sie im Bagno für einen Sonnenschirm mit zwei Liegen 20 Euro, für zwei Wochen pauschal 180 Euro - unsere Musterfamilie zahlt also allein dafür 360 Euro. Der Eintritt in einen Spaß-Wasserpark mit vielen Rutschen liegt etwa im Aquacolors auf Istrien für die Familien-Tageskarte bei etwas über 100 Euro.

Die Kugel Eis kostet in Kroatien etwas über zwei Euro. Kullern je zwei davon in die Waffeln der Musterfamilie, sind wir bei 16 Euro - und die Kinder hätten im Urlaub gerne täglich Eis. Gelegentlich mag die Familie Pizza essen: Vier Pizzen, eine Karaffe Hauswein, ein Liter Wasser und zwei Softdrinks kosten ab 70 Euro - hier ist der Anstieg recht moderat. Die Preise sind in Italien ähnlich, Spanien ist etwas günstiger.

Genug ist genug: Viele Deutsche wollen wegen Inflation weniger reisen

Sind die Deutschen gewillt, jede noch so als unverschämt empfundene Preissteigerung zu schlucken? "Eine repräsentative Umfrage der Beratungsgesellschaft PWC besagt, dass die steigenden Preise in allen Bereichen des Lebens die neu entdeckte Reiselust der Bundesbürger wieder bremst", interpretiert das Fachportal reisevor9.

Fazit der Studie: "Drei Viertel der Deutschen denken infolge der hohen Inflation über Einschränkungen bei ihren Urlaubsausgaben nach."

Insbesondere bei Flugreisen wollen die Menschen sparen. Jeder zweite ist bei Komfort, Umfang der Aktivitäten und Dauer des Urlaubs zum Verzicht bereit. Rund 60 Prozent wollen sich Kurzurlaube und Events in diesem Jahr seltener gönnen. Bei der Wahl der Unterkunft zeigen sich jedoch Unterschiede: Bei günstigeren Unterkünften wie Ferienwohnungen oder Camping setzen die Reisenden tendenziell seltener den Rotstift an als bei teureren Unterkünften in Ferienanlagen. Mit Blick auf die Wahl des Transportmittels würden sich die Reisenden am ehesten beim Flugzeug einschränken.

Vorwurf: Holt sich die Reisebranche nun entgangene Einnahmen zurück?

In der TV-Sendung Hart aber Fair wies eine Repräsentantin von Reisebüros kürzlich den Vorwurf zurück, die Branche wolle durch Corona entgangene Einnahmen kompensieren: Niemand wolle sich nun Geld vom Kunden holen, "wir haben ja schließlich Überbrückungshilfen bekommen". Gründe für die Preissteigerungen seien die hohen Energiekosten, das fehlende Personal, die hohe Nachfrage bei weniger Angebot.

Die Reisewirtschaft ist dennoch angesichts sehr guter Buchungszahlen für den Sommer bestens gelaunt. "Insgesamt liegen die Buchungen für Pauschalreisen im Wochenvergleich seit Februar fast durchgängig über denen von 2019 – also vor Corona", sagt Kerstin Heinen vom Deutschen Reiseverband DRV unseren Medien des VNP. Urlaub stünde wieder ganz oben auf der Wunschliste der Deutschen – selbst steigende Energiekosten und zunehmende Inflation täten diesem Wunsch keinen Abbruch. Stattdessen würde 2022 sogar mehr für den Urlaub ausgegeben als jemals zuvor.

Pauschalreisen bilden noch alte Preise ab - sie dürften teurer werden

Dass die Pauschalreise vergleichsweise moderat teurer wurde, "hängt damit zusammen, dass die einzelnen Bestandteile der Reise wie Flug- und Hotelkontingente bereits im vergangenen Jahr eingekauft worden sind – also noch nicht durch die gestiegene Inflation beeinflusst sind", betont Heinen. Doch sie wird teurer werden, eine verlässliche Prognose fürs kommende Jahr sei aber nicht möglich.

Am meisten dürfte sich offensichtlich der Luxus-Urlaub verteuern: Laut der spanischen Datenanalyseplattform Mabrian sind die Preise in der griechischen Fünf-Sterne-Hotellerie gegenüber 2019 um 110 Prozent gestiegen. Auch in Ägypten (plus 48 Prozent) langen die Hotels vor allem im Topsegment zu. Günstiger geworden sind Aufenthalte im Fünf-Sterne-Hotel dagegen in der Türkei (minus 10 Prozent).

Die Expertin empfiehlt, "den Urlaub für die Hauptferienmonate möglichst früh im Jahr zu buchen und auf die Sicherheit der Pauschalreise zu setzen." Insbesondere Familien mit Kindern könnten dank Frühbucherangeboten zwischen 30 und 50 Prozent vom regulären Reisepreis sparen. Je kurzfristiger eine Buchung stattfinde, desto flexibler müssten die Reisenden allerdings sein, sowohl was das Zielgebiet als auch das Hotel angeht.

Expertin: So können Sie am Reisepreis sparen

Kerstin Heinen gibt noch drei Tipps, mit denen Sie viel Geld sparen können:

  • Ein Zielgebiet wählen, das nicht unter den Top 10 der nachgefragten Ziele zu finden ist.
  • Die Reise nicht unbedingt von Samstag bis Samstag planen. Ein Abflug in der Woche und eine ungerade Zahl an Urlaubstagen machen sich schon mal im Reisepreis bemerkbar.
  • Darüber hinaus kann es helfen, die Reise im benachbarten Bundesland zu starten, wenn dort noch keine Ferien sind oder sie bereits vorbei sind – also zum Beispiel statt von Nürnberg vielleicht von Frankfurt oder Stuttgart aus aufzubrechen.

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