Böllerverbot in Bayern: Das passiert nun mit Millionen von Feuerwerkskörpern

21.12.2020, 10:33 Uhr
Trocken gelagert überstehen Raketen locker ein bis zwei Jahre. Viele Hersteller und Händler von Feuerwerksartikeln drohen nun aber, nicht mehr so lange zu überleben.

Trocken gelagert überstehen Raketen locker ein bis zwei Jahre. Viele Hersteller und Händler von Feuerwerksartikeln drohen nun aber, nicht mehr so lange zu überleben. © Christophe Gateau/dpa

Anfang Dezember war Dieter Koller noch voller Hoffnung. Zwar hatte der Neumarkter Unternehmer mit seinen Groß- und Kunstfeuerwerken in diesem Jahr einen Umsatzausfall von fast 100 Prozent, doch das Silvester-Geschäft sollte das Jahr zumindest noch zu einem versöhnlichen Abschluss führen.


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Eigens mietete er deshalb einen ehemaligen Supermarkt in Lauterhofen (Landkreis Neumarkt) mit 450 Quadratmetern Verkaufsfläche an. Dort veranstaltete er ab dem 9. Dezember einen großen Silvester-Feuerwerk-Sonderverkauf. Das Jugendfeuerwerk, das das ganze Jahr verkauft werden darf, Leuchtkugeln für Signalpistolen oder bengalische Feuer durften die Kunden sofort mitnehmen, das typische Silvester-Feuerwerk wurde reserviert, bezahlt und von Kollers Mitarbeitern so verpackt, dass es ab dem 29. Dezember abgeholt werden könnte.

"Wir müssen den Kunden das Geld zurückzahlen"

"Jetzt müssen wir es wieder auspacken, den Kunden das Geld zurückzahlen und die Ware im Bunker einlagern", sagt Koller. Denn am 13. Dezember beschlossen Bund und Länder, dass der Verkauf von Feuerwerkskörpern in Deutschland verboten wird, Bayern veröffentlichte kurz darauf eine entsprechende Verordnung. Nach vier Tagen war mit Kollers Sonderverkauf in Lauterhofen Schluss.

Auch Röder Feuerwerk aus Schlüsselfeld (Landkreis Bamberg), einer der größten deutschen Online-Händler für Privat-Feuerwerk, muss Abertausende Päckchen, die 30 Saisonarbeitskräfte seit Oktober eingepackt haben und die Ende Dezember innerhalb von drei Tagen verschickt werden sollten, nun wieder auspacken und im Lager einsortieren. "Das ist viel aufwändiger als das Einpacken. Wir werden monatelang damit beschäftigt sein und müssen erst einmal wieder Saisonarbeitskräfte dafür finden", verdeutlicht Markus Strasser von Röder Feuerwerk.


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Dieter Koller hat noch Glück. Der Neumarkter Groß- und Einzelhändler von Feuerwerksartikeln hat in der Oberpfalz ein ehemaliges Munitionsdepot der Bundeswehr mit mehreren Bunkern übernommen. "Dort können wir mehrere Tonnen Feuerwerkskörper einlagern", verdeutlicht Koller. Doch viele seiner Kollegen können das nicht. Sie wissen derzeit nicht, wohin mit der Ware.

Bei der Ministerpräsidentenkonferenz Ende November wurde noch entschieden, kein generelles Verkaufs- und Abbrennverbot von Feuerwerksartikeln zu verhängen. Darauf mussten sich Hersteller und Importeure verlassen und im großen Stil die Ware ins Land holen und verteilen.

Die Industrie trägt die kompletten Kosten

"Ein Großteil der Sendungen befindet sich bereits im Handel. Da es sich um ein Kommissionsgeschäft handelt, liegt das Risiko vollständig bei der Industrie, das heißt wir müssen die Ware auf eigene Kosten zurückholen", verdeutlicht Thomas Schreiber, Geschäftsführender Gesellschafter von Weco, dem führenden Feuerwerksunternehmen in Deutschland mit Sitz in Nordrhein-Westfalen. Die Dimension ist dabei gewaltig: 20.000 Verkaufsstellen werden von dem Unternehmen beliefert.

Den Discountern fehlt der Umsatz, die Ware und den Rücktransport bezahlen müssen sie aber nicht. Lidl teilt auf Anfrage unserer Zeitung mit, dass alle Vorbestellungen für Feuerwerk über die Lidl-Plus-App umgehend und automatisch storniert werden. Da die Bezahlung erst bei Abholung erfolgt wäre, müssen die Kunden nichts weiter unternehmen. Die bereits an Lidl ausgelieferten Feuerwerksartikel werden von den Lieferanten wieder abgeholt.

Auch Norma macht jedes Jahr mehrere Millionen Euro Umsatz mit Silvester-Feuerwerk. Weil das Geschäft im vergangenen Jahr so gut lief, wurde für dieses Jahr sogar noch mehr bestellt als zuvor. 70 Prozent der Ware sind bereits ausgeliefert und liegen in den Lagern bereit. Nun bemühe man sich gemeinsam mit den Lieferanten um eine "partnerschaftliche Lösung für den Rücktransport", teilt Unternehmenssprecherin Katja Heck mit. Insbesondere bei der Logistik werde man dem Zulieferer aktiv unter die Arme greifen.

Aldi Süd hatte seine Feuerwerk-Angebote teilweise schon beworben - und wechselte in den Prospekten die Feuerwerks-Titelseite gegen Sekt-Angebote aus.

