Volle Plätze, irre Preise und viele Enttäuschungen

Platzt die Wohnmobilblase bald? Der Camping-Boom wird aus diesen Gründen enden

Reiseredakteur Matthias Niese
Matthias Niese

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5.4.2022, 09:03 Uhr
Ein Wohnmobilstellplatz säuft ab - viele Neu-Camper sind überrascht, welche Widrigkeiten diese Reiseform mit sich bringen kann.

© imago images/Paul Marriott, NN Ein Wohnmobilstellplatz säuft ab - viele Neu-Camper sind überrascht, welche Widrigkeiten diese Reiseform mit sich bringen kann.

Anfang März auf der Freizeit- und Tourismusmesse in Nürnberg: Weniger Aussteller füllen weniger Hallen als früher, doch die beiden Ausstellungsflächen für Wohnmobile, Wohnwagen und Campingbusse platzen aus allen Nähten. Wer die Unterhaltungen an den Ständen belauscht, hört einige konkrete Verkaufsgespräche trotz Preisen, die einem die Tränen in die Augen schießen lassen. Also alles gut in der vermeintlich heilen Campingwelt?

Die Zahlen sprechen dagegen: Im vergangenen halben Jahr sanken die Neuzulassungen bei Wohnmobilen im Vergleich zum Vorjahr um fünf Prozent, bei Wohnwagen sogar um 13 Prozent. Das könnte die Trendwende sein.

Wo sollen denn all die Reisefahrzeuge hin?

Man fragt sich sowieso schon länger: Wo sollen all die Reisemobile denn noch hin? 81.410 kamen trotz des schwächeren vierten Quartals allein im letzten Jahr hinzu, 4,3 Prozent mehr als im Boom-Jahr 2020. Zählt man die gezogenen Wohnwagen (Caravans) mit, sind es im zweiten Jahr in Folge über 100.000 Freizeitfahrzeuge. 1,6 Millionen haben derzeit in Deutschland eine Zulassung.

Es hätten noch viel mehr sein können, doch auch die Caravaning-Branche kämpft mit Lieferengpässen und Rohstoffmangel. Ihr Verband CIVD rechnete zwar für 2022 mit einer Erholung, nun versetzte der Ukrainekrieg der Branche jedoch erneut einen Dämpfer - wer weiß schon, was alles auf uns zukommt.

Vorerst bleibt die Nachfrage hoch, doch wie lange sind die Kunden bereit, von einer Inflation absurd getriebene Preise zu zahlen? Alles wird teurer, Campingplätze, Ersatzteile, vor allem aber der Diesel für die durstigen Wohnmobile, die mindestens zehn, elf Liter auf 100 Kilometer verbrauchen. Prophezeien Wissenschaftler nicht sogar einen allgemeinen Wohlstandsverlust?

Unser Leser Clubberer4711 schreibt: "Ich hatte auch damit geliebäugelt, mir zur Rente ein kleineres Wohnmobil anzuschaffen und dann immer längere Zeit unterwegs zu sein. Schon alleine wegen der Dieselpreise kann ich das zu den Akten legen. Leider sind z.B. auch die Mobilheime um einiges teurer geworden. Das Mobilheim, das ich letztes Jahr hatte, ist zur gleichen Zeit für die gleiche Dauer ca. 80% teurer geworden. Da Mobilheime immer beliebter geworden sind, haben einige Campingplätze Parzellen durch Mobilheime ersetzt. Die Stellplätze werden dadurch eher weniger statt mehr."

Die Illusion vom freien Camper-Leben wird enttäuscht

Nun stehen die Wohnmobile aber überall herum: All die alten und neuen Anschaffungen stellen in Wohnvierteln die Parkflächen zu, sie überwintern unter Brücken oder in Scheunen und werden nicht mehr nur im Sommer, sondern auch im Winter auf viel zu wenigen Stell- und Campingplätzen genutzt. Wer spontan verreisen möchte - auch dafür steht eigentlich der Camping-Traum -, findet an den Wochenenden oder in der Feriensaison kaum noch ein freies Plätzchen. Die, die mehr Zeit haben, sind schon längst angereist - wer zu spät kommt, muss enttäuscht weitersuchen.

Denn die Kommunen kommen mit der Schaffung neuer Stellplätze kaum noch hinterher. Und wer im Frühjahr für die Sommerferien einen Campingplatz am Meer buchen möchte, hat oft Pech - noch vor fünf, sechs Jahren bekam man immer noch irgendwo einen Platz. Der ist viel teurer geworden: Zahlte früher eine Familie 350 Euro die Woche für eine Parzelle etwa an der Adria, sind es inzwischen leicht 500 Euro und mehr - für ein fast leeres Stückchen Erde. Ein Leser schreibt uns: "Inzwischen sind die Kosten für ein Wohnmobil wesentlich höher als ein Urlaub im Hotel."