Insolvenz des Marktführers droht

Feuerwerks-Marktführer Weco, der 40 Prozent seiner Waren selbst herstellt und den Rest importiert, ist nun akut von der Insolvenz bedroht. "Die Ware ist vollständig vorfinanziert und wir haben die Auslieferung von über 130.000 Paletten geplant", sagt Thomas Schreiber. Die Aussendung und die eigene Produktion wurde gestoppt, die Waren werden zurückgeholt.

Zwar können Feuerwerkskörper, wenn sie sicher und trocken gelagert werden, durchaus ein bis zwei Jahre unbeschadet überstehen, doch die Lagerkapazitäten dafür sind kaum vorhanden. 30 Lagerstandorte in Deutschland müssen von Weco nun ein komplettes Jahr finanziert werden – ohne Einnahmen aus dem diesjährigen Silvestergeschäft, das für das Unternehmen 95 Prozent des Jahresumsatzes ausmacht.

Trotzdem ist eine Einlagerung noch lukrativer als eine kontrollierte Vernichtung der Ware. Diese würde sich ohnehin über Monate hinziehen, weil nur wenige Betriebe und Orte für diese Vernichtung zugelassen sind.


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Auch Großfeuerwerke als Ersatz für private Knallerei könne bald niemand mehr veranstalten, wenn die ganze Branche ruiniert sei, meint Weco-Gesellschafter Schreiber. "Ich betone es nochmal ganz deutlich: Ohne finanzielle Hilfe in zweistelliger Millionenhöhe gibt es uns nächstes Jahr nicht mehr", so Schreiber.

Praktisch keine staatliche Unterstützung

Bisher sind Hersteller und Händler von Feuerwerkskörper aber fast gänzlich durchs Raster der staatlichen Hilfen gefallen. "Unseren Juristen zufolge haben wir keine Möglichkeit, auf die Überbrückungshilfen zuzugreifen. Die Politik weiß das auch. Zahlreiche Kontaktversuche und Hilferufe unserer Branche blieben aber unbeantwortet", heißt es beim Bremerhavener Hersteller Comet.

"Die Soforthilfe, die wir im Frühjahr bekommen haben, ist nur ein ganz kleiner Tropfen auf den heißen Stein", sagt auch Dieter Koller aus Neumarkt. Derzeit lebe man von dem in den vergangenen Jahrzehnten erwirtschafteten Ersparten, das eigentlich für einen sorglosen Ruhestand gedacht war.

Koller hält denn auch nicht viel von dem kompletten Verkaufsverbot für Feuerwerkskörper. "Der Verkauf für das Abfeuern auf dem eigenen Grundstück im kleinen Familienkreis hätte erlaubt bleiben sollen. Das wäre eine sinnvolle und vernünftige Lösung gewesen. Ein Verbot für die Nürnberger Burg ist sicher richtig, im außerstädtischen Bereich ist das aber absoluter Quatsch", meint er.

25 Verletzte durch Feuerwerk

Die meisten Schäden und Verletzungen an Silvester resultierten laut Koller aus Alkoholkonsum, nicht aus dem Entzünden von Feuerwerkskörpern. Laut bayerischem Innenministerium gab es beim vergangenen Jahreswechsel in ganz Bayern 25 Verletzte durch Feuerwerk. 201 Brände wurden durch Pyrotechnik ausgelöst, dabei brannten allerdings meist eher Mülleimer als Häuser. Bayernweit entstand ein Schaden von knapp vier Millionen Euro, in Nürnberg fiel bei fünf Bränden ein Schaden von insgesamt 3430 Euro an. "Die schlimmeren Verletzungen durch Böller entstehen zu mehr als 90 Prozent durch illegales Feuerwerk aus dem Ausland", sagt Koller.


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Und genau diese illegalen Böller könnten in diesem Jahr häufiger werden, befürchtet der Neumarkter Unternehmer. Schon im vergangenen Jahr stellte der deutsche Zoll 14,5 Tonnen Pyrotechnik sicher, das meiste davon aus Polen, in Bayern verstärkt auch aus Tschechien. Erst vor wenigen Wochen wurde bei Frankfurt (Oder) ein Kleintransporter mit 941 Kilogramm Feuerwerkskörpern aufgegriffen.

Zur Frage, ob überhaupt geböllert werden darf, erklärte das Gesundheitsministerium auf Anfrage: "Soweit nicht aus anderen Gründen ein Verbot besteht (z.B. von Seiten der Kommunen das Abbrennen von Feuerwerken in bestimmten Teilen des Gemeindegebiets verboten wurde), ist allerdings ein Abbrennen von im letzten Jahr erworbener Pyrotechnik auf Privatgrundstücken unter Beachtung der auch an Silvester und Neujahr geltenden Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen möglich."

Verstärkte Böllerei im kommenden Jahr?

Falls zumindest einige in der Branche überleben können, hat Dieter Koller immerhin Hoffnung für den übernächsten Jahreswechsel. Denn immer wieder zeigt sich: Ist die Böllerei einmal nicht möglich, wird bei der nächsten Gelegenheit umso mehr geschossen.

Feuerwerk musste zum Beispiel am Schweizer Nationalfeiertag am 1. August zweimal in Folge wegen Trockenheit verboten werden. In diesem Jahr war es nicht so trocken, die Böllerei war wieder erlaubt. Prompt wurde die doppelte Menge verkauft.

Am Independence Day in den USA ging in diesem Jahr mehr als die eineinhalbfache Menge der Vorjahre über den Ladentisch. "Die Leute denken sich: Wenn einem schon sonst jegliche Freude genommen wird, wollen wir zumindest das Feuerwerk genießen", meint Koller und hofft, dass auch die Deutschen im kommenden Jahr verstärkt böllern werden.