Viele, die sich gerade erst voller Freude und Illusionen ein Wohnmobil angeschafft haben oder mieten (was je nach Saison extrem teuer sein kann), sehen ihre Erwartungen enttäuscht. Manche erkennen zudem schon nach den ersten Fahrten, dass diese oft sehr aufwändige und auch teure Art des Reisens oft wenig gemein hat mit all den schönen Werbefotos- und -Videos der Campingindustrie. Auf denen stecken lachende Pärchen vor ihrem einsam auf der Wiese am See stehenden Wohnmobil ihre Gabel ins Abendessen, Sonnenuntergang inklusive. Viele können ob solch inszenierter Romantik nur noch lachen.

Campingurlaub: "Das wird kein schönes Ende nehmen"

Denn gerade im dicht besiedelten Mitteleuropa geht es meist stressiger zu. Vor allem größere, unhandlichere Wohnmobile werden daher weniger genutzt, als ursprünglich von ihren stolzen Käufern gedacht - sie landen kurzerhand im Verkauf. Eine Leserin schreibt uns: "Dann steht es (das Wohnmobil, d. Red.) halt doch die meiste Zeit rum und wird nur 2x im Jahr nach Italien bewegt mit allen Begleiterscheinungen..." Außerdem sind klassische Fern- und Urlaubsreisen wieder möglich - zumindest im Sommer dürfte kaum ein Ferienland Corona-Risikogebiet sein. Viele steigen nun wieder lieber in den Flieger oder fahren in eine Ferienwohnung oder ins Hotel.

Auch viele alte Wohnmobil-Hasen mögen sich heute nicht mehr zwischen die weißen Wände all der anderen Camper quetschen - auch deshalb trennen sich manche von ihrem so lieb gewordenen Fahrzeug - die Verkaufsportale füllen sich.

Der BR belegt die Entwicklung in einer Radiosendung mit Zitaten aus Camping-Gruppen auf Facebook: "Die schöne Zeit, mit einem Wohnmobil Urlaub zu machen, ist unwiderruflich vorbei! Wenn man die Stellplätze mit weißen Wänden, Meter an Meter, sieht, vergeht einem die Lust. Schade um das ehemals schöne Hobby." Ein User namens Volker schreibt: "Ich bin seit 30 Jahren Camper. Definitiv sind die schönen Zeiten vorbei. Habe mein Wohnmobil verkauft. Denke, Camping wird kein schönes Ende nehmen."

Viele weichen an Orte aus, an denen es auch bald voll ist

Es gilt die alte Regel, wonach der Tourismus den Tourismus frisst. Wo es schön ist, wollen alle hin - bis es dort nicht mehr schön ist. Nun wollen viele versteckt stehen und weichen auf Wiesen, an Waldränder oder auf Wanderparkplätze aus - oder folgen den Tipps immer neuer Wohnmobil-Reiseführer, die angeblich DEN vermeintlichen Stellplatz-Geheimtipp verraten. Anwohner und Spaziergänger rümpfen dann über sie die Nase - vor allem, wenn sie ihre Hinterlassenschaften einfach im Wald entsorgen.

Privater Stellplatz auf einer Wiese hinterm Bauernhof in Kärnten - kaum jemand hat noch solches Glück.

Privater Stellplatz auf einer Wiese hinterm Bauernhof in Kärnten - kaum jemand hat noch solches Glück. © Matthias Niese, NN

Private wie kommerzielle Anbieter stellen inzwischen auch günstige Parzellen in Privatgärten, vor Bauernhöfen, beim Winzer oder auf Wiesen zur Verfügung - häufig ohne große Infrastruktur für autarke Fahrzeuge. In Coronazeiten entstanden zudem Pop-Up-Camps - auf Zeit werden hier unter anderem von Festivalveranstaltern, Museen oder Privatleuten kleine und große Campingflächen in Deutschland ausgewiesen. Fast alle Anbieter sprechen dabei Reisende an, die das Außergewöhnliche suchen und die vollen Campingplätze mit Dauercampern und Gartenzwerg meiden, die das einfache Leben und die Natur suchen. Bis es auch dort voll wird.

Die Szene wird jünger und anspruchsloser

Die urbane Klientel der Millennials zwischen Mitte 20 und Mitte 30 ohne und mit Kindern verjüngt derzeit die Szene und wird zur wichtigen Zielgruppe. Sie liebt kompakte Modelle, voll- und teilausgebaute Kastenwagen und Vans, die schon gut die Hälfte der Wohnmobil-Neuzulassungen ausmacht - am liebsten alltagstauglich und dennoch geeignet für autarken Campingurlaub.

Die großen Dickschiffe kommen für sie nicht in Frage - vielen genügt sogar ein Aufstelldach mit Schlafplatz oder gar ein Dachzelt - der nächste große Trend auf Messen und Campingplätzen. Für drei, viertausend Euro bieten sie in kompakten Campingfahrzeugen zwei zusätzliche Schlafplätze.

Es wird daher nicht so sein, dass die Wohnmobil-Blase platzt wie man das vom Immobilienmarkt kennt. Die Werte, um die es geht, sind viel geringer. Viele Fahrzeuge sind von Erspartem und nicht auf Kredit finanziert, vom Wertverlust eines Campers wird kaum eine Existenz abhängen. Aber der Markt wird sich voraussichtlich wieder etwas beruhigen - denn ein größeres Angebot wird auf eine geringere Nachfrage treffen.

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